Zum Marathon eingeflogen

Ulm.  Ralf Schmidt ist in Ulm aufgewachsen und lebt im kanadischen Vancouver. Für seinen zehnten Marathon hat er sich etwas Besonderes einfallen lassen und ist für fünf Tage in seine alte Heimat gekommen.

Als Ralf Schmidt am Sonntag auf dem Münsterplatz nach 42, 195 Kilometern durchs Ziel läuft, ist er noch nicht einmal drei volle Tage in Deutschland. Und bereits morgen früh um 9 Uhr wird er wieder im Flugzeug nach Kanada sitzen. Das einzige Ziel dieses nicht einmal fünf Tage währenden Kurztrips: der Einstein-Marathon.

Warum fliegt jemand mehr als 8 000 Kilometer, nimmt eine Zeitverschiebung von neun Stunden in Kauf, um dann 42 Kilometer zu laufen? "Mir wurde irgendwann Mitte des Jahres bewusst, dass der nächste Marathon mein zehnter ist", sagt Schmidt. Dieses Jubiläum wollte er gerne in zweifacher Hinsicht zu etwas Besonderem machen. Er wollte seine persönliche Bestzeit von 4 Stunden und 5 Minuten unterbieten: in der Stadt, in der er aufgewachsen ist: Ulm.

Die Vierstundenmarke hat er letztendlich nicht geknackt. Für die Strecke durch Ulm und Neu-Ulm hat der 47-Jährige 4 Stunden und 19 Minuten gebraucht. Dennoch: "Das ist ein wunderschöner Marathon. Ich habe es nicht bereut, hierher gekommen zu sein."

Im Mai war Ralf Schmidt noch in seiner Wahlheimat Vancouver zu seinem neunten 42-Kilometer-Lauf aufgebrochen. Seit fünf Jahren wohnt er in der Stadt an der Westküste Kanadas. Es war ein Umzug aus beruflichen Gründen. Der gelernte Produktionstechniker arbeitet für MTU, einem Hersteller von Flugzeugtriebwerken. Als die für ihren Sitz in Vancouver einen neuen Chef suchten, fiel die Wahl auf ihn. Er beriet sich mit seiner Familie und zog 2005 mit seiner Frau Monika und der damals achtjährigen Tochter Larissa nach Kanada.

Beide sind zwar nicht zum Einstein-Marathon mitgekommen, aber seine Tochter ist doch irgendwie dabei. Als Ralf Schmidt am Samstagmorgen in der Donauhalle sein Trikot mit der Startnummer 287 abholt, fällt als erstes sein wappenartig bemalter Daumennagel auf. Seine Tochter hat ihn so verziert, es soll ihm Glück bringen.

Ralf Schmidt trägt an diesem Tag hellblaue Jeans, graue Turnschuhe und ein graues Shirt. Er hat breite Schultern, einen dünnen Schnauzbart und einen ziemlich festen Händedruck. Seine Eltern sind auch da, sie wohnen in Gerlenhofen und wenn Schmidt, wie jeden Sommer, in die Heimat kommt, wohnt er bei ihnen.

"Ich bin angespannt", sagt Schmidt. Er hat sich ein Ziel für seinen zehnten Marathon gesetzt: in weniger als vier Stunden ins Ziel zu kommen. Den letzten Marathon, dieses Jahr in Vancouver, hatte er in vier Stunden und fünf Minuten zurückgelegt, aber als er im Ziel ankam, habe er noch Kraft gehabt.

Doch dieses Mal ist alles anders. Ralf Schmidt steckt die Zeitverschiebung von neun Stunden in den Knochen. Beim Start um neun Uhr ist die innere Uhr von Ralf Schmidt auf Mitternacht gestellt. Es ist, als ob man ihn nachts wecken würde, um ihn dann einen Marathon bis vier Uhr in der Früh laufen zu lassen.

Auf die Frage, wie es geht, antwortet er Sonntag früh vor dem Lauf: "Geht so." Bei der Schleife bei Kilometer 21 denkt er kurzzeitig ans Aufhören, aber ab Kilometer 30 kommt Aufgeben nicht mehr in Frage. "Es war ziemlich mühsam heute", sagt er im Ziel.

Zum Laufen ist Ralf Schmidt eher zufällig gekommen. Ende der 90er Jahre - er lebte zu dieser Zeit in Berlin - erlebte er seinen ersten Marathon: als Zuschauer. "Berlin ist gigantisch, das hat mich begeistert." So begeistert, dass er gemeinsam mit einem Freund beschloss, im darauffolgenden Jahr selbst mitzulaufen.

Trotz eines Umzugs nach München läuft er 1999 seinen ersten Marathon in Berlin. Seither ist er in jeder Stadt, in der er gelebt hat, einen Marathon gelaufen. Dreimal in Berlin, zweimal in München, einmal im Allgäu, wo er seine Diplomarbeit schrieb, und ab 2005 in Vancouver. Was jedoch fehlte, war der Lauf in Ulm: schließlich hat Ralf Schmidt lange hier gewohnt. Er ging hier zur Schule, machte Abitur, lernte seine heutige Frau kennen und studierte an der Fachhochschule.

In Vancouver gefällt es der Familie, Ralf Schmidt lobt vor allem das kanadische Bildungssystem. Doch es gibt auch Dinge, ihm in seiner Wahlheimat fehlen. Gemütliche Cafés zum Draußensitzen zum Beispiel. Die Ulmer Altstadt. Und Sonntage. In Vancouver gebe es nur einen Tag im Jahr, an dem alle Geschäfte geschlossen hätten: den 25. Dezember. Sein Rat an Deutschland: "Gebt den freien Sonntag nicht auf."

Eine Rechnung hat Ralf Schmidt nach der Teilnahme am Einstein-Marathon übrigens noch offen. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr hat er in Aachen gelebt. Erlaufen hat er die Stadt jedoch noch nicht.


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Autor: MANUEL BOGNER | 20.09.2010

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