Inflationsgeld aus dem Jahr 1923: Als alle Millionäre waren

Zweimal in der Geschichte hat Weißenhorn eigenes Geld hergestellt: Zu Zeiten Anton Fuggers und während der Inflation in den 1920er Jahren. Ralf und Florian Kull haben einige dieser Scheine in ihrer Sammlung.

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  • Dokumente aus der Zeit, als Weißenhorn die Druckerpressen anwarf: Ralf Kull und sein Sohn Florian haben Notgeld aus dem Jahr 1923 in ihrer Sammlung - außerdem Narrengeld und alte Postkarten. 1/3
    Dokumente aus der Zeit, als Weißenhorn die Druckerpressen anwarf: Ralf Kull und sein Sohn Florian haben Notgeld aus dem Jahr 1923 in ihrer Sammlung - außerdem Narrengeld und alte Postkarten. Foto: 
  • Ralf Kull und sein Sohn Florian sammeln Narrengeld und alte Postkarten. 2/3
    Ralf Kull und sein Sohn Florian sammeln Narrengeld und alte Postkarten. Foto: 
  •  Notgeld aus dem Jahr 1923 3/3
     Notgeld aus dem Jahr 1923 Foto: 
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Es waren völlig unterschiedliche Anlässe, die die Weißenhorner Oberen dazu brachten, eigenes Stadtgeld unters Volk zu bringen. Als Anton Fugger in der Münze Weißenhorn seinen Gulden schlagen ließ, stand der mittelalterliche Ort in voller Blüte, das Fuggergeld zeugte von wachsendem Wohlstand. Dagegen war die Stimmung in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts trist, als Weißenhorn die Druckerpresse für ein eigenes Notgeld anwarf. Ralf Kull und sein Sohn Florian, beide Kenner der Fuggerstadt-Geschichte, haben einige Geldscheine aus dem Jahr 1923 in ihrer großen Sammlung historischer Dokumente.

Damals war wohl jeder Weißenhorner Millionär, auch wenn das nichts half: Seit dem verlorenen Ersten Weltkrieg hatte die Mark so rapide an Wert verloren, dass einige Städte Parallelgeld zu den Scheinen der Reichsbank druckten. Im August 1923, wissen Ralf und Florian Kull, wurde dies vom Stadtrat zum ersten Mal beschlossen, gedruckt werden sollten 20 Milliarden Mark. Der kleinste Schein war ein Hunderttausender, nicht viel angesichts der Tatsache, dass für einen amerikanischen Dollar 4,6 Millionen Mark bezahlt werden mussten.

Die 20 Milliarden hielten nicht lange vor, erzählt Florian Kull. Erst erhöhte der Stadtrat die Gesamtsumme "Weißenhorner Geldes" auf 50 Milliarden, dann Ende September auf 250 Milliarden. Der 20-Millionen-Schein, den Kulls in ihrer Sammlung haben und der die Silhouette der Stadt zeigt, reichte da nicht einmal mehr für einen Theatereintritt. Bürgermeister Franz Josef Schneider, der die Geldentwertung als gelernter Kaufmann mit großer Sorge betrachtete, ließ nachlegen: Im Oktober druckte die "Stadtgemeinde Weißenhorn" 20-Milliarden-Scheine mit Rautenmuster und Scheine im Wert einer Billion Mark mit einem Bild des Oberen Tors. Eine Semmel kostete da schon 2,5 Millionen Mark. "Es gibt Bilder von Leuten, die mit Koffern voller Geld zum Einkaufen gehen", erzählt Ralf Kull.

Das Weißenhorner Geld war eigentlich ein Gutschein, der nur in der näheren Umgebung der Stadt als Zahlungsmittel galt. Und natürlich war jeder darauf bedacht, die Scheine möglichst schnell gegen Sachwerte einzutauschen, um weiteren Wertverlust zu verhindern. Doch der ließ sich erst einmal nicht stoppen, Ende Oktober kosteten 500 Gramm Brot schon 1,6 Milliarden. Im November war dann der Spuk vorbei. Weißenhorn stellte die Druckerpressen ab: Die neue Rentenmark brachte allmählich mehr Stabilität in die Wirtschaft.

Das Inflationsgeld, das die Kulls teils aus Nachlässen bekommen, teils im Internet gekauft haben, ist nicht die einzige Kuriosität in den historischen Akten von Vater und Sohn. Aus dem Jahr 1980 haben sie einige Tausender-Scheine "Stadtgulden", herausgegeben von der "Weißenhorner Münz". Dabei handelt es sich um Narrengeld, unters Volk gebracht von den Weißenhorner Fasnachtern.

Doch die Obrigkeit, erzählt Ralf Kull, verstand gar keinen Spaß. Sie ließ die Weißenhorner Tausender mit dem freundlich lächelnden Männerporträt einsammeln und vernichten - bis auf ein paar wenige, die etwa Kulls besitzen. "Das muss einen riesigen Ärger gegeben haben", sagt Florian Kull. Dabei hatten die Narren extra im Kleingedruckten auf dem Schein vor dem Gebrauch als Zahlungsmittel gewarnt: "Wer diesen Geldschein einwechselt, ist selber schuld. Gültig nur am Faschingsdienstag."

Große Privatsammlung

Archiv Obwohl die Familie eigentlich aus dem Württembergischen stammt, haben Ralf und Florian Kull die wohl größte private Sammlung zur Geschichte von Weißenhorn. Dazu gehören rund 170 Postkarten mit Motiven aus der Fuggerstadt, die ältesten davon sind aus dem 19. Jahrhundert. Diese veröffentlicht Florian Kull regelmäßig mit einem aktuellen Foto des Motivs versehen auf seiner Facebook-Seite "Weißenhorn - heute und damals". Auch hunderte Sterbebildchen von Weißenhorner Bürgern haben Kulls in ihrem Archiv. Gut nachzeichnen können sie damit das Grauen, das beide Weltkriege über die Stadt und die Weißenhorner Familien gebracht haben: Viele der Toten sind junge, kaum 20 Jahre alte Männer, die ihren Einsatz als Soldat in den Weltkriegen nicht überlebt haben.

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Kommentare

05.01.2016 15:54 Uhr

Inflationsgeld aus dem Jahr 1923: Als alle Millionäre waren

Lustig, lustig, wenn wir mit dem Gelddrucken so weiter machen, dauert es nicht mehr lange, dann sind alle Milliardäre.

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