Die Migranten von damals

Integration, das war im Illertal schon vor 60 Jahren ein Thema. Ortfried Kotzian sprach am Illertal-Gymnasium in Vöhringen über das Thema "Flüchtlinge".

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Ortfried Kotzian: Flüchtlingen wurde mit Misstrauen begegnet.

40 Prozent der Vöhringer haben einen Migrationshintergrund. Mit einer kleinen Provokation eröffnete Ralf Schabel, der Schulleiter des Illertal-Gymnasiums (IGV), den Vortrag von Ortfried Kotzian. Der Leiter des Hauses des Deutschen Ostens in München, der auf Einladung der Freunde des IGV gekommen war, ist selbst in Illertissen aufgewachsen - als Mensch mit Migrationshintergrund: Seine Eltern stammen aus der Region Tschechiens, die auch als Sudetenland bezeichnet wird.

Kotzian berichtete nicht nur darüber, wie es zu den 40 Prozent Migranten gekommen war - in insgesamt fünf Wellen kamen mehr als 18 Millionen Menschen deutscher Herkunft aus dem Osten nach Deutschland, zunächst als Kriegsflüchtlinge, später dann als Vertriebene. Er konnte auch mit der ein oder anderen Anekdote aufwarten, wie es sich denn so lebte als Mensch mit Migrationshintergrund.

Die erste Erfahrung, irgendwie anders zu sein, machte Kotzian bereits bei seiner Geburt. Er wurde nämlich nicht wie jedes gut-schwäbische Kind im Illertissener Kreiskrankenhaus geboren, sondern im Schloss Fellheim einige Kilometer weiter südlich. Das habe ihn seine ganze Jugend hinweg beschäftigt, aber erst als Student entlockte er einer Mutter den Grund: Flüchtlingsmütter durften nicht im Kreiskrankenhaus entbinden. Und auch fürs Schloss galt folgende Auflage: "Die zu Gebärende hat frei von Ungeziefer und Krankheiten zu sein."

Das Anderssein setzte sich in der Schulzeit fort. Man machte sich etwa Gedanken darüber, ob es der Flüchtlingsbub denn am Gymnasium schaffen könnte. Dort aufgenommen, bekam Kotzian eine Standpauke wegen seiner unpassenden kurzen Lederhosen. Seine Mutter schneiderte ihm dann über Nacht eine lange Stoffhose aus einem alten Mantel des Vaters.

All das sind gewiss keine unaushaltbaren Demütigungen. Aber sie reichten aus, um der Familie das Gefühl zu geben, nicht dazuzugehören. Mit Feindseligkeit und Misstrauen sei den Flüchtlingen damals begegnet worden, sagt Kotzian. Schimpfworte wie "Hurenflüchtling" kamen schließlich nicht von ungefähr. Die gute Nachricht: Die damals meist unerwünschten neuen Nachbarn sind heute so gut integriert, dass vielen gar nicht mehr bewusst ist, woher ihre Vorfahren kommen.

Das konnte vor allem deshalb gelingen, weil die Neuankömmlinge dank Wirtschaftswunder am neuen Wohlstand teilhaben konnten. Zahlreiche Firmen im Illertissener Raum seien von Flüchtlingen gegründet worden, berichtet Kotzian. "Das hat das Selbstwertgefühl der Menschen wieder aufgebaut." Er betont, wie wichtig es war, dass nicht nur die Neuen bereit waren, sich zu integrieren. Auch die etablierte Gesellschaft müsse Bereitschaft zeigen, zu kommunizieren und zusammenleben. "Nicht nach dem Motto: Da bricht der Fuchs in den Hühnerstall ein."

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