Ehemalige jüdische Siedlung in Altenstadt soll saniert werden
Altenstadt. Einst war Altenstadt eine der größten jüdischen Gemeinden in Schwaben. Seit 1945 leben dort keine Juden mehr. Geblieben aber sind die Wohn- und Geschäftshäuser entlang der Memminger Straße.
"Das Werbeplakat für die alte Bleiche hängt noch in meiner Garage", sagt Günther Backhaus. Er denkt zurück an die Zeit, als ein Bürgerentscheid das einstweilige Aus für die Instandsetzung der ehemals jüdischen Garnsiederei in der Memminger Straße in Altenstadt besiegelte. Mehr als 80 Prozent der Altenstadter hatten sich damals, im September 1996, gegen die Sanierung des Gebäudes ausgesprochen. Im Jahre 2012 scheint es einen erneuten Anlauf zu geben, die Ortsmitte der Marktgemeinde aufzuwerten. Mit dem Einstieg in die bayerische Städtebauförderung könnte der seit Jahrzehnten verwaiste Ortskern mit seinen denkmalgeschützten Häusern "nun womöglich ein neues Gesicht bekommen", hat Bürgermeister Wolfgang Höß bei der jüngsten Gemeinderatssitzung angekündigt.
Die 1747 gebaute Bleiche, die als eines der ersten Häuser in Altenstadt von einer jüdischen Familie bewohnt wurde, sollte vor 15 Jahren noch zu einem Mehrfamilienhaus mit fünf Sozialwohnungen umgebaut werden. 1,2 Millionen D-Mark hatte die Regierung von Schwaben für die Restaurierung schon bewilligt, sagt Backhaus und erinnert an die Pläne des damaligen, vor zwei Jahren verstorbenen Bürgermeisters Gustav Schlögel. Die frühere Garnsiederei ist eines von etwa einem Dutzend Wohn- und Geschäftshäusern entlang der Memminger Straße, denen die Regierung von Schwaben in einer Untersuchung bescheinigt, erhaltenswert zu sein. Die denkmalgeschützten Gebäude markierten den Kern des jüdisch geprägten Altortes von Altenstadt.
Vom einstigen Wohlstand ist allerdings wenig geblieben. Die Häuser, in denen Kaufleute, eine Bankiersfamilie, Viehhändler, Metzger und Handwerker lebten, und die mit den für frühe Judensiedlungen typischen Satteldächern und Eingangsstufen zu den Wohn- und Geschäftsräumen gebaut wurden, sind heruntergekommen. Der Putz bröckelt, Fenster und Türen sind verblichen, Dachrinnen verrostet.
Die meisten der dicht aneinander gebauten, zweigeschossigen Geschäfte stehen seit der Deportation der letzten 22 Juden aus Altenstadt mehr oder weniger leer - 1942 waren die Menschen von den Nationalsozialisten in Vernichtungslager verschleppt worden. Bewohner und Pächter der anderen Gebäude wechseln rasch. Ein Blumenladen war das vorerst letzte Geschäft, das mangels Rentabilität aufgegeben hat. Zuvor waren ein Käsegeschäft, ein Computerhändler und ein Fahrradverkäufer gescheitert.
Für Backhaus ist das nicht ungewöhnlich - "und hängt mit der jüdischen Geschichte der Häuser nicht zwangsläufig zusammen". Eher mit dem Umstand, dass es sich für Einzelhändler nur noch selten rechnet, in klein strukturierten Gemeinden ein Geschäft zu betreiben. Davon zeuge die wachsende Zahl an Leerständen, nicht nur in Altenstadt.
Der Trend des Handels, auf der grünen Wiese Lebensmitteldiscounter hochzuziehen und Warenhausketten in den Städten zu konzentrieren, schafft für den dritten Anlauf von Rathaus und Marktgemeinderat, den jüdischen Ortskern aus dem 18. und 19. Jahrhundert zu sanieren, neue, schwere Bedingungen. Investoren für die Restaurierung werden sich laut Stadtplaner Bernhard Landprecht nur finden, wenn die Chance besteht, Wohnungen und Geschäftsräume zu vermieten oder zu verpachten. Die Fördergelder allein reichten nicht aus, die Gebäude instandzusetzen, sagte der vom Marktgemeinderat beauftragte Münchner Architekt jüngst in einer Sitzung im Rathaus.
Mitte der 70er Jahre hatte es in Altenstadt erbitterten Streit um eines der jüdischen Häuser, das Grambihler-Haus, gegeben. Die ehemalige Mühle hatte der gleichnamige Käufer 1895 von einem jüdischen Bewohner erworben. Irgendwann verloren die Besitzer allerdings das Interesse an dem großen Gebäude, das im Gegensatz zu den Judenhäusern aus dem 18. Jahrhundert mit aufwendigem Mansarddach gebaut wurde. Das Gebäude verkam.
1976 kaufte es die Gemeinde Altenstadt, nachdem Unbekannte im Herbst 1975 versucht hatten, das alte Haus niederzubrennen. Eine Bürgerinitiative hatte zuvor 1000 Stimmen gegen die vom Rathaus beschlossene Sanierung gesammelt. "Doch das Denkmalamt hielt dagegen", erzählt Backhaus. Obwohl der Dachstuhl durch den Brand schwer beschädigt worden war, durfte das Gebäude nicht abgerissen werden. Es wurde von der Gemeinde renoviert. Der damalige Bürgermeister des Marktes, Günter Blum, hatte sich durchgesetzt.
Heute erstrahlt das weiß gestrichene Haus mit den grünen Fensterläden in der Memminger Straße 18 in neuem Glanz. "Für den Erhalt und die Pflege des jüdischen Erbes im Ort, war das ein wichtiger Schritt", sagt der Hobby-Historiker Günther Backhaus. Ob die anderen, einst von den Nationalsozialisten enteigneten Häuser wieder funkeln werden, wird Backhaus Ansicht nach "maßgeblich davon abhängen, ob die jetzigen Besitzer bereit sind, das Risiko auf sich zu nehmen, und finanziell unterstützt von der Gemeinde, Wohnungen und Läden wieder instandsetzen".
Zwei Anläufe der Marktverwaltung Altenstadt waren bisher, mit Ausnahme des Grambihler-Hauses, an Denkmalschutzauflagen und den dafür nötigen hohen Investitionen gescheitert. "Vielleicht gelingt es ja dieses Mal", hofft Backhaus, der hellhörig wurde, als er im November von den Vorschlägen der Stadtplaner hörte, ein Museum in die Sanierungspläne einzubeziehen, mit dem künftig an die jüdische Geschichte erinnert werden könnte.
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Autor: PETRA AST | 10.01.2012
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Viele der historischen Gebäude in der Altenstadter Ortsmitte zeugen von der Geschichte der jüdischen Siedlung. Auf dem Friedhof im Ortsteil Illereichen wurde 1942 zum letzten Mal ein Mitglied der jüdischen Gemeinde beerdigt. Auf dem hügeligen Gelände stehen 293 verwitterte Grabsteine. Fotos: Petra Ast
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