Kruscht, Krempel und Kuriositäten

Senden.  Es sind nicht nur Möbel-, Mode- und Elektronikhäuser, die die Kunden massenweise nach Senden locken. Für volle Parkplätze im Einkaufsgebiet Nord sorgt auch der große Flohmarkt mit seinem großen Angebot.

Jeden Donnerstag verwandelt sich die öde Asphaltlandschaft des Sendener Festplatzes bei trockenem Wetter in einen bunten Basar. Schon vor fünf Uhr wird es an der Ecke Berliner Straße/Königsberger Straße lebendig: Die ersten Händler fahren an, um sich die besten Plätze auf dem 11000-Quadratmeter-Areal zu sichern. Wer bis um sechs Uhr nicht da ist, hat meist Pech gehabt, findet nur ein Fleckchen in den ungeliebten Randzonen des Platzes oder muss wieder nach Hause fahren. Rund 200 Händler sind es in Schönwetter-Wochen, schätzt Flohmarkt-Betreiber Gero Weickmann. Viele kommen von weiter her, bis aus Ravensburg, Aalen, Augsburg, Dillingen oder dem Allgäu. "Der Sendener Markt hat Tradition und einen guten Ruf", sagt Weickmann. "Da geht was." Senden habe in der Gegend fast eine Monopol-Stellung, seit der - ebenfalls von Weickmann organisierte - Neu-Ulmer Flohmarkt der Baustelle der Multi-Funktionshalle weichen musste.

Der Betreiber lobt die "im Vergleich zu anderen Märkten relativ hochwertigen Waren" und den "guten Verkäufermix" auf dem Sendener Trödel. Womit Weickmann die relativ geringe Zahl kommerzieller Händler meint: Es gibt unter anderem einen Obst- und Gemüsestand, einen Bäcker und eine Imbissbude. "Wir versuchen, das etwas kurz zu halten", versichert der Betreiber. Schließlich solle der Flohmarktcharakter erhalten bleiben.

Die Privatleute, die Omas Dachboden ausgemistet haben oder nach einem Umzug Überflüssiges loswerden wollen und deshalb ein- oder zweimal als Flohmarktverkäufer ihr Glück versuchen, sind in Senden allerdings in der Minderzahl. In den Schulferien tummeln sich zwar auch vermehrt Familien unter den Verkäufern, doch sind es überwiegend Flohmarkt-Profis, die in Senden ihre Ware auf Tischen, Decken, Kofferraumdeckeln und Autodächern ausbreiten. Diese Anbieter, darunter viele Rentner, bekommen aus dem Bekanntenkreis immer wieder Nachschub für ihr Sortiment und sind regelmäßig auf Märkten in der ganzen Region zu finden. Viele haben sich spezialisiert, etwa auf Elektronikteile, Werkzeug oder Antiquitäten. Einige wollen sich etwas dazuverdienen, anderen fällt zu Hause die Decke auf den Kopf.

Fast alle sind sehr offen und kontaktfreudig, aber sich fotografieren lassen oder ihren Namen nennen wollen sie nicht. Auch nicht die ältere Dame, die Kurzwaren und Bastelartikel im großen Stil anbietet. "Echt Svarowski", schwärmt sie und zeigt auf ein Tütchen mit glitzernden Steinen, das neben Mini-Perlen, Reißverschlüssen und Gürtelschnallen liegt. "Ich schenk das fast her. Wissen Sie, was das sonst kostet?" Flohmärkte seien ihre Leidenschaft, erzählt die Frau. Ihr Sohn habe ihr deshalb extra einen Autoanhänger umgebaut, mit Hülsen für den dringend notwendigen Sonnenschirm oder auch mal eine Kleiderstange. Zu Hause dient der Hänger als Lager für die Ware, auf dem Flohmarkt wird er zur Verkaufsfläche.

Ihr Nachbar verkauft Bücher und ist nicht so begeistert vom Sendener Markt wie viele andere Verkäufer. "Das Publikum hier ist nicht so, dass es sich um Bücher reißt", sagt der Mann aus der Region Göppingen. Er werde sein Glück wohl eher wieder auf Wochenend-Märkten versuchen. Das findet Kundin Carola Bek aus Illerberg schade: Sie mag Afrika- und Mittelalter-Romane und hat am Stand des Göppingers drei Schnäppchen gemacht. Bücher seien ja so teuer, da sei ein Flohmarkt für eine Lesenärrin wie sie das einzig Wahre, sagt sie.

Flohmarkt-Fans sind auch Sabine und Josef Stocker aus Illerrieden. Das Ehepaar ist oft auf dem Sendener Trödel unterwegs. Er schaut nach Werkzeug, sie deckt sich mit Büchern ein und sucht nach Kleidung für die drei kleinen Enkel. "Warum soll ich das woanders teuer kaufen?", fragt Sabine Stocker. Auf dem Flohmarkt gebe es Markenware unschlagbar günstig, in super Qualität und zudem schon vorgewaschen: "Da ist die ganze Chemie schon draußen, wenn meine Enkel das anziehen."

Am Stand von Brigitte Zapalowski haben die Illerrieder eine Mütze fürs Enkelchen gefunden. Baumwolle, ein Euro. Eine junge Mutter wird aufmerksam, fragt nach Mädchensachen. Zapalowski schüttelt den Kopf: Nur Jungs in der Familie. "Das gehört auch zum Flohmarkt: Man darf nichts suchen, man kann nur finden." Zapalowski kommt aus Augsburg und mag den Markt in Senden sehr: Der Platz sei schön, habe gute Sanitäranlagen. Das Publikum und die anderen Händler seien nett: "Da kommt nichts weg, wenn ich mal aufs Klo muss." Sie genieße die Gespräche mit den Leuten: "Auf dem Flohmarkt zu sein, tut mir gut."

Es ist knapp elf. Kaufinteressenten schieben sich an Tischen vorbei, fragen betont gelangweilt nach dem Preis für das alte Autoradio, die Spielzeuglok, das Mariengemälde. Es wird gefeilscht, abgelehnt, gefeilscht und dann doch gekauft. Ein Mann schleppt drei pralle Tüten Richtung Festplatz-Ausgang, voll mit Spielzeug für die Enkel. Eine Frau möchte eine Bibel kaufen, findet aber niemanden, der eine anbietet. Eine andere trägt eine Gartenstaude heim.

Die Verkäuferin hat Flohmarkterfahrung, verkauft Hausrat, Spielsachen und Pflanzenableger aus ihrem Garten. In Senden ist sie das erste Mal. Sie muss nach Möbeln schauen, da hat sich Senden als Ziel doppelt angeboten: "Heute verdiene ich morgens auf dem Flohmarkt Geld und gehe ich am Nachmittag shoppen", sagt die Memmingerin, und kniet lachend zwischen ihre Petersilie- und Ringelblumentöpfe: "In Senden passt das super."


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Autor: CLAUDIA SCHÄFER | 25.06.2010

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