Den Berufsschulen im Kreis Neu-Ulm fehlen Räume und Lehrer

Es klingt nach einer Mammutaufgabe: Die Berufsschulen im Kreis Neu-Ulm müssen die Zahl ihrer Flüchtlingsklassen versechsfachen. Schulleiter Klaus Hlawatsch denkt über einen Container-Anbau nach.

ANDREAS SPENGLER |

Der erste Tag in der neuen Schulklasse endete mit einer Überraschung. Der Pausengong ertönte, Lehrer Klaus Hlawatsch schloss den Unterricht, doch bevor die Schüler das Klassenzimmer verließen, schüttelten sie seine Hand – und dankten ihm für seinen Unterricht. „Natürlich hat mich das gefreut, eine schöne Bestätigung für unsere Arbeit“, erzählt der Schulleiter der staatlichen Berufsschulen im Landkreis.

Das war vor knapp einem Jahr. Damals war die Stimmung optimistisch, die Ausmaße der Flüchtlingskrise waren kaum absehbar. An den beiden Berufsschulen in Neu-Ulm und Illertissen wurden die ersten Klassen für berufsschulpflichtige Asylbewerber und Flüchtlinge (BAF) eingerichtet. Doch inzwischen hat sich die Lage zugespitzt: Zusätzlich zu den 3 Klassen an den beiden Schulen sollen bis September 16 weitere Klassen entstehen – so die Vorgabe der bayerischen Staatsregierung. Im Dezember vergangenen Jahres habe er davon erfahren, erzählt Hlawatsch.

Die Zahlen sagen: rund 300 Berufsschüler müssen noch untergebracht werden. Hlawatsch sagt: „Die Schüler sind da – die Räume nicht.“ Zudem seien Lehrer dringend gesucht: „Der Markt bei den Berufschullehrern ist leergefegt.“ Hlawatsch will jetzt auf kreative Lösungen setzen: Allein bis Mitte Februar muss er vier neue Klassen schaffen. Dafür werden wohl zehn neue Lehrer über Zeitverträge angestellt, meist befristet auf ein bis zwei Jahre. „Wobei Lehrer Personen sind, die unterrichten . . .“ Tatsächlich habe nur rund die Hälfte der Lehrkräfte eine abgeschlossene Lehrerausbildung, einige davon werden aus dem Ruhestand geholt. Manche Bewerber waren bisher in Asyl-Helferkreisen aktiv.

„Wenn wir nur Lehrer mit abgeschlossener Berufsausbildung nehmen würden, könnten wir die Aufgabe nicht bewältigen“, sagt Hlawatsch, „weder in Neu-Ulm, noch im Land.“ Zudem zähle für ihn vor allem die Motivation der Bewerber: „Wir suchen Menschen, die diese Aufgabe mit dem Herzen annehmen.“ In den BAF-Klassen wird selten nach strikten Lehrplänen unterrichtet. Ob beim gemeinsamen Kochen, in der Holzwerkstatt oder der Diskussion im Sozialkunde-Unterricht über Flüchtlinge in Deutschland, immer steht die Sprache im Vordergrund.

Die Schüler sind in der Regel zwischen 16 und 21 Jahren alt, im Kreis Neu-Ulm stammen die meisten aus Afghanistan und Syrien. Sie sollen hier im ersten Jahr die deutsche Sprache vermittelt bekommen, im zweiten dann im Eiltempo an die Arbeitswelt herangeführt werden: mit Praktika und Berufsvorbereitung – und im Anschluss im besten Fall einer Ausbildungsstelle.

Erfahrungswerte kann Schulleiter Hlawatsch noch keine vorweisen, doch er habe den Eindruck, dass „das Handwerk sehr wohl bereit ist, jungen Menschen mit Migrationshintergrund eine Ausbildung zu ermöglichen.“ Allein im vergangenen Jahr blieben in der Region hunderte Stellen unbesetzt.

Doch bis die Schüler in den Arbeitsmarkt integriert werden können, ist es oft ein mühsamer Weg. Manche von ihnen sind traumatisiert und benötigen die Hilfe von Sozialarbeitern. Andere haben kaum eine Vorstellung vom Arbeitsmarkt in Deutschland. Sie erzählen zum Beispiel, dass sie eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker abgeschlossen haben. Dabei haben sie in Kabul ein paar Wochen lang alte Reifen auf die Felgen gezogen, meint Hlawatsch. Dennoch habe er großen Respekt: „Die Menschen, die zu uns kommen, wussten in ihrer Heimat nicht, ob sie am nächsten Tag genug zu Essen haben“, sagt er. „Gegenüber solch existenziellen Fragen sind unsere Probleme eher klein.“

Hauptproblem für Schulleiter Hlawatsch bleiben die fehlenden Räume. Beim Landratsamt hat er Bedarf für sechs Container-Klassen angemeldet. Baudirektor Rudolf Hartberger hat Landrat Thorsten Freudenberger bereits mitgeteilt, dass „die Container gut unterzubringen und an das bestehende Gebäude anzuschließen wären“. In der angrenzenden Turnhalle sind bereits Flüchtlinge untergebracht.

Doch die Wartezeiten für Container sind lang, die Kosten hoch: Pro Modul fielen monatlich circa 1500 Euro an, hinzu kommen Einmalkosten für die Aufstellung von gesamt 70.000 Euro, so schätzt Jürgen Bigelmayr, Sprecher des Landratsamts Neu-Ulm. Ob es dafür Zuschüsse vom Freistaat gibt, muss noch mit der Regierung von Schwaben geklärt werden. Der Schulausschuss des Kreistags berät dann am 18. Februar über den Schuletat.

Schulleiter Hlawatsch weiß, dass er vor einer großen Herausforderung steht, „dass das schief gehen kann“. „Einen Masterplan gibt es nicht.“ Stattdessen viele Eventualitäten. Doch seinen Optimismus will sich der Schulleiter nicht nehmen lassen: „Wir stehen jetzt in der Verantwortung.“

Asylbewerber fit machen für den Arbeitsmarkt

Berufsschulpflichtige Asylbewerber und Flüchtlinge (BAF) können in Bayern an einem zweiteiligen Berufsintegrationsjahr (BIJ) teilnehmen. Im ersten Jahr werden Sprachkenntnisse vermittelt, im zweiten stehen Betriebspraktika an. Im Abschluss können die Schüler einen Mittelschulabschluss erwerben. Nach Vorgabe des Kultusministeriums sollten in einer BAF-Klassen höchstens 20 Schüler unterrichtet werden. Finanziert wird das Angebot vom Land Bayern und aus dem Europäischen Sozialfonds.

BAF-Schüler erhalten ergänzend zum Unterricht auch Kurse der Bildungspartner. Im Landkreis Neu-Ulm sind dies das Kolping-Bildungszentrum und die Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (BFZ).

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