Ein Mann für 460 Wohnungen

Senden.  Fast 460 Wohnungen gibt es in den Hochhäusern an der Sendener Bahnhof- und Borsigstraße, dem "Wohnpark Illertal". Um alle kümmert sich seit drei Jahrzehnten Horst Störmer, ein Vollzeit- und Vollblut-Hausmeister.

"Wohnpark Illertal" - einen schöneren Namen hätten sich Makler und Hausverwaltung kaum ausdenken können. "Bahnhofsviertel", "die Hochhäuser" oder ganz einfach "Borsigstraße" nennen die Sendener das offiziell so bezeichnete Viertel an der Bahnlinie. Und wer dort nicht wohnt, möchte meistens auch nicht hinziehen. "So ist das eben mit Vorurteilen", sagt Horst Störmer mit der Überzeugung, die ihm 30 Jahre Berufserfahrung geben. Störmer ist hier der Hausmeister. Er sieht die Wohnanlage mit anderen Augen: Das sei "eine kleine Stadt", und wie jede Stadt eben mit netten und weniger netten Menschen. Mit Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen, was manchmal Probleme mache, aber auch Toleranz lehre. "Toleranz", sagt der 61-Jährige, "das ist das Wichtigste hier überhaupt."

Schneeräumen, Rasen mähen, Heizungen reparieren, kaputte Lampen austauschen, zugefallene Wohnungstüren öffnen: Der gelernte Elektroinstallateur und Anästhesie-Fachpfleger fühlt sich gebraucht von den fast 2000 Leuten in dem Viertel. Er liebe seinen Job, sagt er, sei stolz auf seine Arbeit, die er fast alleine tut. Ihm hilft nur ein 400-Euro-Jobber, der seine vielen Überstunden nicht aufschreibe.

Als Horst Störmer als Hausmeister anfing, da lebten noch Dutzende US-amerikanische Familien in den Hochhäusern und Englischkenntnisse waren eine Voraussetzung für seine Einstellung. Eine schöne Zeit sei das gewesen mit den lockeren Amis und ihren Familien, die sich zum Grillen auf ihren Balkons trafen, erinnert er sich. Englisch braucht er inzwischen nur noch wenig, dafür wurde ihm die Teilnahme an einem Türkisch-Kurs angeboten. "Muss nicht sein", sagt der Hausmeister und schiebt seine Kappe nach hinten. "Ich versteht mich auch so mit den Leuten."

Ganz unterschiedliche Typen wohnten in den rund 460 Wohnungen, erzählt Störmer: Alte Leute etwa, die sich schon vor Jahrzehnten hoch über den Dächern von Senden ihr eigenes kleines Reich eingerichtet haben: "Die haben sichs wunderhübsch gemacht und genießen vom Sofa aus den Blick auf die Allgäuer Alpen." Die Kinder dieser Leute hat Störmer aufwachsen sehen, inzwischen wohnen manche selbst im "Wohnpark Illertal". Es gibt Familien, die als Gastarbeiter nach Deutschland geholt wurden, Aussiedlerfamilien und Menschen, die gerade erst aus Osteuropa nach Deutschland gekommen sind, dazu Singles und Paare. Rund 70 Prozent der Wohnungen werden von den Eigentümern bewohnt.

Auf dem Papier dauert die Arbeitszeit des Hausmeisters von 7.30 bis 16.30 Uhr. Darüber schmunzelt Störmer nur. Bei Winterwetter steht er um vier Uhr auf, weil er um sieben mit dem Räumen und Streuen fertig sein will. "Den Traktor kann man da nur für die großen Wege nehmen", erklärt er. "Die 17 Hauseingänge werden in Handarbeit gestreut und frei gemacht." An ruhigen Tagen steht Störmer um sechs Uhr früh in der Heizzentrale des Areals, von der aus zwei riesige Gasbrenner Wärme in die Häuser schicken. "Wenn es ein Problem gibt, erreiche ich die Handwerker noch, bevor die unterwegs sind", erklärt er.

Dann zieht er seinen dicken Kalender heraus, blättert durch die Seiten. URLAUB steht da immer wieder geschrieben und darunter die Jobs, um die sich der Hausmeister an einem freien Tag so eben mal kümmerte: ein verstopftes Klo. Ein leckender Heizkörper. Ein Wasserrohrbruch. Eine kaputte Flurlampe. Und so weiter. Einmal, erinnert sich der 61-Jährige, habe er 18 Monate lang ohne einen komplett freien Tag durchgearbeitet. Dass er erst kürzlich den diesjährigen Neujahrstag wegen eines ausgefallenen Sicherheitsventils in der Anlage verbrachte, sei nicht der Rede wert.

