In Gundremmingen fordern 3000 Demonstranten sofortigen Atomausstieg

Atomkraftgegner demonstrierten in Gundremmingen für den sofortigen Kernenergie-Ausstieg. Mancher Einwohner will das Kraftwerk lieber behalten.

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In Sichtweite des Atomkraftwerks Gundremmingen haben gestern Tausende für die sofortige Energiewende demonstriert. Foto: Matthias Kessler

Die Gruppen Pimento und Pica-Pau geben den Demonstranten den Rhythmus vor, die Trommler führen den Protestzug an, der sich vom Gewerbegebiet "Hirschberg" aus in die Ortsmitte von Gundremmingen bewegt. Dort wird er mit einem zweiten Zug zusammentreffen, der ebenfalls außerhalb der Gemeinde gestartet ist. Etwa 3000 Demonstranten sind gestern Nachmittag zum Jahrestag des Beginns der Fukushima-Katastrophe einen Aufruf der Initiative "Forum" sowie weiterer Organisationen gefolgt, sich für einen sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie stark zu machen.

Monika Hitzler, Vorstandmitglied im "Forum", gehört zur Trommler-Gruppe. Der Bau des 2006 in Betrieb genommenen Zwischenlagers sei für sie der Anstoß gewesen, sich gegen die Atomkraft zu engagieren. "Ich wohne zwölf Kilometer vom Kraftwerk entfernt", sagt sie. "Eine Flutwelle kann Gundremmingen zwar nicht treffen, aber was ist mit einem Terrorangriff?" Auch Wolfgang Moll engagiert sich gegen die Atomenergie, im Aktionsbündnis "Atomausstieg jetzt!". Der Neu-Ulmer Grünen-Stadtrat hat sich - wie seine Mitstreiter - ein Kostüm aus einem Pappkarton gebastelt. "90 Kilogramm Atommüll" steht darauf, soviel sollen jeden Tag im Kraftwerk Gundremmingen entstehen.

Es ist bunter Zug, der sich auf den Weg macht, mit unzähligen Fahnen und Transparenten. "Atomkraft? Nein danke" ist darauf zu lesen und "Atomdreck weg". Eltern schieben ihre Kleinkinder im Kinderwagen vor sich her, Schüler haben ihre Rucksäcke mit Anti-AKW-Slogans beklebt und einige Rentner nutzen einen Rollator, um mit dem Zug Schritt zu halten. Auch der Landtagsabgeordnete Jürgen Filius (Grüne) aus Ulm ist dabei. Er freut sich über die vielen Teilnehmer. Es sei wichtig ein klares Zeichen für die Energiewende zu setzen.

Im Ort werden die Rufe lauter, "Ab-schal-ten!", tönt es. "An den Häusern hängt kein einziges Plakat", wundert sich eine Demonstrantin. "Die scheinen mit ihrem Kernkraftwerk zufrieden zu sein." Viele Schaulustige haben sich nicht an den Straßenrand verirrt, Josef und Maria Baur bilden eher die Ausnahme. Sie sind dagegen, das AKW abzuschalten. Wegen der Arbeitsplätze, die daran hängen.

Vor dem Rathaus treffen sich die Demonstrationszüge. Dort halten die Protestierenden auch einmal kurz für ein stilles Gedenken inne. Auf der Bühne sprechen unter anderem "Forum"-Vorsitzender Raimund Kamm, Martin Geilhufe vom BUND und Reinhold Thiel von der Ärzteinitiative gegen Kernkraft IPPNW. Noch in diesem Jahr muss Gundremmingen abgeschaltet werden, lautet eine Forderung.

Nach der Kundgebung strömen viele die AKW-Gegner zurück zu ihren Autos ins Gewerbegebiet. Markus Kriener hat dort eine Textil-Reinigung, zu seinen Kunden gehört auch das Kernkraftwerk. "Bei uns macht das nur einen kleinen Teil des Umsatzes aus", sagt er. Aber ein benachbarter Betrieb für Bohr- und Trenntechnik erwirtschafte mehr als 70 Prozent des Umsatzes mit Aufträgen des Kraftwerks. "Die trifft ein sofortiger Ausstieg hammerhart."

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Kommentare

14.03.2012 14:10 Uhr

Gegenwärtig wird der Ausstieg ganz überwiegend durch Braunkohlestrom

ersetzt, die Folge ist auch ein faktischer Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll.

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14.03.2012 10:48 Uhr

Sofort abschalten - Wie sieht die (Ersatz-)Lösung aus?

(..) In Gundremmingen fordern 3000 Demonstranten sofortigen Atomausstieg (..)

Es ist schön und toll, das hier mal wieder grüne Politiker eine Marketing-Aktion durchführen konnten; siehe z.B. (..) Auch der Landtagsabgeordnete Jürgen Filius (Grüne) aus Ulm ist dabei. (..)

Eine sofortige Abschaltung von Grundremmingen hat zur Folge, das der dann fehlende Strom aus anderen Quellen zu kommen hat.
Woher? Welche Quellen?

Vielleicht hat Herr Filius als frischgewählter BaWü-Landtagsabgeordneter Lust eine Antwort auf diese Frage zu geben?!
(Schliesslich hat ihm und seinen grünen Kollegen das AKW-Unglück in Japan BaWü-Landtagswahl-Glück/Politik-Macht gebracht. Da könnte man sich mit diesem Thema - ausser zu demonstrieren und Phrasen zu dreschen - durchaus auch mal intensiver beschäftigen. Oder etwa nicht?)

Demonstrieren a la S21 und Parolen von sich zu geben ist leicht, sehr leicht - aber wo sind die belastbaren Lösungen/Alternativen?

Alles wird gut!

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