Ein Roth-Baby für alle

Der grundlegende Rohbau an den Schlössern in Weißenhorn ist beendet. Es geht an die Feinarbeiten: Schichten und geschichtliche Fenster der einzelnen Epochen des Fernhändler-Zentrums sind freizulegen.

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Die historische Belegbarkeit der Reise von Marco Polo nach China ist bisweilen umstritten. Unumstritten, weil in Gulden, Kreuzern und Rechnungen hinterlegt, ist das rund 200 Jahre später anwachsende weltumspannende Netz der globalen Geldgeschäfte der Familie Fugger - eine auch in Weißenhorn und bis heute in Stein, Putz, Holz und Ziegel manifestierte Geschichte. Zu erkennen ist diese als Gebäudegruppe zweier Schlösser mitten in der Altstadt in der Nähe des kleinen Flüsschens Roth.

Zurzeit werden die beiden Kernstücke der Weißenhorner Altstadt generalsaniert. Weshalb man die Schlösser in der Moderne in der Stadt auch gern Günthers Babys nennt. Dies hat zwar nicht direkt mit der Fugger-Dynastie zu tun: Der neuzeitliche Stadtbaumeister der Stadt Weißenhorn, Burkhard Günther, dessen Pensionierung heranrollt, hat wie seine Kollegen in den vergangenen vier- bis fünfhundert Jahren sein Herz an die Schlösser in der Altstadt verloren. In dieser Rolle ist er zudem vereint mit dem neu hinzugekommenen Bürgermeister Dr. Wolfgang Fendt und dem Stadtrat. Zudem mit der Bevölkerung der Kommune und weit darüber hinaus.

Zu erkennen ist das an dem Andrang der Besucher, wenn Vereine und andere Organisationen zu einer ihrer beliebten Schlösserführungen rufen."Ich hätte heute gut und gerne vier Gruppen mit jeweils 20 Leuten zusammenbekommen", sagt Herbert Miller Senior von der Kolpingfamilie Weißenhorn. Mit 20 Gästen und dem Stadtbaumeister hat er sich am Mittwochabend zu einer der Führungen durch die bereits weit fortgeschrittene Schlossbaustelle aufgemacht.

Schon im Erdgeschoss des Fuggerschlosses gibt es Erstkontakt mit persönlicher Verbundenheit mit der im Mittelalter angelegten Gebäudegruppe neben der Pfarrkirche im südlichen Bereich der Altstadt. Dieses hat seit der Grundsteinlegung in der darauf folgenden Renaissance, dem Barock und den verschiedenen Ausprägungen der Moderne einige Umbauten hinter sich. So viele, dass einem schwindelig wird angesichts der verschiedenen Perspektiven der einzelnen Zeitzonen und variierenden Außen- und Innenansichten."Ha, hier bin ich in den 50ern drei Jahre lang schon zur Schule gegangen", sagt Marianne Miller, eine der Führungsteilnehmerinnen. Jeden Morgen war sie in ihrer Jugend am Morgen mit dem Fahrrad die knapp sieben Kilometer zur damaligen Mädchen-Mittelschule im Fuggerschloss gefahren."Heute ist das ja die städtische Realschule in dem Neubau an der Illerberger Straße", sagt die heute 70-Jährige. Doch damals war dies eine Domäne der Franziskanerinnen und ihrer Schule.

Zu diesem Zeitpunkt war das Schloss bereits seit gut 100 Jahren im wechselvollem Besitz von Staat und Kommune gewesen. In deren früheren Räumen im Erdgeschoss des Fuggerschlosses gab es ein Internat - im Erdgeschoss gab es eine Küche, Toilette sowie Handarbeits- und andere Schulräume. Wie in der gesamten Anlage waren die früher eher großzügig angelegten Räume in der Geschichte eines verfallenen Gebäudes ihrer jeweiligen neuen Nutzung angepasst worden. Die Folge war Klein in Klein, berichtet Günther."Hier gab es früher ein Internat, doch wir waren Externe", ergänzt Marianne Miller. Für alle galt aber die Strenge der Schulordnung der Ordensschwestern. In den Räumen, die ihre damalige Schule als Küche nutzte, war bereits in Fuggerschen Herrschaftszeiten eine Küche gewesen. Allerdings nicht die ganze Zeit: Als die Fugger sich nach den Veränderungen der1848er Revolution in Deutschland aus Weißenhorn zurückzogen, war dort das Amtsgericht untergebracht - inklusive Gefängniszellen für die Angeklagten der an der Roth manifestierten Gerichtsbarkeit."Diese war aufgrund der Veränderung von den Fürsten auf den Staat übergegangen", erläutert Burkhard Günther der Besuchergruppe.

In der Rückschau erinnert sich Marianne Miller jedenfalls mit guten Gedanken an die Zeit in den Schlössern:"Sie hat mir viel gebracht und mich auf mein Leben vorbereitet", sagt sie. In die oberen Räume, die die Klosterfrauen damals früher für ihren Orden nutzten, kam sie damals nie hoch, sagt sie. Stadtbaumeister Burkhard Günther kann sie beruhigen, dass die historisch zementierte Unzugänglichkeit mit der Sanierung aufgebrochen wird. Sowohl der große 140 Quadratmeter große frühere Empfangssaal der Fugger, der künftig als Ratssaal dienen wird, wie die barocke Anlage des Neuffenschlosses werden künftig der Öffentlichkeit offen stehen - als Schlösser, die für Ausstellungen und andere kulturelle Veranstaltungen genutzt werden können. Und die ein Restaurant und einen Biergartenbeherbergen werden.

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