Windkraft: Gelassen in Stuttgart, gereizt in Öllingen

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Keine Windräder oberhalb des Lonetals bei Öllingen. Das hat in dieser Woche das Landratsamt Alb-Donau entschieden und sich dabei auf die „denkmalschutzrechtlichen Vorbehalte“ des Landesamts für Denkmalpflege berufen. Demnach handelt es sich bei Bockstein-, Hohlenstein- und Vogelherdhöhle wegen der dort gefundenen, weltberühmten Eiszeitkunst um „Kulturdenkmale von besonderer Bedeutung“.

Das öffentliche Schutzinteresse gelte nicht nur für die Höhlen, sondern auch für die Landschaft in deren Umgebung. Und diesem Schutzinteresse „stünde der visuelle Wirkbereich der Windkraftanlagen entgegen“. Im Klartext heißt das wohl: Wenn man von den Höhlen aus ein Windrad sieht, widerspricht das dem Denkmal-Charakter.

Die Denkmalpfleger verweisen auch auf den Antrag des Landes, die Fundhöhlen des Lonetals sowie die des Achtals zum Unesco-Welterbe zu erklären. Der universelle Wert der Höhlen beruhe nicht allein auf den Funden. Auch die Landschaft um die Höhlen herum trage zu diesem Wert bei.

Damit kann die ENBW ihr Vorhaben von drei etwa 230 Meter hohen Windrädern einstampfen. Es sei denn, der Konzern legt beim Regierungspräsidium Tübingen Widerspruch gegen die Ablehnung durch das Landratsamt ein. Die Entscheidung werde noch ein paar Tage auf sich warten lassen, sagt Pressesprecher Jörg Busse. Einen Monat hat die ENBW dafür Zeit, vorher wolle das Unternehmen den Bescheid nicht kommentieren. Freude habe das Nein natürlich nicht ausgelöst, „aber so ist das Projektgeschäft“: Nicht immer entspreche das Ergebnis dem Ausgangspunkt der Planung.

Gelassenheit demonstriert auch Frank Lorho, der stellvertretende Pressesprecher des baden-württembergischen Umweltministeriums. Die Entscheidung des Landratsamts Alb-Donau wolle er nicht kommentieren, zumal das Land generell mit dem Ausbau der Windkraft gut voran komme. Dieser Ausbau solle mit Augenmaß erfolgen, und der Denkmalschutz sei eben eines von mehreren möglichen Hindernissen, die auch mal unüberwindbar sein könnten. 2016 seien in Baden-Württemberg 120 neue Windräder in Betrieb gegangen, „ein Rekordjahr“, sagt Lorho. Weitere 209 Anlagen seien bereits genehmigt, für 170 liefen die Verfahren.

Vor Ort, in Öllingen, ist die Gemütslage eine andere als in Stuttgart. „Nicht nachvollziehbar“, sagt Bürgermeister Georg Göggelmann über die Ablehnung. Zumal er das Landesamt für Denkmalpflege schon vor fünf Jahren darauf hingewiesen habe, dass zwischen Öllingen und der Nachbargemeinde Setzingen ein Windkraft-Vorranggebiet geplant war. Dieses Vorranggebiet hat der Regionalverband Donau-Iller inzwischen rechtskräftig festgelegt. Im Verfahren, das im Dezember 2015 abgeschlossen wurde, hatten die amtlichen Denkmalschützer offenkundig keine Einwände erhoben.

Mehrere Grundstückseigentümer, darunter die Gemeinde, haben sich Göggelmann zufolge in einem Pool zusammengetan und Pachtverträge mit der ENBW abgeschlossen. Dabei seien auch Kosten von einigen tausend Euro angefallen. Falls die Windräder nun nicht gebaut werden dürfen, seien Schadenersatzklagen nicht ausgeschlossen. Die Stimmung im Ort sei jedenfalls gereizt.

