Gott der Physik vorgezogen

Nachdem er seinen Doktor der Physik geschafft hatte, stellte sich Stefan Bosch die Sinnfrage und orientierte sich völlig neu. Seit 2005 ist er Mönch in St. Ottilien, demnächst zudem Priester. Und Gymnasial-Lehrer.

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Er hat sein Handy verschenkt. Und seine Bankkonten aufgelöst. Arm zu sein, ist eine der Vorgaben im neuen Leben von Stefan Bosch aus dem Sendener Ortsteil Wullenstetten. Gehorsam eine andere. Der 37-Jährige ist seit 2005 Mönch, Benediktiner in der Erzabtei St. Ottilien bei Landsberg am Lech. Am 26. Mai wird er dort zum Priester geweiht. Dabei hatte es lange nicht so ausgesehen, als ob der Sohn eines Diplom-Ingenieurs diesen Weg einschlagen würde. Zunächst bestimmte nämlich die Physik sein Leben.

Stefan Bosch beginnt nach dem Abitur in Ulm zu studieren, macht an der Technischen Universität in Garching sein Diplom, arbeitet am Max-Planck-Institut in München und ist danach für seine Doktorarbeit in theoretischer Elementarteilchenphysik ein Jahr beim Kernforschungsinstitut Cern in Genf beschäftigt. Nach seiner Promotion geht Bosch für zwei Jahre an die Cornell University im Bundesstaat New York im Norden der USA. Zurück in Deutschland bekommt er eine Anstellung bei der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. So hätte die Karriere des jungen Doktors der Physik weitergehen können. Doch er hat Zweifel.

"Mir wurde klar, dass ich mich nicht dauerhaft nur mit Physik beschäftigen wollte." Um aber eine gute Stelle zu bekommen, hätte er Professor werden müssen und dann keine Zeit mehr für seine anderen Interessen gehabt. Dazu zählt seit jeher der Glaube. "Ich wollte schon als Kind Priester werden. War Ministrant, habe Jugendpfingstlager organisiert." Was ihn auch über sich selbst nachdenken ließ, war die Erkrankung seines Vaters, der 2006 stirbt. "Ich habe mich gefragt: Was für ein Leben hätte ich gelebt haben wollen, wenn ich eine solche Diagnose bekommen würde?" Dann macht obendrein seine langjährige Freundin mit ihm Schluss.

Der Sendener beginnt, täglich die Messe zu besuchen. Der Hochschulseelsorger rät ihm, die ignatianischen Exerzitien zu studieren. Dabei werden über Monate hinweg Bibelpassagen gelesen und interpretiert. "Man versucht herauszufinden: Was will Gott oder Jesus mir damit sagen?" Besonders wichtig ist Bosch die Meditation: "Ich glaube, dass Gott in der Stille zu mir spricht." Wie Ignatius von Loyola, der 1522 bemerkte, dass ihn sein Leben als Ritter weniger erfüllte als es der Dienst für Gott tun könnte, wird Bosch klar: Ich will Priester werden, unbedingt in einer Ordensgemeinschaft. Nur als Mönch genieße man das Privileg, dass die Zeiten für das gemeinschaftliche Beten fest im Tagesablauf vorgesehen sind.

Doch welches Kloster sollte es sein? Bosch recherchiert im Internet, macht Kurse, probiert sich als Mönch auf Zeit - und bleibt an St. Ottilien hängen. Vor allem wegen der relativ jungen und großen Gemeinschaft mit ihren rund 100 Mönchen vor Ort. "Daraus ergeben sich für den Einzelnen viele Einsatzmöglichkeiten." Und ihn begeistert die Lage des Klosters in den Voralpen. Nach einem Gespräch mit dem Erzabt und einer schriftlichen Bewerbung ist es im September 2005 soweit: Stefan Bosch tritt in den Orden ein und darf den von ihm vorgeschlagenen Namen Timotheus annehmen: der Gott Fürchtende, nach Psalm 111: "Die Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit." Um weise und heilig zu werden, sei er ja ins Kloster gegangen, sagt Bosch. In Glaube und Gottesbeziehung hineinzuwachsen, sei ein lebenslanger Prozess. Heilig bedeute in diesem Kontext, in ungestörter Beziehung zu Gott leben zu können. Nach der Entscheidung für den Orden, studiert der Sendener Philosophie und Theologie in München und Rom. Dann erfolgt am Ostersonntag 2010 die feierliche Profess, die volle Eingliederung in die klösterliche Gemeinschaft. Was noch aussteht, ist seine Abschlussarbeit für das so genannte Lizentiat.

