Altenstadt erinnert an die jüdischen Wurzeln

Aufstieg und Untergang jüdischer Kultur in Bayerisch-Schwaben: Davon erzählt eine Ausstellung in Altenstadt. Im Illertal gab es im 19. Jahrhundert eine der größten jüdischen Gemeinden in Bayern.

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"Ma Tovu. . . Wie schön sind deine Zelte, Jakob. . ." Der Eingangsvers des jüdischen Morgengebets ist der Titel einer Ausstellung in der Altenstadter Grundschule über die Geschichte von 15 schwäbischen Synagogen von Hainsfarth über Augsburg-Kriegshaber bis Kempten. Thematisiert werden dabei aber längst nicht nur architektonische Entwicklungen, sondern der Status jüdischer Gemeinden in der Region vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Erarbeitet wurde die Ausstellung vom Jüdischen Kulturmuseum Augsburg für das Netzwerk Historische Synagogenorte in Bayerisch-Schwaben.

Ergänzt wird sie durch eine Chronik der jüdischen Gemeinde Altenstadt und Exponate, die an die 1955 abgerissene Altenstadter Synagoge erinnern. Diese, so Ausstellungskuratorin Souzana Hazan, war eine von drei zwischen 1780 und 1820 in Schwaben errichteten Synagogen, die vom Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinden und von der Akzeptanz der jüdischen Bevölkerung zeugten. Ähnlich repräsentativ gestaltet wie Kirchen der damaligen Zeit, gingen die Altenstadter, Hürbener und Ichenhausener Synagogen als "schwäbischer Typus" in die Architekturgeschichte ein. Als die Synagoge in Altenstadt 1802 in der Ortsmitte als Ersatz für einen Holzbau errichtet wurde, lebten in Altenstadt ungefähr doppelt so viel Juden wie Christen. Für die Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums, Benigna Schönhagen, ist dies ein Zeichen dafür, dass Juden "früher einmal selbstverständlich dazugehörten" und ein wesentlicher Bestandteil der Heimatgeschichte sind. Laut Schönhagen ist dies auch ein Zeichen für die Gegenwart: "Kulturelle Vielfalt und der Respekt vor einer anderen Lebensweise war schon einmal möglich."

Das Ende der blühenden jüdischen Gemeinden kam mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. 1942 wurden die letzten sieben Altenstadter jüdischen Glaubens deportiert. Zuvor war die Synagoge zwangsweise für 600 Reichsmark in das Eigentum der Gemeinde übergegangen. Dass es nach der NS-Zeit laut Souzana Hazan Jahrzehnte dauerte, bis die Auseinandersetzung mit der Geschichte von ausgelöschten jüdischen Gemeinden in Gang kam, zeige sich in Altenstadt besonders drastisch:1955 wurde der repräsentative, denkmalgeschützte Synagogenbau mit Zustimmung des Landesdenkmalamts abgerissen, nachdem Pläne für einen Umbau zu einem Konzertsaal oder Wohn- und Geschäftshaus verworfen worden waren. Aus heutiger Sicht, so Bürgermeister Wolfgang Höß, ein völlig unverständlicher Vorgang, besitze doch Altenstadt einen großen Schatz jüdischer Geschichte. Inzwischen, auch das macht die Ausstellung deutlich, ist die jüdische Vergangenheit des Ortes wieder ins Bewusstsein gerückt. Heimatkundler wie Günther Backhaus und Alwin Müller veranstalten Führungen durch den jüdischen Friedhof in Illereichen und zeichnen bei Rundgängen durch die ehemalige jüdische Siedlung die Geschichte der Gemeinde nach. Für die Ausstellung hat Müller mit großartigem Engagement einige seltene Erinnerungsstücke an die Altenstadter Synagoge zusammengetragen, sagt Höß: den schweren Eingangsschlüssel, einige Leuchterteile und Teile der Bleiverglasung. Die Ausstellung "Ma Tovu. . ." rege zum Anschauen, Nachdenken und Diskutieren an, so der Bürgermeister. Und vielleicht auch dazu, "neue Ideen zu entwickeln für unseren Umgang mit der Geschichte".

Führung mit Alwin Müller und Vortrag

Ausstellung "Ma Tovu. . ." - die Ausstellung ist noch bis zum 5. April täglich von 14 bis 17 Uhr in der Altenstadter Grundschule zu sehen. Veranstalter sind der Markt Altenstadt und die Volkshochschule Neu-Ulm. Zudem bietet die VHS am Sonntag, 29. März, um 15 Uhr eine Führung mit Alwin Müller "Auf den Spuren der Juden in Altenstadt" an: Los geht es am Rathaus.

Vortrag Am Donnerstag, 2. April, geht es um 20 Uhr in der TSV-Halle in einem Vortrag von Karin Sommer um "die Reichskristallnacht auf dem Lande". Der Titel der Veranstaltung "Sieben Mark dreißig und ein Hosenknopf" ist der Titel eines Hörspiels, das auch im Bayerischen Rundfunk lief.

 

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