"Autobahn" durch Straß
Straß. Vor 100 Jahren hatte Straß einen passionierten Hobbyarchäologen als Pfarrer. Was Anton Ilg über die keltischen, römischen und alamannischen Ahnen herausfand, war jetzt in einem Bildervortrag zu erfahren.
"Das meiste was wir von Straß wissen, wissen wir von Pfarrer Anton Ilg." Mit diesen Worten begann Wolfgang Kösel vor rund 100 Besuchern in Straß seinen Bildervortrag. Der 50-jährige Berufssoldat und Hobbyforscher aus Oberfahlheim spannte den Bogen von der Steinzeit zum Zweiten Weltkrieg. Im Mittelpunkt standen Ilgs Ausgrabungen. So erfuhren die Besucher, dass "Straze" (Straß) erstmals 1225 in einer Urkunde des Klosters Elchingen auftaucht und auf eine ehemalige Römerstraße zurückgeht.
8000 Jahre alte Steinwerkzeuge auf Äckern zwischen der Holzfirma Merkle in Oberfahlheim und dem Straßer Weg sowie andere Beweise für die Anwesenheit von Kelten und Römern auf der heutigen Gemarkung von Straß hatte Pfarrer Ilg zutage gebracht. Diese Funde legen nahe, dass die Gegend erstmals in der Jungsteinzeit besiedelt wurde.
Ilg hatte zwischen 1904 und 1916 intensiv Heimatforschung betrieben. Bei ersten Ausgrabungen stieß er 1909 nordöstlich des Straßer Lohhofs auf zwei keltische Grabhügel mit Beigaben aus der Hallstattzeit, etwa 750 bis 450 Jahre vor Christus. Zahlreiche Ausgrabungen zwischen 1908 und 1913 förderten unter anderem eine stattliche römische Siedlung samt Tempel und Infrastruktur zutage. Die Römer hatten um 15 vor Christus begonnen, das Voralpenland zu erobern und die keltischen Stämme zu unterwerfen.
Zunächst entdeckte Ilg die Donausüdstraße, die von den Römern als Fernstraße fürs Militär angelegt worden war und mitten durchs heutige Straß führte. Vor 100 Jahren konnte Ilg die auf einem Damm befestigte, knapp vier Meter breite "antike Autobahn" noch nachverfolgen. Seit dem Bau der Muna sind die Spuren verwischt. In der Nähe der heutigen Tankstelle kamen Fundamente von sechs römischen Gebäuden ans Tageslicht. Im Boden fand Ilg Gefäße, Messer, Nadeln, Schmuck, Nägel und Münzen. Letztere stammen aus dem 2. und 3. Jahrhundert nach Christus.
Auf dem dazugehörigen Friedhof, heute "Alte Siedlung", kamen mehr als 100 Brandgräber mit Beigaben zum Vorschein. Der Friedhof lag damals - wie bei den Römern üblich - außerhalb des Ortes zu beiden Seiten der Straße. Als Grabbeigaben fanden sich wiederum Münzen, die den Toten "für die Reise ins Jenseits" mitgegeben wurden. Ein "Straßer Römer", der dort begraben lag, war Caius Julius Saturninus: Der Stein mit der Inschrift wurde später im Mauerwerk der Pfarrkirche St. Johann Baptist entdeckt. Rund 700 Meter südlich der Römersiedlung, in der heutigen "Judengasse", machte Pfarrer Ilg eine weitere spannende Entdeckung: Er fand Mauerreste eines gallo-romanischen Umgangstempels samt Dachziegelresten, Gefäßscherben und Opfergaben. Die Außenmauern der Straßer Kultstätte maßen rund 18 auf 15 Meter. Welchen Göttern der Tempel geweiht war, ist nicht überliefert. Von den Mauern ist heute nichts mehr übrig, sie wurden in späteren Jahren zu Kalk verbrannt und anderweitig genutzt, fand Ilg heraus. Im Jahr 233 nahm die Römerherrschaft ein jähes Ende.
Die einfallenden Germanen raubten, plünderten und brandschatzten. Einen letzten Versuch, die Grenze entlang der Donau mit Kastellen und Wehrtürmen zu verteidigen - das römische Straß gab es nicht mehr -, unternahmen die Römer im 4. Jahrhundert. Überreste eines solchen Wehrturms förderte Ilg 1913 unweit der Römerstraße zutage. Um 500 nach Christus siedelten sich die Alamannen in einzelnen Höfen rund um Straß an. Von deren Naturbauten ist nichts übrig, wohl aber weisen in der Nähe des Lohhofs gefundene Gräber auf deren Existenz hin. Aus den Gehöften entstand im Lauf der Jahrhunderte der Ort Straß. Noch heute erinnern Straßennamen wie Römerstraße, Keltenweg oder Alamannenweg an die bewegte Geschichte.
Auch Anton Ilg ist eine Straße gewidmet. Seine Funde prägten die Archäologische Sammlung des Kreises Neu-Ulm, die bis Oktober 2008 am Petrusplatz in Neu-Ulm zu sehen war. Dazu hinterließ der Pfarrer, der 1907 den historischen Verein Neu-Ulm mitbegründete, mehr als 50 Fachbeiträge und geschichtliche Abhandlungen. Er starb mit 49 Jahren. Sein Grab auf dem alten Friedhof ist noch heute erhalten.
Info
Der nächste Vortrag aus der Serie "Archäologisch-geschichtliche Streifzüge durch die Heimat", veranstaltet von der CSU-Ortsgruppe, findet im April zur Geschichte von Ober- und Unterfahlheim statt.
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Autor: MIRANDA TIEPERMANN | 27.01.2010
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Viele Fundstücke von Anton Ilg gehören heute zur Archäologischen Sammlung des Landkreises Neu-Ulm. So auch diese Relikte aus der Römerzeit, die in Straß gefunden wurden. Bis 2008 waren sie im Museum zu sehen. Fotos: Miranda Tiepermann
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