Kein neuer See in Senden
Senden. Arbeiter in weißen Schutzanzügen, ein unablässig Erde auftürmender Radlader - das und vieles mehr bekamen die Sendener Stadträte am Dienstag bei einer Baustellenbesichtigung im Stadtpark zu sehen.
"Soll ich vielleicht doch meine Baustellenschuhe aus dem Auto holen?" Nicht nur Bürgermeister Kurt Baiker sorgte sich am Dienstagnachmittag um seine Treter. Mehr als ein Dutzend Stadträte und einige Vertreter der Verwaltung waren vor der Sitzung am Abend in den Stadtpark gekommen, um sich über den Fortgang der Sanierung informieren zu lassen. Weil es tags zuvor heftig geregnet hatte, waren die Wege allerdings schlammbedeckt.
4500 Quadratmeter messe die Fläche, die am Fuße des über dem Schadensherd aufgeschütteten Hügels asphaltiert worden ist, informierte Bauleiter Andreas Dietrich von der Firma Geiger. Auf diesem etwa fußballfeldgroßen Bereitstellungslager türmt sich die abgebaggerte Erde, die vor ihrem Abtransport auf ihre Kontamination untersucht wird. Ein Radlader war eifrig dabei, den Berg zu erhöhen. Weil der geplante Bahnübergang noch nicht genehmigt ist, fahren täglich 30 Lastwagen über die alten Römerstraße ab, räumte Dietrich ein. Wie berichtet, klagen Anwohner, sie seien nicht informiert worden. Bürgermeister Kurt Baiker hatte versichert, solange der Übergang fehlt, werde gar nicht abgefahren.
Das lasse sich nicht halten, sagte Baiker später im Sitzungssaal. Das Konzept der Baufirma basiere auf einem schnellen Abtransport. "Die haben schon Behinderung reklamiert. Wir müssen abfahren!" Die Stadt habe von allen Seiten grünes Licht, nur die Regierung von Oberbayern sperre sich. "Und der dortige Sachbearbeiter ist nur donnerstags da." Wenn er bis Ende der Woche kein positives Signal habe, werde er sich direkt an den Regierungspräsidenten wenden. "Denn jeder Tag ohne Übergang kostet uns mehr Geld."
Nicht günstig kommt auch die Abdichtung der künftigen Baugrube nach unten hin: Zur ersten grundwasserstauenden Schicht in 22 Metern Tiefe werden mit einem Hochdruckinjektionsverfahren überlappende Betonlamellen erstellt. Dazu schafft sich ein Bohrer nach unten und setzt eine Dichtsuspension frei, die aushärtet. "Wir schaffen fünf Lamellen am Tag", informierte Dietrich. "Da wir 300 brauchen, werden wir noch sechs Wochen zu tun haben." Nach der Sanierung werden die Lamellen perforiert, so dass das Grundwasser ungehindert fließen kann. Stahlwände bis hinunter zu treiben, koste zu viel Energie. "Wir haben schon beim Spunden bis in elf Metern Tiefe einen erhöhten Aufwand." Man sei dem Zeitplan dennoch "gut auf der Spur". Gearbeitet werde von 7 bis 19 Uhr, 15 Arbeiter sind derzeit vor Ort. Sie dürfen sich rund um den Schadensherd nur in Schutzanzügen bewegen und müssen beim Verlassen der Baustelle eine Schleuse passieren.
Dietrich zeigte den Stadträten auch die von den Baggern freigelegten Betonbauwerke. "Ob es sich dabei um die Imprägnierbecken handelt, vermag ich nicht zu sagen", meinte der Bauleiter. Doch die älteren Stadträte wussten Bescheid: "Das sind die Becken", sagte etwa Erwin Rogg. Das sei eine wertvolle Information für das weitere Vorgehen, bedankte sich der Mann von Geiger. Man habe übrigens außer Erde auch Bauschutt, Asphalt, Autoreifen und Holz zu Tage gefördert. Auch der Kampfmittelbeseitigungsdienst sei beteiligt gewesen, liegt der Stadtpark doch unmittelbar neben dem Bahnhof - einem beliebtem Ziel im Zweiten Weltkrieg. Ein Teil des nicht kontaminierten Materials ist in Schelklingen gelandet.
Später entschieden die Räte einstimmig, dass auf dem fertig sanierten Gelände kein See entstehen soll. Das war angedacht worden, um einen Teil der Baugrube nicht wieder verfüllen zu müssen - bis zu 70 000 Euro hätten sich so sparen lassen. "Senden hat genug Seen", meinte der Bürgermeister und bekam dafür nur Zustimmung. Die Räte beschlossen zudem, das Architekturbüro Braunger&Wörtz damit zu beauftragen, das bislang nur skizzenhaft dargestellte Nachnutzungskonzept auszuarbeiten. Die Nachnutzung muss städtebaulich höherwertig sein, damit die Fördermittel von 2,7 Millionen Euro fließen. Die Kosten dafür sind auf eine Million Euro gedeckelt. Vorgesehen ist: eine überdachte Parkbühne mit 300 festen Sitzplätzen. Wobei Baiker anregte, möglicherweise auch die Stühle zu überdachen. Beauftragt wurde zudem Manfred Rauh mit der Landschaftsplanung. Angedacht hier: ein einfacher Park mit Skateanlage, die weitere Renaturierung des durch das Areal verlaufenden Landgrabens. Die Stadt hat Zeit bis Ende 2013, um die geforderte Nachnutzung des Geländes fertigzustellen.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: NIKO DIRNER | 29.07.2010
| Artikel twittern |
|
|
Stadträte im Sanierungsgebiet: Bauleiter Andreas Dietrich (im Bild rechts auf einer Wasserreinigungsanlage) erklärt den Fortgang der Arbeiten im Stadtpark. Auf dem linken Bild sind hinten die Imprägnierbecken zu erkennen. Fotos: Niko Dirner
MEISTGELESENE ARTIKEL
Türsteherpoltik in Crailsheim in der Kritik
Daheim Geburtstag zu feiern ist ganz schön, aber zum Schluss mit der ganzen Clique noch in die Diskothek zu gehen, hat auch was. Also machte das kürzlich auch die ältere Tochter des Crailsheimer Bürgermeisters Herbert Holl so.... mehr
Neu-Ulmer Bordell-Chefin wehrt sich gegen Vorwürfe
Neu-Ulm Der in einem Neu-Ulmer Bordell aufgefundene Tote wird nicht obduziert. Die Polizei ist sicher: Der 36-Jährige starb durch einen autoerotischen Unfall. Derweil hat sich die Bordellchefin zu Wort gemeldet.... mehr
Inferno in der Hechinger Altstadt
Hechingen Der größte Altstadtbrand der jüngeren Hechinger Geschichte tobte gestern Abend in der Markt- und Schlossstraße. Dramatische Rettungsszenen spielten sich ab. Neun Menschen wurden verletzt.... mehr
Hechinger Brandruinen qualmen noch
Am Tag nach dem Großbrand in der Hechinger Altstadt qualmt es immer noch aus den Brandruinen. Feuerwehrleute sind auch 20 Stunden nach Ausbruch des Feuers noch mit Löscharbeiten beschäftigt.... mehr
Haussklave erhängt sich bei Sex-Spiel in Neu-Ulmer Bordell
Neu-Ulm Ein 36-jähriger Hausbediensteter hat sich am Montag im Neu-Ulmer Bordell „Lili M.“ bei einem Sex-Experiment offenbar zu Tode stranguliert.... mehr

ZURÜCK


