"Robuste Lebensfreude"

Seit 25 Jahren sorgen Melitta und Siegfried Schneider dafür, dass die Volkstanz-Tradition im Schwäbischen Albverein in Elchingen blüht. Das Ehepaar hält auch die Tanzsportgruppe im SV Thalfingen am Laufen.

|
Vorherige Inhalte
  • Haben viel Zeit und Mühe in die Entwicklung ihrer Tracht gesteckt: Siegfried und Melitta Schneider. Foto: Barbara Hinzpeter 1/2
    Haben viel Zeit und Mühe in die Entwicklung ihrer Tracht gesteckt: Siegfried und Melitta Schneider. Foto: Barbara Hinzpeter
  • 2/2
Nächste Inhalte

Alles begann 1988 bei einem Viertele Wein. Siegfried und Melitta Schneider hatten im Unterelchinger Schützenheim ihrem Töchterchen Sabine beim Auftritt der Kindertanzgruppe des Albvereins zugeschaut. Wenn sich weitere erwachsene Tänzer fänden, wäre er mit von der Partie, sagte Siegfried Schneider damals. Einige interessierte Paare meldeten sich, und er hielt Wort. Seither sind die Eheleute in der Albvereins-Ortsgruppe aktiv, die 1978 als erster "Gesamtelchinger" Verein von Professor Ortwin Benz gegründet worden war.

Seit 13 Jahren ist Melitta Schneider Vorsitzende. Sie und ihr Mann sind längst Experten in Sachen Brauchtumspflege und Folklore-Tanz. Sie haben viele Lehrgänge im Kulturzentrum des Albvereins in Balingen-Dürrwangen besucht, bilden sich laufend fort und kennen sich nicht nur bei Polka, Ländler, Mazurka aus, sondern auch mit Schrittfolgen und Figuren, wie sie in anderen europäischen Ländern typisch sind. Es geht ihnen nicht nur um die richtigen Hüpfer. "Wir möchten die Tänze auch erklären können", sagt Siegfried Schneider.

Unglaublich viel Zeit und Mühe haben er und seine Frau sowie einige Mitstreiter in die Entwicklung der Tracht gesteckt. Vorlage war ein historisches Mädchengewand aus Oberelchingen. Sie arbeiteten eng mit der Trachtenberatungsstelle in Krumbach zusammen und waren höchst kreativ, wenn es darum ging, Stoffe und Zubehör aufzutreiben, die dem Original möglichst nahe kommen. Um die Haken und Ösen am Mieder aus nicht rostendem Stahl zu fertigen, baute ein Arbeitskollege von Melitta Schneider ein geeignetes Werkzeug. Prunkstück der Tracht ist die Haube. Wo immer die Elchinger hinkommen, zieht der Kopfschmuck bewundernde Blicke auf sich.

Entworfen hat ihn Siegfried Schneider, der im Heimatmuseum Langenau die Hauben studierte. Er fand heraus, wie sie konstruiert sind. Zum Glück war ein Exponat leicht beschädigt und gab das Innenleben preis. Akribisch zeichnete er das Muster für Schild, Spiegel und Boden ab. In gut 200 Stunden baute Melitta Schneider das erste Exemplar aus Goldfaden-Hohlspitze. Für die filigranen Perlenschnüre war ihr Mann zuständig. Der entwarf gleich eine weitere Variante. Aus Spaß und weil er sah, dass das Werk gelang. Die Männer tragen schwäbische Lederhosen, die nach einem historischen Exemplar aus Tomerdingen gearbeitet sind.

Alljährlich ist der Auftritt der Albvereinsgruppe das i-Tüpfelchen bei den Maifeiern in Elchingen. "Dabei ist der Volkstanz gar nicht gedacht zum Vorführen, sondern zum Mitmachen", betont Melitta Schneider. Die Tradition des wahren Volks-Tanzens, bei dem sich jeder einreiht und jede mit jedem tanzt, habe sich am Ort trotz einiger Versuche nicht wiederbeleben lassen. Die Leute schauen lieber zu. Bei besonderen Gelegenheiten lassen die Albvereins-Mitglieder einen Brauch aufleben, der optisch und akustisch eine Menge hermacht: Siegfried Schneider und sein Schwiegersohn Martin Wuchenauer schwingen die Fahnen, während Melitta Schneider die Trommel schlägt und Tochter Sabine die Schwegelpfeife bläst.

Völlig anders klingt die Musik, zu der sich Schneiders mittwochs, donnerstags und freitags in der Turnhalle der Thalfinger Grundschule bewegen: Die Tanzsport-Abteilung Rot-Weiß im SV Thalfingen hat sich vor allem auf Standard- und lateinamerikanische Tänze spezialisiert. Ebenfalls seit 25 Jahren sind die Schneiders hier aktiv. Sie leiten Freizeittänzer und Jugendliche an, in der Leistungsgruppe lassen sie sich selbst Tipps geben. Am liebsten legt Siegfried Schneider einen flotten Jive aufs Parkett. "Das ist robuste Lebensfreude." 1991 übernahm er die Leitung der Abteilung und war stets dabei, wenn der Verein Schauspieler und Bühnenbildner für die Jahresfeier brauchte. Seine Frau setzte sich lieber in den Soufflierkasten.

Ob noch einmal ein Stück zustande kommt, sei fraglich, meint Melitta Schneider: "Uns sind die jugendlichen Liebhaber ausgegangen." Die Nachwuchs-Arbeit beim Volkstanz scheint gesichert. Tochter Sabine Wuchenauer kümmert sich heute mit um die Kindergruppe "Tanzmäuse" - und wird bei Bedarf von ihrer Mutter unterstützt.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Hoffen und Bangen vor dem Prozess gegen Mesale Tolu

Am Montag entscheidet sich, ob die Journalistin frei kommt. Die Familie ist optimistisch. Diplomaten und Prominente verfolgen die Verhandlung im Istanbuler Justizpalast. weiter lesen