Hell ist nicht gleich hell – „Zimmerhelden“ wählen

Ulm.  Die Freude am Wachsen und Gedeihen von Pflanzen ist nicht das Privileg der Garten- und Balkonbesitzer. Platz für Grün ist in der engsten Hütte, und für jeden Standort findet sich das richtige Gewächs.

Wenn beide zusammen passen und das richtige Maß beim Gießen gefunden wird, lassen sich schon gute Erfolge im Zimmergarten erzielen. Der wird meist auf dem Fensterbrett angelegt – und das ist gut so. Denn je weiter eine Pflanze in den Raum gerückt wird, desto weniger Licht bekommt sie ab. Schon ein kleiner Abstand kann dazu führen, dass zum Beispiel die Zimmerlinde nicht mehr blühen und die Yucca-Palme nicht mehr wachsen mag.

Die menschliche Wahrnehmung unterschätzt, wie stark die Intensität des Lichts Richtung Innenraum abnimmt. Wenn bei vollem Sonnenschein im Freien 76 000 Lux – in dieser Einheit wird die Beleuchtungsstärke angegeben – gemessen werden, kommen direkt hinter der Scheibe noch 53 000 Lux an. Nur einen Meter vom Fenster entfernt werden noch gerade mal 500 Lux gemessen. Pflanzen, die laut Steckbrief „viel Licht“ brauchen (etwa Alpenveilchen, Bougainvillea, Hibiscus, Passionsblume), gedeihen am besten bei einem Wert, der größer ist als 3000 Lux, „mittleres Licht“ (Aralie, Bromelien, Dieffenbachia, Philodendron) bedeutet mehr als 2000 Lux, „wenig Licht“ 500 Lux (Anthurie, Clivie, Schusterpalme, Farne).

Auch Grünlilien (Chlorophytum) nehmen eine gewisse Entfernung zum Fenster nicht übel. Das gilt auch für Sansevierien, die der Zimmerpflanzen-Experte und Buchautor Karlheinz Rücker zu den „Zimmerhelden“ zählt. Denn sie sind besonders pflegeleicht. Allerdings sind sie etwas außer Mode und in manchen Kreisen gar in Verruf geraten, galten sie doch im Verein mit Usambaraveilchen, Gummibaum und Gelsenkirchener Barock als sicheres Kennzeichen spießiger Phantasielosigkeit. Mag sein, dass das negative Image dieser Pflanzen damit zusammenhängt, dass sie bisweilen lieblos versorgt und in hässlichen Übertöpfen ein eher kümmerliches Dasein als Staubfänger fristen mussten. In entsprechenden Arrangements oder auch als gut gepflegte Einzelpflanze hingegen erfreuen sie den Pflanzenfreund.
Zumal sich beispielsweise die Grünlilie (Chlorophytum) mit ihren „Babys“ auf den langen Blütenranken ebenso wie das Zyperngras leicht vermehren lässt und so auch bestens geeignet ist, Kinder an den Garten im Haus und dieses Stück Natur heranzuführen.

Ganz ohne Licht kommt jedoch keine Pflanze aus. Es ist die Voraussetzung für die Photosynthese und damit für Wachstum und Blüte. „Aber es gibt für so gut wie jeden Platz im Haus eine Pflanze, die sich dort wohl fühlt“, sagt Bettina Hardegger, Chefin in der auf Topfpflanzen spezialisierten Gärtnerei Wollinsky im Neu-Ulmer Stadtteil Steinheim. Notfalls muss – insbesondere im Winter – mit einer Pflanzenleuchte nachgeholfen werden. Dafür reichen für den Hausgebrauch meist Energiesparlampen oder Leuchtstoffröhren, die das notwendige Spektrum abdecken. Bei Glühbirnen ist das nicht der Fall. Sie geben außerdem zu viel Wärme ab.

Erfahrungsgemäß reicht es auch nicht unbedingt, wenn Kunden auf der Suche nach einem grünen „Mitbewohner“ lediglich die Ausrichtung des Fensters kennen. Denn das sagt nicht immer genug über die Helligkeit. Wenn ein Baum vor dem Südfenster steht oder das Nachbargebäude Schatten wirft, kann es dort dunkler sein als auf der Nordseite. Für reine Sonnenfenster empfiehlt Bettina Hardegger die jetzt in vielen Farben blühenden Begonien, die auch große Hitze aushalten. Das gilt auch für die vielen Aloe-Arten und Echeverien.

Farbige Akzente setzen am Südfenster die Kalanchoën, die als „flammende Käthchen“ (K. blossfeldiana) zu den beliebtesten Zimmerpflanzen gehören und immer wieder zum Blühen gebracht werden können. Ganz oben auf der Hitliste stehen momentan gefüllte Sorten, deren Blüten wie winzige Röschen aussehen. Orchideen gedeihen am besten an Ost- und Westfenstern. Den Halbschatten lieben Usambaraveilchen und Schefflera. An der Nordseite der Wohnung fällt meist noch genug Licht ein für die Hoya linearis, eine „exklusive“ Wachsblume mit dezenten hellen Blüten, die sich mit ihren langen Ranken für Ampeln eignet.

Weitere Standortfaktoren sind für den Garten im Haus wichtig und können meist mit einfachen Mitteln beeinflusst werden. Grundsätzlich sollte es nachts mindestens zwei bis fünf Grad kälter sein als am Tag. Das gilt ganz besonders für tagsüber eher dunkle Plätze. Denn in der Nacht baut die Pflanze die organischen Substanzen ab, die sie tagsüber durch Photosynthese gewonnen hat. Der Abbau ist ein biochemischer Prozess, der bei Wärme schneller voranschreitet. Wenn die Pflanze wachsen soll, muss sie mehr produzieren als abbauen.
Bekanntlich stellen unterschiedliche Gewächse auch unterschiedliche Ansprüche an den Wassernachschub.

Der Bedarf hängt einerseits von der Art und ihrer Lebensgewohnheit in der natürlichen Umgebung ab. Das leuchtet ein: Der Kaktus braucht weniger Wasser als das Zyperngras. Aber auch aktuelle Bedingungen spielen eine Rolle: In gut beheizten Räumen verdunsten Pflanzen viel Feuchtigkeit über Erde und Blätter. Auch Gefäß und Substrat bestimmen mit, wie oft gegossen werden muss. Das Wasser sollte nicht zu heiß und nicht zu kalt sein – in der Regel ist Zimmertemperatur zu empfehlen. Usambaraveilchen, Gloxinien oder Wolfsmilchgewächse zeigen schnell, dass sie kein kaltes Wasser mögen.

Wer empfindliche Pflanzen pflegt, sollte auch auf die Härte des Wassers achten und es gegebenenfalls mit einem Filter aufbereiten. Verfärben sich die Blattspitzen braun, kann das auf zu trockene Luft hinweisen. Zur Abhilfe ist es möglich, die Pflanze hin und wieder zu besprühen oder sie auf eine Schale zu stellen, die mit Blähtonkügelchen und Wasser gefüllt ist. Das schafft ein gutes Kleinklima um die Pflanze – und die wiederum sorgt für gute Luft und gute Stimmung im Zimmer.


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