Sein Diensthandy hat Horst Störmer immer griffbereit, auch im Bad und im Schlafzimmer. Damit er auch nachts um halb zwei erreichbar ist, wenn Leute sich ausgesperrt haben und statt dem Schlüsseldienst ihren Hausmeister anrufen. Es ist eben praktisch, dass der nur fünf Gehminuten entfernt wohnt und keine Rechnung schreibt.

Zum 25-jährigen Dienstjubiläum und zu seiner Hochzeit hat Horst Störmer von "seinen" Leuten ein Geschenk bekommen, "das macht einen schon stolz". Er kommt mit den meisten Bewohnern des Viertels gut aus, man kennt sich und weiß viel voneinander. "Man darf eben nicht alles sagen, was man denkt. Immer freundlich sein, ist meine Devise."

Der 61-Jährige bleibt selbst dann freundlich, wenn wieder mal einer das Fett aus der Fritteuse über das Klo entsorgt hat und er die Schmiere aus den Leitungen kratzen muss. Er bleibt freundlich, wenn einer das Antennenkabel so weit aus der Wand reißt, dass andere Bewohner keinen Empfang mehr haben. Und er schmunzelt, wenn herauskommt, dass ein Bewohner verbotenerweise Hühner auf seinem Balkon hielt oder ein Kartoffelfeld anlegte. Nicht mehr freundlich konnte Störmer allerdings bleiben, als ein Mann von seinem Balkon aus mit dem Kleinkalibergewehr auf Vögel schoss. Oder ein anderer die Kinder der ungeliebten Nachbarn anschwärzen und ihn, den Hausmeister, dafür als Kronzeugen missbrauchen wollte.

Horst Störmer hat viel erlebt in den drei Jahrzehnten. Er hat entkräftete Brieftauben aus dem Kamin geholt, aufgepäppelt und nach Hause fliegen lassen. Er hat einen Falken gerettet, der sich im Schachtsystem eines Hauses verfangen hatte. Er hat Ignoranz erlebt und noch mehr Nachbarschaftshilfe. Und er will noch mehr erleben, denn zum alten Eisen gehöre er noch lange nicht, sagt er. Das sehen offenbar auch die meisten Bewohner so, die dem Hausmeister im Vorbeigehen auf die Schulter klopfen und sagen: "So einen fleißigen, gutmütigen Trottel wie Sie bekommen wir nie wieder."


zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

Sie können noch Zeichen als Text schreiben
Für registrierte Nutzer
Bitte anmelden, um Ihren Kommentar abzuschicken
Für noch nicht registrierte Nutzer
Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.








Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:


Autor: CLAUDIA SCHÄFER | 04.02.2012

Google 1+

Transporter rast mit hohem Tempo auf Wohnmobil

Langenau Noch unklar ist die Ursache für einen schweren Auffahrunfall am Donnerstag auf der Autobahn 7 bei Langenau, bei dem ein Transporter mit extrem hohem Tempo auf ein Wohnmobil auffuhr. Drei Menschen wurden dabei schwer verletzt, eine Katze wird vermisst.... mehr
Schwerer Unfall bei Brenz

Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz

Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr

Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um

Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr

Ruf nach Heim ohne Waffen - Memminger Schütze knackte gesicherten Tresorraum seines Vaters

Memmingen/Stuttgart Nach dem Memminger Amok-Alarm fordern Grüne und Opferverbände ein schärferes Waffenrecht. Der 14-Jährige hatte Waffen des Vaters entwendet.... mehr

Fremde Feder - Hans Küng: Papst provoziert Ungehorsam

Auf dem alternativen wie auf dem offiziellen Katholikentag in Mannheim herrschten allgemein Unmut und Frustration über die Verschleppung innerkirchlicher Reformen. Im scharfen Kontrast dazu bereitet Papst Benedikt XVI. für Pfingsten offensichtlich die definitive Versöhnung der katholischen Amtskirche mit den traditionalistischen Piusbrüdern, deren Bischöfen und Priestern vor.... mehr

Feuer bei Firma Knittel in Vöhringen

Vöhringen In dem Abfallentsorgungsbetrieb Knittel in Vöhringen ist am Donnerstag ein Großbrand ausgebrochen. Plastikmüll und Altpapier standen in Flammen.... mehr