Doch kein Wullenstetten-Jubiläum?
Senden. 925 Jahre Wullenstetten soll heuer nach dem Willen des Sendener Bürgermeisters Baiker gefeiert werden. Doch Historiker sehen dazu keinen Anlass.
Der Aufschrei der Hobby-Historiker kam am Tag, als die SÜDWEST PRESSE über die heuer geplante 925-Jahr-Feier für Wullenstetten berichtete. Er habe "starke Zweifel" daran, dass Wullenstetten erstmal 1087 erwähnt worden ist, meldete sich ein Mann. Das bestätigten alle, die sich mit der Materie auskennen. Bürgermeister Kurt Baiker liege falsch mit seinem Termin.
Wie berichtet, hatte Baiker verkündet, heuer eine große Wullenstetten-Feier geben zu wollen. Erwähnt sei der Ort in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1087, auf der ein Otto de Chirchberc eine Schenkung des Grafen von Nellenburg an das St. Salvatorkloster im schweizerischen Schaffhausen bezeugt. Verschenkt wurde damals unter anderem das Illergau, das Gebiet, in dem heute Wullenstetten liegt. Weil belegt sei, sagt Baiker, dass es damals im Bereich von Wullenstetten eine Siedlung gab, ist das für ihn die erste Nennung. Was ihm besonders gut gefällt: Einer der Nachkommen von Otto von Kirchberg war gegen 1300 Konrad von Kirchberg, ein bekannter Minnesänger, oder in Baikers Worten: "Der Dieter Bohlen des Mittelalters."
Was aber sagen die Profis? Wir haben Dr. Sarah Hadry gefragt. Die gebürtige Ulmerin ist eine ausgewiesene Kennerin unter anderem der Geschichte der Kirchberger. Sie sagt: "Besagte Urkunde von 1087 hat mit Wullenstetten überhaupt nichts zu tun." Bei dem beurkundeten Rechtsgeschäft handele es sich "um Wohltaten der südwestdeutschen Grafenfamilie Nellenburg zugunsten des Klosters Allerheiligen in Schaffhausen". Das Ganze spiele sich "fernab der Region Neu-Ulm" ab. Für Historiker, erklärt die Expertin, besteht Anlass für ein Jubiläum, wenn es eine "schriftliche Nennung des betreffenden Ortes" gibt. Unabhängig davon, dass die besagte Siedlung meist vor dem schriftlichen Beleg existierte, es also "ein häufig deutlich weiter zurückliegendes Entstehungsdatum" gibt. Für Wullenstetten seien menschliche Siedlungsspuren aus der Jungsteinzeit bekannt. Man habe auch einen römischen Gutshof gefunden.
Eine dauerhafte Besiedlung habe es wohl erst im Mittelalter gegeben. Vermutlich eher im Hoch- als im Frühmittelalter "wegen der Höhenlage jenseits bevorzugter Siedlungsplätze an Flussniederungen". Klarheit könnten archäologische Grabungen schaffen. In besagtem Dokument finde sich höchstens ein erster Beleg für einen Grafen von Kirchberg und möglicherweise der erste für Kirchberg oder Illerkirchberg.
Bürgermeister Baiker ficht die Fachmeinung nicht an: Er räumt zwar auf Nachfrage ein, dass Wullenstetten nicht wörtlich in der Urkunde drinsteht. Aber bestätigt werde darin eben die Existenz von Otto von Kirchberg und das Gebiet, auf das sich Wullenstetten heute erstreckt. "Und wahrscheinlich auch Senden. Eigentlich könnte man das Fest für Wullenstetten auf ganz Senden ausdehnen. Aber wir feiern ja auch ein Stadtfest." Sein Fazit: "Das kann man so oder so auslegen."
Historikern Sarah Hadry indes hat eine andere Meinung zu der Schenkungsurkunde: "Ein 925-jähriges Jubiläum einer Ersterwähnung des Ortes Wullenstetten kann hieraus trotz entsprechender kommunalpolitischer Wünsche und Bedürfnisse nicht abgeleitet werden."
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Autor: NIKO DIRNER | 07.02.2012
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