Das große Laufen
Marathon auf Stelzen: Egal ob beim Start, während des Laufs oder beim Zieleinlauf auf dem Münsterplatz - wo Esther Heller (32) aus Kleinkötz (Landkreis Günzburg) gestern auftauchte, sagten alle "aaah" oder gleich "super, was du machst".
Der Grund: Sie lief den Halbmarathon auf Stelzen, auf so genannten Punktstelzen und das in einer kürzeren Zeit, als sie ursprünglich angenommen hatte. "Ich dachte, ich brauche dreieinhalb Stunden." Tatsächlich hat sie die 21 Kilometer in zwei Stunden und 58 Minuten zurückgelegt. Und war schlicht stolz und glücklich, als sie gestern kurz vor 12 Uhr auf dem Münsterplatz ins Ziel kam. Zum Runterkommen von den Stelzen musste sie jedoch zunächst auf dem Löwenbrunnen Platz nehmen. Dort oben nahm sie erstmal ihre Tochter Lisa in den Arm, die stolz auf ihre schnelle Mami war, wie sie sagte. Heller läuft aus beruflichen Gründen auf Stelzen. Sie ist damit zweimal wöchentlich im Legoland Günzburg unterwegs - dann allerdings im Kostüm eines Gartenzwergs. "Ich mache gern witzige Sachen, deswegen dachte ich: Halbmarathon auf Stelzen, warum nicht?" Dabei ist der Halbmarathon gar nicht Hellers Ziel, sondern bestenfalls eine Trainingseinheit. Sie will nämlich den derzeitigen Weltrekord einer englischen Marathon-Stelzen-Läuferin knacken. Der Rekord liegt bei 8 Stunden und 25 Minuten, das auf der Strecke von 42,1 Kilometern, und wurde beim Flora-Marathon in London im Jahr 2008 aufgestellt. Hellers Ziel: "Bei diesem Marathon in London bin ich im nächsten Jahr dabei." Natürlich auf Stelzen.
Marathon ohne Schuhe: Wichtig beim Laufen sind zweifelsohne die Schuhe. Gänzlich ohne kommt man jedoch auch voran, wie gestern Elisabeth Koch bewies. Sie sprintete nämlich barfuß über die Ziellinie. Das allerdings unfreiwillig, wie sie erzählte, denn ihr rechter Schuh hatte während ihres Laufs derart am Fuß gescheuert, dass sie nur zwei Möglichkeiten hatte: Entweder Schuhe ausziehen oder den Lauf abbrechen. Koch entschied sich fürs Weiterlaufen ohne Schuhe. Zum Glück, erzählt sie, habe ihr Mann am Wegesrand gestanden. Dem habe sie ihre Schuhe in die Hände gedrückt. Die letzten fünf Kilometer ihres 21 Kilometer langen Laufs rannte sie barfuß. "Keine Scherben lagen rum. Meinen Füßen gehts gut, abgesehen von der Blase. Ulm ist sauber", sagt Koch. Dafür verantwortlich waren letztlich 12 Mitarbeiter der Entsorgungsbetriebe Ulm (Ebu). Vier Männer und eine Frau, nämlich Erika Klapproth, putzen bereits von 9 Uhr an den Läufern hinterher. Sobald alle Läufer neben der Donauhalle gestartet waren, schwirrten die fünf aus, um Müll einzusammeln. Sie alle arbeiteten gestern freiwillig, erzählte Klapproth. Warum? "Weils ein Riesen-Spaß ist." Sieben ihrer Ebu-Kollegen waren in der Innenstadt positioniert und sammelten dort vor allem Trinkbecher und Flaschen ein - und die Überbleibsel der Kulturnacht am Vorabend.
Marathon mit Glauben: Eine überkonfessionelle Andacht konnten die Läufer in der Donauhalle eine Stunde vor dem Lauf besuchen. "Von Sportlern für Sportler" war sie gedacht, wie Jürgen Gramer, Ex-Ausdauer-Athlet und Gründer der überregionalen Laufgruppe namens "Laufen mit Jesus", zu Beginn der Andacht sagte. Etwa 80 Menschen nahmen daran teil. Dekan Ernst-Wilhelm Gohl, der eine Stunde später den Marathon rannte (siehe nebenstehende Seite), erzählte, dass er ohne unsere Zeitung niemals mit dem Laufen angefangen hätte. "Und ich weiß bis heute nicht, ob es mir Spaß macht." Gohl zieht Parallelen zwischen Laufen und Glauben. So wünscht er sich, dass die Leute die "religiöse Dimension für sich entdecken und das nicht als Zwang, sondern weil es uns damit gut geht, genauso wie mit dem Laufen". Zudem zähle in der Kirche wie auf der Marathonstrecke die Gemeinschaft. "Wir brauchen jemanden, der uns mitzieht." Bei Gohl lief alles prima: Er rannte als bester der "Wir laufen!"-Gruppe durchs Ziel.
Marathon mit Ehrenamtlichen: Kein Einstein-Marathon ohne Helfer. Einer der vielen, die Jahr für Jahr freiwillig mitarbeiten, ist Patrick Holpp (22), Jurastudent aus Lonsee. Er hat in den vergangenen Jahren ehrenamtlich beim Roten Kreuz mitgeholfen, in diesem Jahr stand er am Samstag in der Donauhalle und gab die Startunterlagen heraus. Trotz der Arbeit - Holpp war zum fünften Mal als Freiwilliger dabei - lässt er sich das Laufen nicht nehmen. Am Sonntag rannte er den Fünf-Kilometer-Lauf mit. Helfen und Laufen - damit hat er mittlerweile seine Schwester Priscilla (15) angesteckt. Sie arbeitete am Samstag ebenfalls freiwillig mit und rannte gestern die Fünf-Kilometer-Distanz. Marathon-Organisator Markus Ebner ist von so viel Engagement und Lust am Laufen beeindruckt: "Respekt, wenn man das alles auf die Beine kriegt."
Marathon mit Sprüchen: Wie läuft es sich am besten? Richtig, wenn man anfeuert wird. Dafür hatten viele Unterstützer Schilder gemalt und sie an der Strecke hochgehalten. "Lauf, Marathon-Mami, lauf", stand auf einem zu lesen. Oder: "Lauf Reiner, die Spaghetti werden kalt." Die Läufer selber trugen jede Menge (Werbe-) Sprüche auf T-Shirts durch die Gegend. FWG-Stadtrat Ralf Milde hingegen nutzte sein Shirt für ein politisches Statement: "Ulm 21" stand da zu lesen und weiter "Ja zu Stuttgart 21". Abgesehen davon war folgender Spruch originell, den gleich eine ganze Laufgruppe auf den Shirts trug. Auf der Vorderseite stand: "Hab heute einen schlechten Tag." Und auf der Rückseite: "Lasst mich einfach liegen." ate
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20.09.2010
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