Hinschauen mit Fingerspitzengefühl

|
Ehrenamtliche in der Hospiz-Arbeit mit der Jubiläumsbroschüre (v.l.): Karin Reinalter, Bernhard Schlager, Sylvia Weiser-Morschhauser, Evelin Klein, Johanna Nientied, Rosi Mayer, Anita Liggefeld, Sabine Gabriel-Brauchle und Ingrid Stein.  Foto: 

Bei uns wird auch gelacht“, sagt Evelin Klein. Seit dem Frühjahr ist sie Vorsitzende der ambulanten Hospizgruppe Illertissen. Die Wainerin weiß, dass die Menschen diese Arbeit anerkennen, aber oft nur den ernsten Aspekt sehen. „Ja, es geht ums Sterben“, sagt Klein. „Aber wir sind nicht alle traurig. Wir kommen unvoreingenommen zu den Menschen.“

36 Frauen und Männer, 40 bis 76 Jahre, alt sind momentan ehrenamtlich in der Gruppe aktiv, die am 29. September 1997 gegründet wurde. Bereits im Juni vor 20 Jahren hatten sich 33 Teilnehmer zu einem Grundkurs Sterbebegleitung angemeldet, den der im Frühjahr verstorbene Mediziner Paul Becker im Pfarrheim St. Martin leitete. Es war der Auftakt zur Entwicklung der ambulanten Hospizgruppe, die von Gerti Keßlinger geleitet wurde.

Zauber und Tabu

Der Gründungszeit wohnte „ein gewisser Zauber“ inne, sagt Gerti Keßlinger heute, obschon Hospizarbeit damals noch ein sehr tabu-besetztes Thema gewesen sei. Aber die Gruppe wagte sich an die Öffentlichkeit, veranstaltete Vorträge, initiierte Theateraufführungen und Konzerte –  und bekam Zuspruch. Im Frühjahr 1998 begann die Gruppe mit ihrer praktischen Arbeit.2001 wurde im Benefitiatenhaus ein Hospizbüro für Beratungen und Gespräche eingerichtet; sechs Jahre später fand dort das erste Trauercafé statt.

  Bis heute ist die Trauerarbeit ein wichtiges Thema. Denn neben der Sterbebegleitung kümmern sich die Ehrenamtlichen auch um Trauernde. „Auch mit der Trauer sollen die Menschen nicht allein bleiben“, sagt Johanna Nientiedt. Noch immer findet dafür neben den Einzelbegleitungen jeden ersten Freitag im Monat ein Trauercafé statt – nun allerdings im 2015 eröffneten Benild-Hospiz.

Bernhard Schlager ist seit 2015 Koordinator der ambulanten Hospizgruppe, ein Bindeglied sozusagen, um Trauernde und Sterbende mit den Ehrenamtlichen zusammenzubringen. Bereits 2013 wurde mit Irene Baur die erste hauptamtliche Koordinatorin eingestellt. 2016 übernahm Schlager die Stelle von Baur ganz. Er wird seit diesem Jahr von einer weiteren Koordinatorin, Johanna Nientiedt, unterstützt. Die beiden organisieren nun unter anderem die Fortbildungen, führen Erstgespräche und gestalten die monatliche Gruppenstunden. Dort können sich die Ehrenamtlichen austauschen, gemeinsam Rückschläge verarbeiten.

Denn ihre Arbeit ist nicht immer leicht. Zwar lernen sie in einer speziellen AusbildungGrundwissen über die Hospizarbeit, psychologische Hintergründe und auch, mit der eigenen Trauer umzugehen. „Letztlich aber einen Besuchsdienst eigenverantwortlich zu übernehmen, ist ein besonderer Schritt“, sagt Sylvia Weiser-Morschhauser, die 2012/13 ihre Ausbildung zur Hospizbegleiterin absolviert hat. „Es erfüllt mich“, sagt sie heute. Man erfahre viel Wertschätzung, bekomme viel zurück. Viele Ehrenamtliche berichten von solchen Erfahrungen: „Wenn ich von einer Begleitung komme, fühle ich mich wertvoller. Eben, weil ich auch Freude zurückbekomme“, sagt Sabine Gabriel-Brauchle. Die Situation sei letztlich für keinen der Beteiligten leicht, meint Klein. Aber was zähle, sei die Herzensqualität: „Wir sind einfach da. Wir schauen hin mit Fingerspitzengefühl!“ Das sei die Qualität in der Arbeit der Ehrenamtlichen.

 Info Am Wochenende, 7. und 8. Oktober, wird das 20-jährige Bestehen gefeiert. In der Festhalle im Kolleg der Schulbrüder gibt es am Samstag um 19 Uhr ein Eröffnungskonzert mit dem Jungen Kammerorchester Stuttgart. Am Sonntag steht um 10.30 Uhr ein Gottesdienst in der St. Martin Kirche an, um 12 Uhr ist Sektempfang mit anschließendem Mittagstisch in der Historischen Schranne. Um 13.30 Uhr folgen offizielle Grußworte,um 15 Uhr rundet die Clown-Frau „Aphrodite“ den Tag ab.

Ambulant und stationär Die ambulante Hospizarbeit unterstützt Betroffene zu Hause, im Altenheim oder Krankenhaus. Ziel ist es, dem Kranken das Sterben in der gewohnten Umgebung zu ermöglichen. Speziell ausgebildete ehrenamtliche Mitarbeiter ermöglichen den Angehörigen ein Stück weit Entlastung, und bemühen sich darum, Ruhe und Sicherheit zu bieten. Sie leisten allerdings keine Pflege. Eine stationäre Hospizarbeit findet in einem dafür geschaffenen Ort, dem Hospiz, statt. Dort werden sterbende und schwerstkranke Menschen umfassend versorgt, die keiner Krankenhausbehandlung mehr bedürfen und für die eine ambulante Versorgung daheim nicht mehr möglich ist. Stationäre Hospize bieten rund um die Uhr medizinisch-pflegerische, psychosoziale und seelsorgerliche Begleitung .

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Zwölf Namen für die neuen Ulmer Straßenbahnwagen

Die neuen Straßenbahnwagen der Linie 2 werden nach Männern und Frauen benannt, die mit Ulm in Verbindung stehen. So war es auch schon beim Combino. weiter lesen