Leben auf dem Pulverfass

Unterfahlheim/Straß.  In der Heeresmunitionsanstalt Straß waren im Zweiten Weltkrieg bis zu 2400 Menschen beschäftigt. Bei einem Diavortrag von Josef Salzer

erkannten sich zwei Nersinger Seniorinnen wieder - sie erzählen.

"Das bin ja ich!", ruft die 86-jährige Johanna Mayr aus. Ihr und den anderen Senioren im vollbesetzten Nebenzimmer der Unterfahlheimer Gaststätte St. Martin hat Josef Salzer am Mittwoch zwei Stunden spannende Heimatkunde beschert. Zum Diavortrag des 61-Jährigen über die ehemalige Heeresmunitionsanstalt (Muna) bei Straß hatte der "Fröhliche Seniorenclub Fahlheim" unter der Leitung von Marianne Merkle geladen. Der Hobby-Heimatforscher aus Straß hat mit seiner fünfköpfigen "Arbeitsgruppe Muna" mehr als 200 Fotos, Pläne und Skizzen zusammengetragen und über Jahre hinweg Zeitzeugen nach der Arbeit in der Muna zwischen 1939 und 1945 befragt. Wie die 86-Jährige, die heute in Straß lebt, erkannten während des zweistündigen Vortrags viele Besucher sich, ihre Eltern, Nachbarn, Freunde wieder.

Johanna Mayr war damals mit einer Gruppe junger Damen abgelichtet worden. Täglich war sie mit dem Zug von Senden nach Straß gefahren, wo sie als "Hülse", wie die in der Hülsenreinigung beschäftigten Frauen genannt wurden, bei der Muna arbeitete. Das war nicht ungefährlich. Manche mussten leere Geschosshülsen im Zyankalibad reinigen. Andere, wie Johanna Mayr, wogen Pulver ab und nähten es in Säckchen ein.

"Sie waren ja eine richtige Schönheit", stellt Xaver Gegenfurtner, der stellvertretende Nersinger Bürgermeister, charmant fest. Doch nicht nur Jugenderinnerungen, auch solche an die Schrecken der damaligen Zeit werden wach: "Wenn Fliegeralarm war, mussten wir laufen", erzählt Johanna Mayr. Da die 180 Hektar große Fläche strategisch günstig unweit der Bahnlinie im Klassenhartwald zwischen Straß, Fahlheim und Bibertal lag, beherbergte sie eine der größten Heeresmunitionsanstalten des Landes. Jede Art Munition wurde dort gefertigt, von Übungspatronen bis hin zu Granaten mit heimtückischem Nervengift. 20 Waggons voll todbringender Geschosse verließen mehrmals wöchentlich das Areal. So war die Muna auch Ziel von Luftangriffen. 16 Menschen starben im Hagel amerikanischer Bomben. Besonders, als dort ab 1943 V 2-Raketen gelagert wurden, saßen die Arbeiter quasi auf einem Pulverfass. "Bis auf wenige Eingeweihte wussten selbst die Muna-Arbeiter nichts davon", erklärt der Hobby-Historiker. "Alles war streng geheim." Dass es trotzdem Fotos gibt, ist mutigen Frauen und Männern zu verdanken.

Auch Barbara Römisch ist in der Dokumentation zu sehen. Die 86-Jährige aus Straß hatte Glück: Da sie die Handelsschule besucht hatte, war sie in der Lohnbuchhaltung der Muna eingesetzt. Vier Jahre lang. "Ich habe jeden Monat den Lohn für die tschechischen Arbeiter ausgerechnet", erzählt sie.

Im Lager lebten nicht nur 400 zwangsinternierte Ausländer, sondern auch junge Tschechen, die sich freiwillig als Köche beworben hatten. Mit einem Heer an Helfern bereiteten sie täglich 2000 Mahlzeiten zu. Drei Viertel der bis zu 2400 Arbeiter waren Frauen. Viele kamen aus Nersingen und der Umgebung.

Hinter der riesigen Munitionsfabrik steckte die Infrastruktur einer Stadt, berichtet Salzer. So hatte die Muna ihre eigene Wasser- und Stromversorgung, eine Feuerwehr mit Wachturm, ein verzweigtes Gleis- und Straßennetz mit 20 Kilometern Straße und den Gleisanschluss an die Bahnstrecke Stuttgart-München. Neben getrennten Wohnlagern für Frauen und Männer gab es Kantinen, eine Sanitätsstation mit Arzt, Kranken- und Fürsorgeschwestern, Metzger, Bäcker, Schneider und eine Wäscherin.

Kaum vorstellbar, aber wahr: Trotz des allgegenwärtigen Kriegs und einem Arbeitspensum von zehn und mehr Stunden am Tag, gab es auch Unterhaltung und Geselligkeit: Feste, Theater, Tanzabende und Wanderungen wurden organisiert. Wenn hoher Besuch kam, sang der Muna-Chor das Muna-Lied. "In welcher Gefahr wir uns befanden, war uns nicht bewusst - oder wir haben es verdrängt", sagt Barbara Römisch. Dahinter steckte einmal mehr die Sehnsucht der Menschen nach ein wenig Normalität im Kriegsalltag.


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Autor: MIRANDA TIEPERMANN | 20.03.2010

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