Die Vollbluterzieherin

Seit 20 Jahren arbeitet Carmen Brühl nun im Kindergarten in Leibi. Ihr erstes Zwischenfazit nach einem halben Jahr als Leiterin fällt positiv aus. Dass aber so wenige Männer als Erzieher tätig sind, betrübt sie.

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Carmen Brühl ist seit 20 Jahren im Leibier Kindergarten fest angestellt. Seit einem halben Jahr steht sie als Leiterin an der Spitze des Teams. Foto: Volkmar Könneke

"Eigentlich bin ich eine Vollbluterzieherin", sagt Carmen Brühl. Die Arbeit mit den Kindern mache ihr großen Spaß. Doch inzwischen ist sie nur noch zur Hälfte in direktem Kontakt mit den Buben und Mädchen. Die andere Hälfte ihrer Arbeitszeit verbringt sie im aktengefüllten Büro. Seit einem halben Jahr ist sie die Leiterin des evangelischen Kindergartens in Leibi - und daher mit viel Bürokratie und Verwaltungsaufgaben befasst.

Den Job übernommen hat sie von ihrem Vorgänger Andreas Fritz, der nach nur vier Monaten im August aus privaten Gründen in seine Heimat Baden zurückkehrte. Dass die Wahl des Trägers auf Brühl fiel, kommt nicht von ungefähr. Die 56-Jährige bekam ihre erste Festanstellung in Leibi vor 20 Jahren. Seit 2005 war sie stellvertretende Leiterin, hatte die kleine Einrichtung schon mehrfach kommissarisch geführt - weil die frühere Chefin des öfteren für längere Zeit krank war.

Als sich eine interne Lösung für Fritz Nachfolge abzeichnete, warf Brühl den Hut in den Ring. Des "tollen Teams" wegen, wie sie sagt. "Das wollten wir uns unbedingt erhalten", erklärt die Mutter zweier erwachsener Kinder und zweifache Großmutter. Es sei nicht so gewesen, dass sie und ihre sechs Mitarbeiterinnen sich gegen frischen Wind von außen gesträubt hätten. Aber: "Wir kennen uns sehr gut und auch die Stärken und Schwächen eines jeden Einzelnen." So könnten und wollten sie gemeinsam "den Kindergarten voranbringen".

Das ist in der Vergangenheit gut gelungen. Im Jahr 2000 wurde eine dritte Gruppe geschaffen, 2006 wurden zum ersten Mal Kinder unter drei Jahren aufgenommen, 2008 kamen jene mit erhöhtem Förderbedarf hinzu. Heute gehen 60 Mädchen und Buben in den Kindergarten - und erfahren eine Erziehung, die sich stark an die Montessori-Pädagogik anlehnt. "Kinder wollen am Erwachsenenleben teilhaben. Wir begleiten sie und leiten sie an."

Brühl selbst hat nebenberuflich das Montessori-Diplom erworben. Auch ihre Mitarbeiterinnen seien stark an dem Konzept interessiert. Trotzdem ist es kein Montessori-Kindergarten. Das christliche Leitbild werde täglich gelebt, versichert Brühl. Die Zusammenarbeit mit dem Träger, der evangelischen Kirche, funktioniere bestens. Pfarrer Tobias Praetorius komme einmal pro Woche zur Dienstbesprechung vorbei. Einmal im Monat bringe er seine Gitarre mit, singe mit den Kindern. "Dann ist mal wieder ein Mann in unserer Frauenwelt", sagt Brühl und ergänzt: "Die Kinder stürzen sich immer wie wild auf ihn."

Auch wenn derzeit in Leibi keine Stelle zu besetzen ist: Die Leiterin zeigt sich betrübt darüber, dass in ihrem Beruf so wenige Männer anzutreffen sind. Ein entscheidender Grund ist ihrer Ansicht nach die Bezahlung. "Mit unserem Gehalt eine Familie zu ernähren, ist schwierig." Dabei stiegen die Anforderungen von Jahr zu Jahr: In Leibi müssen sie inzwischen fast ein Dutzend Unter-Dreijährige betreuen - "mit wickeln und allem, was dazugehört". Auch die vorschulische Bildung werde immer wichtiger. Die Wertschätzung ihres Berufsstandes steige aber nicht im selben Maß, klagt Brühl.

Auch dass so viele Nationalitäten im Kindergarten anzutreffen seien, erschwere den Alltag. Verschiedene Kulturen seien zwar einerseits eine Bereicherung. Manchmal sei es aber "ein großer Spagat", den die Erzieherinnen zu machen hätten. Vor allem in Erziehungsfragen müsse man einigen Familien klarmachen, dass sie sich an deutsche Gepflogenheiten anpassen müssten.

Insgesamt aber fällt Brühls Zwischenfazit nach einem halben Jahr als Leiterin positiv aus. Die Geburtsstatistik in Leibi gebe ebenfalls Anlass zur Hoffnung; die Wartelisten seien voll. Um die Zukunft der kleinen Einrichtung ist ihr nicht bang.

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