"Es lohnt sich, standhaft zu sein"

Vor zehn Jahren wurde in Pfaffenhofen die Bürgerinitiative für ein besseres regionales Verkehrskonzept (Biv) gegründet. Im Interview ziehen die Biv-Sprecher Wilhelm Pilger und Reinhold Reibl nun Bilanz.

Herr Reibl, sind Sie ein unbequemer Mensch?

REINHOLD REIBL: Das kommt darauf an. Ich würde sagen, ich bin ein kritischer Mensch.

Gilt das auch für Sie, Herr Pilger?

WILHELM PILGER: Das kann man so sagen.

Mit den Behörden haben Sie sich in der Vergangenheit häufig angelegt.

PILGER: Das gehört dazu. Wir sind ja überzeugt von dem, was wir tun.

Warum liegt Ihnen der Straßenverkehr so am Herzen?

REIBL: Weil er jeden von uns betrifft, weil wir tagtäglich damit zu tun haben. Und weil wir verkehrstechnische Defizite erkennen.

Betreiben Sie Lobbyarbeit für Autofahrer?

PILGER: Wir sind keine Lobby. Es gibt nicht nur Autofahrer, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer. Es geht uns nicht darum, Lösungen dafür zu suchen, damit Autos so oder so herumfahren können.

REIBL: Uns sind Fußgänger und Radfahrer genauso wichtig.

Derzeit unterstützen Sie die Anwohner der Richard-Wagner-Straße in Weißenhorn, die sich vehement gegen den Ausbau des Triebwegs wehren, der Verlängerung ihrer Straße.

PILGER: Es geht nicht nur um den Ausbau des Triebweges. Es geht darum, dass sich die Anwohner der Richard-Wagner-Straße, gelinde gesagt, übergangen fühlen. Hoppla- hopp-Lösungen gehen meistens daneben, und irgendwer muss die Zeche zahlen. Aus Fairness gegenüber allen Beteiligten sollten wir aber erst abwarten, ob der Beschluss des gesamten Maßnahmepakets so überhaupt rechtens ist.

Die Anwohner der Richard-Wagner- Straße sagen: Der Ausbau der Strecke führt zu einer deutlich höheren Verkehrsbelastung.

REIBL: Weniger wird es dadurch bestimmt nicht.

Es heißt, der Weg werde bereits als Rennpiste in Richtung Kompostieranlage missbraucht.

REIBL: Das ist Realität. Diese Klagen gibt es schon lange.

Warum hat sich der Weißenhorner Stadtrat gegen eine Bürgerbeteiligung ausgesprochen?

PILGER: Das fragen wir uns auch. Wir finden das unmöglich! Beim Ausbau der anderen Verbindungswege in Weißenhorn geht es nicht nur um den Straßenausbau - auch um hohe Erschließungsbeiträge.

Das heißt?

PILGER: Viele Anwohner wissen noch gar nicht, was da an Kosten auf sie zukommt. Es wird noch viel Ärger geben.

Bürgerbeteiligung wird in Weißenhorn groß geschrieben, betonten jedenfalls die Stadträte.

REIBL: Das hören wir auch immer wieder. Die Realität aber sieht anders aus.

Wie denn?

REIBL: Weißenhorn schmückt sich gerne mit seiner Stadtwerkstatt. In wichtigen Dingen aber werden die Bürger nicht wirklich miteinbezogen. Aus verkehrskonzeptionellen Dingen sollen die Bürger herausgehalten werden.

Hat die Stadt Angst vor den Bürgern?

REIBL: Die Stadt nicht, aber manche haben Angst vor engagierten Bürgern, die sich auskennen, auch rechtlich.

PILGER: Deshalb ist es grundsätzlich gut, wenn sich Bürger zusammenschließen. Das ist wie mit den Fingern einer Hand. Ein Finger alleine ist schwach, zusammen nicht.

Das klingt jetzt aber sehr kämpferisch. . .

PILGER: Wir sind eben überzeugte Bürger.

Die sich für das Recht auf Mitbestimmung einsetzen. . .

REIBL: Deshalb engagiert man sich in einer Bürgerinitiative. Darum geht es doch. Sich nicht ferngesteuert fühlen, sondern Einfluss nehmen. Gemeinsam mit anderen.

PILGER: Mir muss niemand sagen, was ich zu denken habe.

Ihre Bürgerinitiative besteht jetzt seit zehn Jahren. Wann geht Ihnen die Puste aus?

PILGER (lacht): So bald noch nicht. Wir sind nach wie vor motiviert. Unsere Arbeit macht Spaß. Wir lassen uns so schnell nicht unterkriegen.

Auch nicht von dem von Ihrer Initiative angestrebten, aber gescheiterten Bürgerbegehren in Sachen Hauptplatz-Gestaltung?

PILGER: Das war nicht die Bürgerinitiative, sondern einige, die sich auch in der Biv engagiert hatten. Aber zurück zur Frage: Auch davon nicht. Wir haben damals in Weißenhorn hunderte Unterschriften gesammelt. So schlecht war das nicht.

Damals haben Sie sich vehement gegen den inzwischen errichteten Kreisverkehr auf dem Hauptplatz ausgesprochen. War das klug?

REIBL: Diese Position vertreten wir noch immer. Es ging uns auch dort um eine möglichst große Bürgerbeteiligung.

Mitsprechen wollen die Bürger auch in Pfaffenhofen - bei der geplanten Ortsumfahrung, für die sich Ihre Bürgerinitiative einsetzt.

PILGER: Das ist richtig.

Welche Route favorisieren Sie denn nun? Ost- oder Westroute?

PILGER: Wir halten uns zurück.

Klingt nicht konsequent.

REIBL: In Pfaffenhofen ist die Umfahrung ein sehr, sehr emotionales Thema. Wir wollen kein weiteres Öl ins Feuer gießen. Warten wir erstmal die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts in dieser Angelegenheit ab. Dann haben wir vielleicht ein weiteres Stück Klarheit, was die Trassenführung betrifft. Klar ist aber auch: Die Umgehung wird nicht alle Probleme lösen.

Welche Verkehrsprobleme müssen denn in Pfaffenhofen und Weißenhorn noch gelöst werden?

PILGER: Es gibt viele Baustellen. Die Schulwege für Kinder und Jugendliche müssen sicherer werden. In der Reichenbacher Straße in Weißenhorn etwa sollte unserer Auffassung nach eine Ampel errichtet werden, damit die Kinder sicher zur Grundschule Süd gelangen können. Generell machen wir uns für ein innerörtliches Tempolimit stark.

Und wer soll alles das bezahlen?

REIBL: Unsere Aufgabe besteht darin, Schwachstellen aufzudecken. Am Ende muss der Stadt- oder Gemeinderat entscheiden.

Das hört sich nun fast wieder versöhnlich an.

REIBL (lacht): Wir sind ja keine Unmenschen.

Welche Fehler hat die Bürgerinitiative denn in den vergangenen zehn Jahren gemacht?

REIBL: Schwierig zu sagen. Hinterher ist man immer schlauer. Unser großer Verdienst ist, zu zeigen, dass man in einer Demokratie etwas bewegen kann. Es lohnt sich, gegenüber politisch Verantwortlichen standhaft zu sein.


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Autor: CARSTEN MUTH | 06.02.2010

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