Noch jung und schon hoch verschuldet
: Tübinger Jugend-Schulden-Beratung: Hier spricht man über Geld

Die Jugend-Schulden-Beratung hilft jungen Menschen, gar nicht erst in die Schuldenfalle zu tappen. Und wenn das doch passiert ist, hilft sie ihnen wieder heraus. Ohne Disziplin geht das aber nicht.
Von
Andrea Bachmann
Tübingen

Vor allem Handyverträge und nicht bezahlte Bußgelder treiben Jugendliche und junge Erwachsene in die Schuldenfalle ,

Gina Sanders - Fotolia

Wer unter 25 Jahre alt ist und bis über dem Hals in Geldschwierigkeiten steckt, findet bei der Jugend-Schulden-Beratung der Schuldnerberatung Tübingen Rat und Hilfe. „Bei uns gibt es keine Wartezeiten, wir können sofort eine telefonische Erstberatung und schnell einen Termin anbieten“, sagt Berater Heiner Gutbrod. 120 Neuanfragen bekommt er jedes Jahr auf den Tisch, das sind mehr als zwei in der Woche. Etwa die Hälfte der Verschuldeten beginnt einen intensiven Beratungs- und Entschuldungsprozess.

Zu ihnen gehört Saskia. Nach dem Tod ihres Vaters lebte sie zum ersten Mal allein, geriet in eine schlimme Krise, nahm Drogen und schmiss die Lehre. Über Geld dachte sie nicht nach, bezahlt wurde mit Karte, Rechnungen öffnete sie gar nicht mehr. Als die WG-Mitbewohnerin auszog, saß Saskia praktisch auf der Straße, wusste nicht mehr weiter und zog nach Tübingen in die Frauennotunterkunft. Eine Betreuerin schickte die junge Frau zur Schuldenberatung. Mittlerweile ist Saskia 28 Jahre alt, hat eine dreijährige Tochter, wird nächstes Jahr ihre Ausbildung zur Werbetechnikerin abschließen und ist schuldenfrei.

Ihre Geschichte erzählt sie auf einer Präventionsveranstaltung der Jugend-Schulden-Beratung an einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme der Arbeitsagentur in der Bruderhaus Diakonie. Acht junge Männer und drei Frauen sitzen in einem Schulungsraum und reden über Geld.

„Wo kann man Schulden machen?“ fragt Gutbrod. Die Liste füllt sich schnell. Handyverträge stehen ganz oben, dicht gefolgt von Bußgeld. „Mobilität und Kommunikation sind zentrale Lebensbedürfnisse junger Menschen“, sagt Gutbrod. „Handyverträge und Schwarzfahren sind häufig der Einstieg in eine Schuldenspirale, aus der man aus eigener Kraft nicht mehr herauskommt.“

Schwarzfahren ist dabei ein großes Thema: Monatskarten sind teuer für jemanden, der zum Arbeitslosengeld II nur eine Berufsausbildungsbeihilfe mit Anspruch auf eine Monatskarte bekommt, zumal das Jobcenter diesen Anspruch als Einkommen wieder vom ALG II abzieht. Silke Burgdorf, die Leiterin der BVB-Maßnahme, findet das ungerecht: „Die Jugendlichen arbeiten Vollzeit und dann werden ihnen quasi 60 Euro vom Lohn abgezogen.“ Da sei die Versuchung groß, einfach ohne gültige Fahrkarte in Bus und Bahn einzusteigen.

Die jungen Leute diskutieren lebhaft. Alle haben schon Erfahrungen mit Internetabzocke gemacht, fast alle haben Verträge abgeschlossen, aus denen sie nur schwer wieder herauskamen. „Unser ganzes Geldsystem ist vollkommen undurchschaubar“, findet Gutbrod. Schon das Vokabular sei mehr als sperrig. Was ist ein Inkasso-Unternehmen? Was schon für Deutsche schwierig ist, wird für die jungen Migranten zum Buch mit sieben Siegeln.

Anschließend geht es um den ein Haushaltsplan. Saskia rechnet vor, wie ihr eigener aussieht: 40 Euro Wirtschaftsgeld in der Woche müssen der allein erziehenden Auszubildenden reichen. „ Wir gehen nicht als Freizeitbeschäftigung bummeln.“ Mit einer beeindruckenden Disziplin hat sie ihren Schuldenberg abgetragen. Jetzt will sie nach der Ausbildung noch Abitur machen. „Ich habe jetzt ja gelernt, mit wenig Geld auszukommen.“

Die Jugendliche rechnen selber. Wie viel Geld braucht man für Miete, für Fahrtkosten, Essen, Kleidung, Handy? „Bevor ihr etwas Teures auf Raten kauft, probiert aus, ob ihr die Raten zahlen könnt“, rät Gutbrod. Auf alles kann man nicht sparen – ein Auto muss man finanzieren, einen Führerschein vielleicht auch.

30 bis 40 solcher Beratungen bietet die Jugend-Schulden-Beratung im Jahr an. Außerdem gibt es noch den Cash-Kurs für Berufsschulen, wo drei Abende lang Grundlegendes über den Umgang mit Geld gelehrt wird. Nebeneffekt dieser Veranstaltungen ist auch, das Beratungsangebot bekannt zu machen. Da kommt einiges zusammen: „Wir arbeiten ständig an der Kapazitätsgrenze, um zeitnah Beratung anzubieten und gleichzeitig die Beratungsprozesse, die zum Teil sehr langwierig sind, gut zu gestalten“, sagt Gutbrod.