Gericht: Innere Stimmen befehlen, die Eltern umzubringen

Mit einem Messer verletzt ein 56-Jähriger seine Mutter lebensbedrohlich. Der Weißenhorner ist geistig  krank. Das Landgericht weist ihn für unbestimmte Zeit in eine psychiatrische Klinik ein.

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Die Justitia.  Foto: 

Sechs Wochen lang hört ein 56-jähriger Weißenhorner Stimmen. Innere Stimmen, die ihm befehlen, seinen Vater und seine Mutter umzubringen. „Sie haben keine Ruhe gegeben“, sagt der Angeklagte vor dem Landgericht in Memmingen. Am 2. März dieses Jahres hält er es nicht mehr aus. Gegen 11 Uhr steckt er sich ein Küchenmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge in die Manteltasche und geht die etwa 100 Meter von seiner Wohnung hinüber zum Haus seiner Eltern.

Er betritt das Haus durch die Terrassentür, trifft seine Mutter im Flur. Der Vater führt zu dieser Zeit die Hunde spazieren. Die 77-Jährige wundert sich noch, dass der Sohn keine schmutzige Wäsche dabei hat. Dann stößt der 56-Jährige ihr das Messer mit so einer Wucht in den Bauch, dass er die Klinge nicht mehr herausbekommt. Er würgt seine Mutter mit beiden Händen, worauf diese stürzt. Er knallt ihren Kopf gegen die Steinfliesen im Flur und schlägt ihr mit der Faust ins Gesicht. Sagt: „Wann stirbst Du endlich?“ Die 77-Jährige bleibt bei Bewusstsein, versucht, mit ihrem Sohn zu reden, fängt an, das Vaterunser zu beten.

Daraufhin lässt ihr Sohn von ihr ab, verlässt das Haus wieder durch die Terrassentür. Um 11.17 Uhr ruft die lebensgefährlich verletzte Frau den Notruf. Ihr Sohn trifft vor seiner Wohnungstür eine Bekannte. Er bittet diese, Rettungsdienst und die Polizei zu rufen. Er habe seine Mutter niedergestochen Um 11.36 Uhr wird er von der Polizei festgenommen. Widerstandslos. Seine Mutter kann in einer Notoperation gerettet werden.

Am Dienstag wurde vor der 1. Strafkammer am Landgericht Memmingen gegen den Angeklagten verhandelt. Der 56-Jährige war geständig, nur an einige Details wollte er sich nicht mehr erinnern. Das Bild wurde durch die schriftlichen Aussagen der Mutter, von Kriminalermittlern, Sachverständigen und weiterer Zeugen vor Gericht vervollständigt. Die Anklage lautete auf gefährliche Körperverletzung, weil der Angeklagte – wenn auch spät – von seiner Tötungsabsicht abgerückt war.

Der 56-Jährige ist psychisch krank. Dabei spielt offenbar die Trennung von seiner früheren Ehefrau eine wichtige Rolle, die ihn 2014 verließ, 2016 wurden die beiden geschieden. Bis 2014 führte der gelernte Industriekaufmann ein geregeltes Leben, es gibt keinerlei Einträge im Vorstrafenregister. Zwischen 2014 und 2016 folgten dann allein acht stationäre Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken. Fünf Mal davon im Bezirkskrankenhaus in Günzburg. Im Jahr 2015 unternahm der jetzt Angeklagte einen Selbstmordversuch.

Medikamente abgesetzt

In diesem Zeitraum war er auch einmal verschwunden. Schließlich wurde er in seinem Auto bei Erfurt gefunden, er hatte das Fahrzeug offenbar eine Woche nicht verlassen, war dehydriert und beschmutzt. In klinischen Behandlungen wurden dem Weißenhorner immer wieder Medikamente verschrieben, die er aber nach der Entlassung absetzte.

Trotzdem war er laut diverser Aussagen vor dem Angriff auf seine Mutter gegenüber Dritten niemals aggressiv gewesen. „Diese Tat konnte keiner vorhersehen“, sagte Richter Jürgen Hasler in der Urteilsbegründung. Zudem hatte ein psychiatrischer Gutachter die Schuldunfähigkeit des Angeklagten festgestellt. Der Psychiater diagnostizierte eine organische Halluzinose und eine organische depressive Störung. Diese können etwa durch Krankheiten und Störungen im Gehirn ausgelöst werden. Somit sei die Einsichtsfähigkeit während der Tat nicht gegeben gewesen.

Der 56-Jährige bleibt nach dem Urteil des Landgerichts auf unbestimmte Zeit im Bezirkskrankenhaus in Günzburg. Dorthin war er schon kurz nach der Tat gebracht worden. Er bekommt wieder Medikamente, eine ergänzende Gesprächstherapie verläuft noch schleppend. Auch seine Mutter hofft, dass er bald gesund wird. „Das war nicht mehr mein Sohn“, hatte sie kurz nach dem Angriff gesagt. Nun hofft sie, ihn zurückzubekommen.

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