Tastend die Welt erkunden

Kreis Neu-Ulm.  Riechen, tasten, hören: 71 Sehbehinderte und Blinde aus dem Landkreis haben die Donau-Iller-Werkstätten in Neu-Ulm erkundet - und viel erfahren.

Kalt und schwer liegt das Gewicht in den Händen, scharfkantig fühlen sich die Ofenringe an: Tastend haben 71 Sehbehinderte und Blinde am Samstag die Donau-Iller-Werkstätten erkundet. Sie erfuhren einiges über die Arbeit der Werkstätten mit geistig-behinderten Menschen und die Schwierigkeiten, neue Aufträge von Firmen an Land zu ziehen.

Seit 30 Jahren treffen sich die Blinden und Sehbehinderten aus dem Kreis Neu-Ulm regelmäßig, um sich auszutauschen und gemeinsam Neues zu erleben. "Altlandrat Franz Josef Schick hat das Treffen anlässlich des Jahres der Behinderten ins Leben gerufen. Die Resonanz war so gut, dass wir seitdem jährlich Veranstaltungen für die Sehbehinderten und Blinden organisieren", sagte Günter Hock, der im Landratsamt Neu-Ulm den Fachbereich Soziales leitet. Den Tag für die Sehbehinderten und Blinden hatte Werkstattleiter Markus Botzenhardt gerne vorbereitet, auch wenn es für die Werkstattmitarbeiter eine Herausforderung war, sich auf die Erwartungen der Gäste einzustellen.

An einem langen Tisch lagen die Endprodukte der Werkstätten aus: Dichtungen, Ofenrohre, Kopfstützen und Schaumstoffteile. Tastend nahm die Gruppe die Gegenstände wahr und stellte interessiert Fragen. In Neu-Ulm montieren psychisch Kranke Schlauchwagen für Gardena; geistig Behinderte löten unter anderem Kopfstützen für Evobus und stellen Gewichte für Fitnessgeräte her. "Wir bieten den Behinderten und Kranken hier einen Schutzraum an, in dem sie soziale Kontakte haben und konstant belastet werden. Für geistig Behinderte gibt es nichts Schlimmeres, als untätig zu sein", sagte Botzenhardt.

Manchmal fällt es den Mitarbeitern der Neu-Ulmer Einrichtung schwer, die Arbeiter davon zu überzeugen, dass Urlaub keine Strafe ist, sondern eine gesetzlich vorgeschriebene Notwendigkeit. Botzenhardt: "Die Menschen hier sind hochmotiviert. In der freien Wirtschaft findet man so viel Eifer kaum."

Auch ein Blinder arbeitet in Neu-Ulm. Er braucht kaum Hilfe von den Betreuern. Selbstständig geht er täglich seiner Arbeit nach. Wenn er fertig ist, liest er seinen Freunden aus seinem Buch, das in Blindenschrift verfasst ist, vor. "Der hat hier einen guten Freund. Die beiden helfen sich gegenseitig und leiten sich an", erzählte der Werkstattleiter.

Botzenhardt ließ seine Gäste raten, mit welchem Material gearbeitet wird. Die Sehbehinderten und Blinden errieten dies am Geruch: warm und staubig das Holz, schwer und durchdringend das Metall.

"Wir fertigen hier mit unseren 263 Arbeitern auch komplexe Teile, indem wir die Montage in viele kleine Arbeitsschritte zerlegen. Die Behinderten kontrollieren sich bei der Arbeit gegenseitig. Auf diese Weise passieren wenig Fehler", erläuterte Botzenhardt.

Nach rund einer Stunde verabschiedete das Team der Donau-Iller-Werkstätten die Gruppe. Die ließ bei einem Essen den gemeinsamen Tag ausklingen.


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Autor: NINA MERKLE | 19.09.2011

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