Integration: Sprachkurs für Asylbewerber in Unterelchingen

Ein Unterelchinger Ehepaar und eine Thalfingerin bringen 20 Asylbewerbern Deutsch bei. Das Engagement kommt nicht bei allen im Ort gut an. Angst vor ihnen brauche niemand haben, sagen die Flüchtlinge.

OLIVER HEIDER |

Es geht ihr gut. Überraschend gut. Sie wirkt quirlig, vital, lebensfroh. Und das, obwohl die nierenkranke Vian, 13 Jahre alt, kurz zuvor in der Klinik zwei Bluttransfusionen bekam. Am Abend sitzt sie an einem Tisch im ersten Stock des früheren Gasthofs Adler in Unterelchingen, wo 20 Asylbewerber untergebracht sind. Gemeinsam mit ihrem Vater Hamzah will sie Deutsch lernen. Wie der ebenfalls aus Syrien stammende Dilschad, dessen Frau Narin und die Kinder Rosal und Aynda. Der kleine Hammzah, das dritte Kind des Ehepaars, fährt mit dem Dreirad um die Ecke. Er steigt ab, geht zielstrebig auf Tanja Eysell zu und setzt sich auf ihren Schoß.

Tanja Eysell (40) bringt 13 Syrern einmal pro Woche Deutsch bei, ihr Mann Jörn (49) und die Thalfingerin Sigrid Thelen (57) leiten die sieben Pakistani an. Diese Eigeninitiative - andere Helfer sammelten Kleider, Spielsachen, TV-Geräte - hält Tanja Eysell für nötig, weil die Unterstützung durch Landratsamt und Gemeinde schleppend laufe. Die Asylbewerber seien eineinhalb Monate da, müssten endlich Deutsch lernen. Was den Schul- und Kindergartenbesuch der Kinder und eine Helferkartei angeht, habe sich ebenfalls wenig getan.

Auch sie habe sich erst mit dem Gedanken an ein Asylbewerberheim in direkter Nachbarschaft anfreunden müssen, sagt Tanja Eysell. Die Unterschriftenaktion gegen eine Massenunterkunft habe aber nichts mit Asylverweigerung zu tun. Es gehe darum, die Flüchtlinge gut zu integrieren, sagt die Physiotherapeutin.

Dafür leisten die Eltern zweier Kinder im Alter von sieben und zehn Jahren ihren Beitrag. Tanja Eysell wiederholt mit den Syrern das ABC, bevor es ums Einkaufen geht. "Ich möchte bitte Kartoffeln kaufen", sagt die wissbegierige Vian. Anhand eines Lernbuchs mit Bildern erklärt Eysell dann, wie Gemüse- und Pflanzensorten auf Deutsch heißen. Salat. Tomate. Gurke. Alltagsnah soll der provisorische Unterricht sein, der bald von einem Kurs der Diakonie abgelöst werde, wie es heißt.

Als Tanja Eysell erklärt, was Schalotten sind, kommt ihr Mann Jörn in den Raum. Vians Vater sieht ihn, spricht ihn an. Die beiden gehen aus dem Raum. In einem klärenden Telefonat mit einem Dolmetscher stellt sich heraus, dass Ungemach droht: "Hamzahs Frau und drei weitere Kinder sind zurzeit in der Türkei. Jetzt werden sie zurück nach Syrien geschickt", sagt Jörn Eysell. Neue Hiobsbotschaften für den entkräfteten Mann und seine kranke Tochter, die ihre Mutter vermisst. Eysell will nun klären, wie sich die rechtliche Situation darstellt - und ob Hilfe aus Elchingen möglich ist.

Der 49-Jährige geht ins Erdgeschoss hinunter, in den Aufenthaltsraum. Dort sollte er mit sieben Pakistani Deutsch lernen. Doch die sind platt. 768 Stufen waren zu viel. "Meine Beine zittern immer noch", sagt der 33-jährige Nouman. Fünf der sieben Pakistani sind nachmittags aufs Ulmer Münster gekraxelt. Sie waren beeindruckt. Bald wollen sie sich das Fischerviertel ansehen. Trotz der Fahrtkosten. Anders als in München - dort zahlten sie pro Monat 25 Euro - müssen sie hier regulär zahlen: 68,50 Euro. Und wie viel Geld kriegen die Flüchtlinge im Monat? "279 Euro", sagt Nouman.

Im Hintergrund läuft der indische Sender "Colors" im Fernseher, auf den die anderen Pakistani gebannt schauen. Der 33-jährige gelernte Schweißer erzählt, wie er vor eineinhalb Jahren aus der Provinz Punjab geflohen war - der täglichen Angst vor religiöser Verfolgung und Terrorismus wegen. Weder auf der Straße, dem Markt, noch in der Moschee habe er sich sicher gefühlt. 14.000 Euro zahlte er einem Schlepper. Dieser besorgte Papiere. Mit dem Flugzeug kam Nouman nach Europa. Er gelangte nach München und dann nach Unterelchingen.

Dort würde er gerne arbeiten. Darf er aber nicht. Und wirklich viel zu tun gibt es in dem 2800-Seelen-Ort auch nicht. Deshalb haben Eysells und andere Helfer die 20 Asylbewerber zum Weihnachtscircus gefahren. Karten erhielten alle vom Veranstalter gratis. Auch den Tiergarten besuchten sie. Jörn Eysell, Lehrer in Weißenhorn, nahm die Kinder auf den Sportplatz mit. Und in die Kindersportschule Elchingen dürfen die Kleinen auch kostenlos.

Tanja Eysell, die in einem Freiburger Brennpunktstadtteil aufwuchs, ist inzwischen im Aufenthaltsraum. Die syrischen Familien haben Tee gemacht. Auch für die Pakistani. Das Zusammenleben scheint zu funktionieren. Tanja Eysell kommt gern zu Besuch. Auch Heiligabend haben sie und ihre Familie mit den Flüchtlingen verbracht. Deren Kinder kämen nach anfänglicher Schüchternheit zum Spielen in Eysells Haus. Kommuniziert wird auf Englisch, oder mit Händen und Füßen. "Das klappt schon irgendwie."

Die 40-Jährige betrübt, dass ihr Einsatz im Ort nicht bei allen gut ankommt. Das Verhältnis zu einigen Nachbarn habe sich abgekühlt. Laut Eysell wird auch so manchem Kind verboten, "die Asylbewerber anzuschauen oder ihnen näher zu kommen". Dass die Angst vor dem Fremden existiert, bekam auch Nouman mit. "Die Leute fürchten sich vor uns. Aber warum? Wir wollen hier nur in Sicherheit leben und tun niemandem etwas." Er hofft, dass er noch mehr Einheimische kennenlernt. Ein intensiverer Deutschkurs kann da nur helfen.

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