Gammelfleisch-Skandal: "Enorme kriminelle Energie"

Memmingen.  Der frühere Chef des Illertisser Kühlhauses Kollmer muss ins Gefängnis. Das Landgericht Memmingen verurteilte den 46-Jährigen, weil er Gammelfleisch als Lebensmittel verkauft hatte.

Tonnenweise.

Drei Jahre Haft. Wegen besonders schweren Betrugs in 15 Fällen. Als die Vorsitzende Richterin Brigitte Grenzstein gestern das Urteil verkündete, wirkte das Gesicht des Angeklagten wie versteinert. Die Verteidigung des 46-Jährigen hatte einen Freispruch für ihren Mandanten beantragt. Nun muss der ehemalige Geschäftsführer des Kühlhauses Kollmer in Illertissen ins Gefängnis.

Die Verhandlung habe die Vorwürfe gegen den Angeklagten bestätigt, hieß es. Demnach hat der frühere Kollmer-Chef rund 313 Tonnen Fleisch der so genannten Kategorie III als Lebensmittel verkauft. Ware also, die nur noch zu Hunde- oder Katzenfutter hätte weiterverarbeitet werden können. Die Kunden in Russland, Tschechien und auf den Philippinen hat der Unternehmer getäuscht: Die Abnehmer sind laut Gericht nicht über die wahre Qualität des Fleisches informiert worden. "Sonst hätten die Kunden diese Lieferungen nicht abgenommen", sagte die Richterin.

Sie beschrieb den früheren Kühlhaus-Boss als Macher. Als einen, der in seinem Betrieb die Zügel fest in der Hand gehalten und dabei eine "enorme kriminelle Energie" an den Tag gelegt habe. So seien bei Kollmer Daten manipuliert, Waren umdeklariert und klammheimlich in den Lebensmittelkreislauf geschleust worden. Auf Weisung des Chefs. Auf diese Weise habe der Kühlhaus-Betreiber einen Gewinn von mehr als 200 000 Euro erzielt. Mit den illegalen Machenschaften habe sich der Fleischhändler langfristig eine zusätzliche und lukrative Einnahmequelle sichern wollen.

Das Gericht stützte sich in seinem Urteil unter anderem auf ein gut 1000 Seiten starkes Gutachten, erstellt von Computer-Experten des bayerischen Landesamts für Lebensmittelschutz aus Erlangen. Das Gutachten habe Unregelmäßigkeiten im Geschäftsablauf bei Kollmer offengelegt.

Der Angeklagte hatte die Vorwürfe während des gesamten Prozesses bestritten. Er räumte zwar ein, dass in seinem Betrieb mit einer veralteten Datenerfassung gearbeitet wurde. Diese EDV habe leider nicht alle Warenströme erfassen können. Daten aber seien in seinem Betrieb niemals manipuliert worden, illegale Praktiken habe es bei Kollmer schlichtweg nicht gegeben. Die in der Anklage aufgeführten KIII-Waren-Lieferungen aus Dänemark seien aus logistischen Gründen zunächst nach Illertissen, wenig später dann an das Tochter-Unternehmen Deggendorfer Frost geliefert worden - einem Betrieb, der laut Zulassung mit Schlachtabfällen handeln durfte.

"Das hat sich als reine Schutzbehauptung herausgestellt", sagte Richterin Brigitte Grenzstein. Das Gericht zeigte sich überzeugt: Die Deggendorfer Frost war Teil des dubiosen Geschäftssystems bei Kollmer. Besagte Lieferungen aus Dänemark seien nachweislich nie in Deggendorf angekommen. Bei dem Tochterbetrieb seien vielmehr Daten nachträglich eingebucht worden - um Spuren zu verwischen. (siehe Infokasten unten).

Staatsanwalt Andreas Rossa hatte in seinem Plädoyer eine Haftstrafe von drei Jahren und acht Monaten für den Angeklagten gefordert. Mit dem von der Großen Strafkammer verhängten Strafmaß war der Anklagevertreter zufrieden. "Das Urteil ist, wie ich finde, alles in allem angemessen. Ich jedenfalls bin zufrieden."

Strafverteidiger Ingo Hoffmann hingegen war nach dem Urteil kurz angebunden. Mit scharfer Zunge wiederholte er seine Kritik an den Fahndern des Zolls. Die hätten schlampig und ausschließlich zu Lasten seines Mandanten ermittelt. "Und das Gericht hat die Beweislage leider nicht ausreichend gewürdigt." Er kündigte an, das Urteil anfechten zu wollen. "Wir gehen in Revision. Auf jeden Fall."

Für das Landgericht Memmingen jedoch wurden während des viermonatigen Prozesses mit elf Verhandlungstagen und mehr als 50 Zeugen aus dem In- und Ausland sämtliche Zweifel an der Schuld des Angeklagten ausgeräumt. Der Fleischhändler aus Illertissen habe mit seinen illegalen Geschäften das Vertrauen von Kunden und Verbrauchern gleichermaßen missbraucht und der Lebensmittel-Industrie geschadet. Mehr noch: Das Kühlhaus Kollmer habe eine ganze Branche in Verruf gebracht.


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Autor: CARSTEN MUTH | 13.03.2010

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