Windräder würden Setzingen nicht verschönern, sagt Ingeborg Lang, Bürgermeisterin der Nachbargemeinde. Trotzdem habe der Gemeinderat dem Vorhaben der ENBW auf Öllinger Gebiet zugestimmt. Windkraft, „das ist die Zukunft“ und allemal besser als ein Atomkraftwerk, meint die Bürgermeisterin mit Verweis auf das knapp 20 Kilometer entfernte Gundremmingen. „Man sieht die Wolke aufsteigen.“

Leitartikel: Konstruierte Argumente gegen Windenergie

Wenn die drei Windräder bei Öllingen nicht gebaut werden, scheitert dann die Energiewende? Natürlich nicht. Aber es ist schon erstaunlich, mit welch konstruierten Argumenten ein Beitrag zur Abkehr von Atom und Kohle offenbar gestoppt werden kann. Die Windräder, meint das Landesamt für Denkmalpflege, verhunzen die Landschaft um die Eiszeithöhlen im Lonetal. Vor einem solchen Eingriff müssten die Höhlen und ihre Umgebung als „Kulturdenkmale von besonderer Bedeutung“ unbedingt bewahrt werden. Dabei befindet sich der Standort der geplanten Anlagen gar nicht im Lonetal, sondern oberhalb. Von der Bocksteinhöhle ist das Windkraft-Vorranggebiet zwischen Öllingen und Setzingen etwa einen Kilometer entfernt, von der Hohlensteinhöhle ungefähr 1,7 und von der Vogelherdhöhle 3,8 Kilometer. Vom Hohlenstein und von der Vogelherdhöhle aus, den bedeutendsten Fundstätten von Eiszeitkunst im Lonetal, dürften allenfalls die Rotorspitzen zu sehen sein.

Würde der „universelle Wert“ der Höhlen und ihrer Umgebung durch die Windräder geschmälert? Würde so der Unesco-Welterbetitel für die Höhlen im Lonetal und im Achtal aufs Spiel gesetzt? Nein, wenn die zuständige Unesco-Kommission im Juli eine vernünftige Entscheidung trifft. Weder die Höhlen noch die Grabungsschutzgebiete drum herum werden angetastet. Und die Leistungen der Künstler, die vor 40 000 Jahren Löwenmensch, Mammut und Wildpferd schufen, werden durch umweltfreundliche Stromerzeugung in respektvollem Abstand nicht geschmälert.

In diesem Zusammenhang ist auch bemerkenswert, dass Heidelberg Cement zur Modernisierung seines Werks in Schelklingen einen neuen Schornstein bauen will: 142 Meter hoch und 1,5 Kilometer vom Hohle Fels im Achtal entfernt. Der Fundort der weltberühmten Venus ist erwiesenermaßen ebenfalls ein „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“. Von denkmalschützerischen Bedenken gegen den Schornstein ist bislang jedoch nichts bekannt geworden.

Vor gut einem Jahr hat der Regionalverband Donau-Iller 32 neue Windkraft-Vorrangflächen festgelegt. Darunter das Gebiet Öllingen-Setzingen. In dem vorangegangenen aufwendigen Verfahren war vom Landesamt für Denkmalpflege kein Wort davon zu hören, dass Windräder bei Öllingen den Höhlen im Lonetal schaden könnten. Können sie auch nicht.

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Kommentare

05.02.2017 15:18 Uhr

Langjährige Regionalverbandsplanung ...?

Bei der Erstellung der Planung für den Regionalverband Donau Iller war das LRA Ulm / Alb-Donau eng eingebunden und beteiligt. Dadurch ursächlich bedingt, wurde auch dieses Vorranggebiet für Windenergie letztendlich ausgewiesen. Und jetzt der überraschende Rückzug ... nur aus den genannten Gründen. Oder sind die "Erträge" aus dem Unesco-Welterbe doch so hoch, daß die Kommunen auf die Pachteinnahmen verzichten können / müssen ? Immer nach dem alten Motto: Geld regiert die Welt.
Ein Schelm wer Böses dabei denkt ...

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04.02.2017 09:23 Uhr

Vielleicht fangen die Leute mal an zu denken.

Stört es die Menschen weil sie zu dicht oder zu viele vor dem Wohnzimmerfenster drehen, egal. Das sie Naherholungsgebiete "zerstören", egal. Aber wenn es um "Denkmalschutz" geht, ja dann kann man die Scheißdinger plötzlich verbieten. Jetzt wissen wir wenigstens, das für die Landesregierung und die Gerichte, der Denkmalschutz höher gewertet wird als Menschen. Ein hoch auf die Solar-/Windkraftmafia. Verzeihung, das heist ja Lobbyisten.

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