Kraftwerk vor dem Verkauf

Weg damit: Die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm wollen die Anlage zur Holzverschwelung in Senden loswerden. Der Verkauf ist beschlossen. Unklar ist nur noch, an wen.

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Ist jetzt auf dem Markt: Das Holzgas-Heizkraftwerk der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm in Senden. Was es kosten soll, ist nicht bekannt. Es gibt offenbar drei Kaufinteressenten. Eine Entscheidung könnte schon bald fallen.  Foto: 

Sie läuft jetzt zwar, kommt aber weiterhin immer wieder ins Stottern. „Und so eine halbe Versuchsanlage passt auf Dauer nicht ins Portfolio der SWU“, sagt einer, der das damit gemeinte Holzgas-Heizkraftwerk der Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm gut kennt. „Dafür hat die SWU nicht die Leute.“ Ergo steht nun nach den vorliegenden Informationen tatsächlich der lange vermutete Schritt an: Das kurz HGA genannte Kraftwerk in Senden soll verkauft werden.

Wie Insider berichten, haben drei Interessenten ein Angebot abgegeben. Zwei davon seien ausverhandelt und unterschriftsreif. Es laufe derzeit intern eine abschließende Bewertung, was für die SWU am besten wäre. Denn die beiden konkreten Optionen unterscheiden sich deutlich: Der eine Bieter hat offenbar Zugang zu günstigem Holz, das er möglichst gewinnbringend in der Anlage verschwelen und so zu Strom und Wärme machen will. Der zweite Interessent will angeblich selbst eine Anlage zur Holzverschwelung im großen Stil bauen und dafür mit dem SWU-Kraftwerk wichtige Erfahrungen sammeln. Da sei es auch egal, wenn zwei, drei Millionen Euro verbrannt werden, meint der Insider.

Der erste potentielle Käufer bietet an, dass die SWU mit ihrem Personal weiterhin Betreiber der Anlage sein könnten. Der andere Investor würde die HGA mit der eigenen Mannschaft bestücken. Der dritte Interessent feilt offenbar noch an seinem Angebot. So oder so: Die Mitarbeiter in Senden werden nicht arbeitslos werden. Bei den SWU gibt es eine Beschäftigungsgarantie. Der Beschluss, zu verkaufen, soll laut den vorliegenden Informationen noch in diesem Jahr fallen, vielleicht sogar noch im September.

Offiziell bestätigen die SWU die bevorstehende Entscheidung nicht. Pressesprecher Sebastian Koch schreibt auf Anfrage: „Die SWU befinden sich momentan in einer Bewertungsphase und prüfen verschiedene Ansätze zum künftigen Umgang mit dem Holzgas-Heizkraftwerk in Senden.“ Sobald die Strategie beschlossen ist und vorzeigbare Ergebnisse vorliegen, würden sich die SWU an die Öffentlichkeit wenden.

Koch lässt auch die Frage unbeantwortet, wie zufrieden die SWU mit dem Holzgas-Heizkraftwerk sind, wie viel Wärme und Strom zuletzt produziert wurde, wie viele Fernwärmekunden es in Senden und Neu-Ulm gibt. Immer wieder musste die Anlage, Spatenstich war 2010, nachjustiert werden. Nirgendwo sonst wurde nämlich die innovative Technik der Holzverschwelung in diesem Maßstab angewandt. Dann gab es auch noch einen – letztlich mit einem Vergleich entschiedenen – Streit mit dem Anlagenbauer.

Zuletzt gute Ergebnisse

Zuletzt hatte Koch im Februar gemeldet, dass die HGA im Jahr 2016 ihr Planergebnis erreicht habe. 2017 würden sich Leistung und Ergebnis wohl steigern lassen. Die gute Entwicklung sei „auch in Zukunft die Grundlage für einen andauernden Betrieb“.

Der Insider berichtet, dass die Anlage abgeschrieben ist, also keine weiteren Verluste in der Konzernbilanz verursacht. Aber sie sei den SWU technisch nach wie vor nicht zuverlässig genug, deshalb wolle man sie loswerden.

Prinzip Holz wird hohen Temperaturen ausgesetzt, es verschwelt. Das freigesetzte Gas wird in Motoren verbrannt, die Generatoren antreiben – Strom entsteht. Mit der Prozesswärme wird Wasser erhitzt. Diese Technik ist noch nie in solcher Größe gebaut worden, wie in der Pilotanlage in Senden. Inzwischen gibt es freilich Folgeprojekte.

Leistung Dank der Kraft-Wärme-Kopplung hat die Anlage einen Wirkungsgrad von rund 80 Prozent. Die Leistung liegt bei rund 5 Megawatt elektrisch - reicht für rund 10.000 Haushalte – und 6,4 Megawatt thermisch. Die Wärme wird ins Fernwärmenetz eingespeist.

Probleme Gut klappt offenbar die Holzgaserzeugung, Durchsatz: 40.000 Tonnen Holz im Jahr. Allerdings spielten die konventionellen Teile des Kraftwerks (Baubeginn war 2010) und die neuartigen Anlagenkomponenten nicht von Anfang an perfekt zusammen. Auch musste die Abgasreinigung nachgerüstet werden.

Kosten Das Kraftwerk kostete etwa 33 Millionen Euro, plus 500.000 Euro für Katalysatoren. Die Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe (FNR) spendierte 6,6 Millionen Euro.

Kritik FNR-Chef Andreas Schütte sagte 2016:  Die HGA habe „die technische Machbarkeit und die Genehmigungsfähigkeit des Verfahrens nachgewiesen“. Erkenntnisse konnten gewonnen werden, etwa zur Frage, wie sich Holzverschwelungs-Kraftwerke besser auslasten und wirtschaftlicher betreiben lassen. Gleichwohl habe sich gezeigt, „dass es schwierig ist, die Vergasung fester Biomasse zur Erzeugung von Strom und Wärme in diesem Leistungsbereich vollständig marktfähig zu gestalten“.

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