Darin wird er sich mit der Frage auseinandersetzen, wie man Theologie und Physik zusammenbringen kann - also etwa die Schöpfungstheologie und die Theorie des Urknalls. Denn da gebe es keinen Widerspruch, sondern die gemeinsame Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, meint der gelernte Naturwissenschaftler. "Und die Physik kann nur erklären, wenn was da ist, wie es sich weiterentwickelt. Sie kann nicht erklären: Warum gibt es überhaupt irgendetwas und nicht nichts?" Wobei er darüber noch nachdenken müsse.

Ja, Glaubenszweifel gebe es immer wieder, sagt Bosch: "Das hier ist kein Sonntagsspaziergang." Bislang habe er alle Krisen "mit großem Gottvertrauen" und geführt von seinem geistlichen Beistand durchgestanden. "Gott beruft niemanden, dem er nicht auch die Kraft gibt, diesen Weg durchzustehen." Andererseits: Die Töchter seines Bruders heranwachsen zu sehen, sei schon "toll", sagt der Benediktiner. "Und der körperliche Aspekt, der Verzicht, der ist spürbar." Eine "Herausforderung" für ihn als Nachtmensch sei auch das tagtägliche frühe Aufstehen zum Morgengebet um 5.40 Uhr. Aber: Jede Entscheidung für eine bestimmte Richtung, sei eben eine Entscheidung gegen viele andere Wege. Das hätte auch seine Familie akzeptiert, die anfangs nicht begeistert gewesen sei. "Sie sehen, dass es mir hier gut geht - und das ist für Eltern doch am wichtigsten."

Zumal ihr Sohn sich zwischen den täglich fünf Gebeten und den drei Mahlzeiten nicht nur in seiner kleinen Dachkammer mit Bett, Schrank, Schreibtisch und Waschbecken aufhalten wird. Oder in seinem Büro. Bosch wird im humanistischen Gymnasium auf dem Klosterareal Mathematik, Physik und Religion unterrichten. Derzeit bereitet er sich als Referendar darauf vor. Und er wird nach seiner Priesterweihe, die etwa 40 Prozent der Brüder in St. Ottilien haben, seelsorgerische Aufgaben im Kloster übernehmen: die Beichte hören, Gottesdienste halten, Eheschließungen und Taufen für Bekannte abhalten. Er will jedoch kein Pfarrer mit einer eigenen Gemeinde werden. "Da wird man nur verheizt." Auch Urlaub haben Benediktiner übrigens: drei Wochen im Jahr. Fernreisen aber sind wegen des kleinen Budgets nicht drin. "Dafür kann man in allen Benediktinerklöstern günstig oder gratis übernachten."

Einen Urlaub plant der Mönch derzeit aber nicht, sondern das nächste Großereignis in seinem Leben: die so genannte Primiz in Wullenstetten. Dabei handelt es sich um den ersten Gottesdienst eines frisch geweihten Priesters in seiner Heimatgemeinde. Diese findet statt am Sonntag, 3. Juni. Die Pfarrgemeinde und alle Vereine freuen sich schon auf dieses historische Ereignis. Es ist schließlich die erste Primiz seit mindestens 100 Jahren in dem Ort. Den Gottesdienst wird ein Freund von ihm halten. Der von Stefan Bosch ausgewählte Primizspruch lautet: "Dient dem Herrn mit Freuden", Psalm 100, Vers 2. Das war schon immer eine seiner Lieblingsstellen in der Bibel.

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