K.o.-Tropfen: "Finger in den Mund, und spucken Sie es aus"

Immer wieder werden Menschen mit K.o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt, anschließend vergewaltigt oder ausgeraubt. Dagegen hilft nur Vorsicht, sagt Achim Andratzek.

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    K.o-Tropfen machen das Opfer willenlos. Auch in der Region gibt es immer wieder Verdachtsfälle. Foto: 
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    Referent Achim Andratzek. Foto: 
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Nicht dramatisieren, nicht bagatellisieren, sondern sensibilisieren.“ Das wollten Achim Andratzek und Dr. Thomas Mallon mit ihrem Volkshochschulvortrag „Das Phänomen K.o.-Tropfen“ in Holzheim. Andratzek, der als Polizeioberkommissar in Ulm arbeitet und als Kampfsporttrainer unter anderem Frauen in Selbstverteidigung unterrichtet, berichtete, dass es immer wieder vorkomme, dass Täter versuchen, andere mit Hilfe so genannter K.o.-Tropfen wehrlos oder handlungsunfähig zu machen. Ziel sei dabei meist, das Opfer auszurauben oder zu vergewaltigen.

Unter dem Oberbegriff K.o.-Tropfen fallen rund 100 Subs­tanzen, die als Tropfen in Getränke oder als Pulver ins Essen gestreut werden. Bekannt sind unter anderem Gamma-Hydroxy-Buttersäure, kurz GHB, auch bekannt als „Liquid Ecstasy“ und rezeptpflichtige Beruhigungsmittel und Psychopharmaka aus der Gruppe der Benzodiazepine. K.o. -Tropfen vom Markt zu bekommen ist laut Andratzek mehr oder weniger unmöglich. Denn die Substanzen, die hierzu missbraucht werden können, seien zahlreich. Sie seien zum Beispiel auch in Augentropfen oder Reinigungsmittel enthalten. Nichtsdestotrotz: Wer solche Stoffe anderen Menschen einflößt, begeht eine Straftat.

Auch wenn man K.o.-Tropfen nicht ausmerzen kann, gebe es durchaus Möglichkeiten, sich vor ihnen zu schützen, sagen die Experten: Unter anderem, nur in Begleitung in Discos oder Bars zu gehen und sein Getränk nach Möglichkeit dort nicht unbeaufsichtigt stehen zu lassen. Während seiner Einsätze als Personenschützer, erzählte Andratzek, habe er als vorbeugende Maßnahme gegen K.o.-Tropfen nur ungeöffnete Getränkeflaschen oder Dosen bestellen dürfen.

Etwa 15 bis 20 Minuten nachdem die Substanz verabreicht wurde, setze deren Wirkung ein. Dem Opfer werde zunächst übel und schwindelig. Beste Gegenmaßnahme: „Finger in den Mund, und spucken Sie es aus“. Dies sei übrigens bei allen giftigen Subs­tanzen richtig, die über den Magen aufgenommen werden. Ist mit dem Erbrechen das Schlimmste vermieden worden, sei der nächste Schritt, sich Hilfe zu holen: Entweder – soweit es geht – einen anderen Gast anzusprechen oder in der Disco zum Beispiel, einen Türsteher zu informieren oder jemanden vom Personal. „Die haben eine Garantenstellung und müssen Ihnen helfen“, erklärte Andratzek den Zuhörern in Holzheim. Danach sei es am Besten, sofort zum Arzt zu gehen und dann zur Polizei. Letztlich gehe es auch darum, den Täter nicht davonkommen zu lassen: „Schauen Sie, dass man solchen Leuten auf die Hände klopft.“­

Das Problem für die Ermittler der Polizei sei, dass K.o.-Tropfen lediglich bis zu sechs Stunden im Blut nachweisbar bleiben. Im Urin sind es bis zu zwölf Stunden, erklärte der Chemiker Thomas Mallon. Innerhalb dieser Zeit müssten die entsprechenden Proben genommen worden sein, wenn jemand das Gefühl habe, Opfer geworden zu sein.

Die – farblosen – Substanzen haben laut Andratzek einen seifigen oder salzigen Geschmack. Um diesen zu übertünchen, werden K.o.-Tropfen meist in Schnaps oder Cocktails gemischt. Alkohol wie auch andere Drogen verstärkten die Wirkung. Wie sie auf den einzelnen Menschen wirken, komme vor allem auf die Dosierung an, aber auch auf die körperliche Verfassung. Eine geringe Menge wirke zunächst enthemmend, euphorisierend. „Hat ein Täter richtig dosiert, ist das Opfer zwar anwesend, aber geistig willenlos.“ Oft könnten diese sich später nicht erinnern, was während der vier bis sechs Stunden Wirkungsdauer passiert ist: Sie haben einen totalen Filmriss.

Der Täter könne sein Opfer in diesem Zustand leicht an einen anderen Ort führen. Das sehe für Dritte unter Umständen durchaus so aus, als ginge die Person freiwillig mit. Eine Überdosierung von K.o.-Tropfen kann zum Atemstillstand und damit zum Tod führen – vor allem im Zusammenspiel mit Alkohol. Bricht ein Mensch bewusstlos zusammen, bedeutet das logischerweise: sofort den Notarzt rufen.

Info: Wer mehr über K.o.-Tropfen und ihre Wirkung wissen will, aber auch wie man sich davor schützen kann, findet hier weitere Informationen:
www.ko-tropfen-nein-danke.de

Verdachtsfälle Konkrete Zahlen über Opfer von K.o.-Tropfen können weder das Polizeipräsidium in Ulm noch das in Kempten für ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereich vorlegen. Diese würden nicht gesondert erfasst, sie liefen vielmehr unter Schlagworten wie „Vergewaltigung“ oder „Körperverletzung“, erklärte Sven Hornfischer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West, auf Anfrage. Aber immer wieder werde seiner Behörde ein solcher Verdachtsfall angezeigt.  „Aber es ist kein offensichtliches Problem oder Schwerpunktthema, bei dem wir einen gesonderten Handlungsbedarf sehen“, sagt Hornfischer. Ähnlich ist es laut seinem Kollegen Wolfgang Jürgens in Ulm: „Das Thema ist immer virulent, kommt aber eher selten vor.“ Während der Fasnetzeit nehmen die Verdachtsfälle nach Erfahrung der Polizei zu. Was mit dem erhöhten Alkoholkonsum zu tun haben dürfte: „Wenn man zu viel getrunken hat, wird man erfahrungsgemäß unvorsichtiger.“

Opfer Opfer seien zumeist Frauen. Auch Jürgens weist auf die Schwierigkeiten hin, den Missbrauch von K.o.-Tropfen nachzuweisen. „Und letztlich kann man die Vermutung nie zu 100 Prozent ausräumen.“ Man müsse sich der Gefahr bewusst sein und sich entsprechend verhalten, sagte der Polizeisprecher. „Zum Beispiel immer auf sein Getränk zu achten.“

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