Stinkende Weihnachtspost: Fäkalien von Moschee-Feinden?

Ein Unbekannter hat mit Fäkalien gefüllte und wirrem Text versehene Briefe in Vöhringen verschickt. Der Absender „Türkischer Kulturverein“ legt nahe, dass die Post von Moschee-Gegnern kommt. Mit einem Kommentar von Matthias Stelzer: Die geistigen Absender.

NIKO DIRNER, ... |
Die Vöhringer Stadträte und Bürgermeister Karl Janson haben stinkende Weihnachtspost bekommen: Die bunten Umschläge, die vor Heiligabend in den Briefkästen der Mandatsträger landeten, enthielten Fäkalien. Als Absender angegeben ist ein „Türkischer Kulturverein“. Ferner befindet sich ein Aufkleber auf der Rückseite der ansonsten handelsüblichen Glückwunschkarte mit dem Text: „Hallo Mitglied der IS-Gotteskrieger vielen Dank für die Unterstützung“.

„Das ist eine sehr primitive Form der Meinungsäußerung und hat mit politischer Kultur nichts zu tun“, kommentierte Janson die Aktion auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. So könne man keinen Dialog führen, meint der Bürgermeister, der seine Weihnachtskarte noch ungeöffnet zuhause aufbewahrt. Den sozialen Frieden in der Stadt sieht er durch die „feigen“ Urheber aber nicht gefährdet.

Auch bei den Vorsitzenden der Ratsfraktionen stoßen die Weihnachtsbriefe auf Unverständnis. „Wir Stadträte müssen uns während unserer Amtszeit von den Bürgern viel anhören. Aber nun wurde eine rote Linie überschritten“, sagt Volker Barth von der SPD. Die Fraktion habe Anzeige erstattet. Barth meint, diese Briefe hätten eindeutig einen politischen Hintergrund und bezögen sich auf den geplanten Bau der Moschee im Norden der Stadt.

Der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler in Vöhringen, Peter Kelichhaus, sagt: „Ich bin erstaunt darüber, was sich Bürger alles erlauben.“ Er habe seinen unappetitlichen Weihnachtsgruß jedenfalls ungeöffnet mit Hilfe einer Pinzette in ein größeres Kuvert verstaut und der Polizei übergeben. Michael Neher von der CSU-Fraktion fasst seine Meinung so zusammen: „Es ist beschämend, dass ehrenamtlich tätige Stadträte auf eine solche Art und Weise angegangen werden. Das kann nicht akzeptiert werden.“

Und die Vorsitzenden des vermutlich mit dem „Türkischen Kulturverein“ auf dem Brief gemeinten Türkische-islamischen Kulturverein Vöhringen sind entsetzt. Ihr Erster Vorsitzender Mehmet Yilmaz distanziert sich: „Dieses Vorgehen möchte ich auch nicht kommentieren“, teilt er auf eine Anfrage mit. Selbstredend habe der Verein damit nichts zu tun. Sein Stellvertreter Ümit Arslan wird schon deutlicher: „Das ist schon krass. Ich habe keine Ahnung, wer sich so etwas ausgedacht haben könnte.“

Arslan weist erneut darauf hin, dass die Moslems seit Jahrzehnten in der Vöhringer Stadtgesellschaft verwurzelt sind. Man wolle keinen Streit, nur ein harmonisches Miteinander. Daher habe sich eine Delegation des Türkisch-islamischen Vereins vor Weihnachten wie all die Jahre wieder mit dem evangelischen Pfarrer, dem katholischen Pfarrer, Bürgermeister Karl Janson und dem aus Vöhringen stammenden Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger getroffen. Der Verein werde in den kommenden Tagen ebenfalls Anzeige gegen Unbekannt stellen, kündigte Arslan an. Derweil kommen die Vorarbeiten für die Moschee gut voran, derzeit würden detaillierte Pläne erarbeitet. Das Einsammeln von Spenden laufe „ganz gut“. Spatenstich werde 2016 aber definitiv noch nicht sein.

Bereits vor fünf Jahren hatten die Muslime einen Anlauf für den Bau eines Gebetshauses gestartet, dieses Vorhaben aber nach heftigen Protesten auf Eis gelegt. Heuer dann starteten sie den zweiten Anlauf, diesesmal auf einem kommunalen Grundstück. Im Juli gab der Stadtrat bei zwei Gegenstimmen der Bau einer Moschee im nördlichen Gewerbegebiet seine Zustimmung. Zum Ensemble gehört der Bau einer Wohnung für den Imam. Zustimmung gab es ferner für den Bau eines 16 Meter hohen Minaretts. Nur zwei Stadträte der CSU votierten gegen die erforderlichen Ausnahmegenehmigungen.

Der Verein „Pro Vöhringen“, der schon vor fünf Jahren gegen die Moschee agitierte, hatte daraufhin gegen die Beschlüsse angekämpft und wollte die Änderungen im Bebauungsplan verhindern. Der angestrebte Bürgerentscheid kam aus formalen Gründen nicht zustande.

Wer die Briefe versandt haben könnte, weiß die Polizei noch nicht, sagt der Neu-Ulmer Kripoleiter Jürgen Schweizer. Die Beamten hätten einige Umschläge sichergestellt, diese würden nun einer eingehenden Spurensicherung unterzogen. Fingerabdrücke könnten ein erster Hinweis auf den Absender sein. Auch der Ort, an dem die Briefmarken abgestempelt wurden. Die Post könnte als Beleidigung, vielleicht als Körperverletzung gewertet werden, sagt Schweizer. Von einem fremden- oder islamfeindlichen Hintergrund will der Kripo-Chef aber noch nicht sprechen.

„Es gibt bestimmte Anhaltspunkte“, verriet gestern Abend dagegen Karl Janson. Seinen Informationen zufolge wurden die Karten auf einer „auffällig alten Schreibmaschine“ getippt.

Ein Kommentar von Matthias Stelzer: Die geistigen Absender

Es gibt einen Punkt, da lässt sich über Geschmack nicht mehr streiten. Widerlich! Wer immer in Vöhringen die kotverschmierten Weihnachtskarten an die Stadträte und Bürgermeister Karl Janson verschickt hat, ist ein niveauloser Dreckspatz. Zumal er die Sauerei mit einem gefälschten Absender muslimischen Bürgern unterjubeln will. Das legt schnell den Verdacht nahe, dass nicht nur das Innere der Karte unappetitlich braun ist, sondern auch der Autor im rechtspopulistischen und rassistischen Spektrum zu suchen ist.

Auslöser für die Aktion ist der Streit um den Bau einer Moschee im Vöhringer Norden. Denn die Empfänger der stinkenden Kuverts sind jene Kommunalpolitker, die der örtlichen Ditib-Gemeinde den Bau eines neuen Gebetshauses ermöglichen wollten. Einvon „Pro Vöhringen“ angestrebtes Bürgerbegehren schmetterte der Rat ab. Dass es Unverbesserliche gibt, konnte er aber auch mit Infos und Argumenten nicht verhindern. Bürgermeister Karl Janson nutzte viele Gelegenheiten, um für den sozialen Frieden in der Stadt zu werben. Er schlug dabei aber eher leise Töne an.

Dabei müsste im Illertal längst mal in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass „Pro Vöhringen“ die Angst vor dem Fremden schürt. Und damit auch den Boden für schwäbische NPD-Kader bereitet, die nur allzu gerne auf den rollenden Rassismus-Zug aufspringen. Beide sind zumindest geistige Absender der widerlichen Weihnachtspost.

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