Wäschetradition in Laichingen

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Plötzlich tickten die Frauen in den 1950er Jahren anders. Schick musste ihre Bett- und Tischwäsche sein und am besten so glatt, dass man sie kaum oder gar nicht mehr bügeln musste. Widerspenstiges Leinen, Spitzen und Stickereien passten nicht mehr ins Konzept wie Brokatdamaste. Synthetische, pflegeleichte Fasern und einfache Baumwollstoffe waren angesagt, Tisch- und Bettdecken mussten bunt und billig sein. Das Fundament der Laichinger Wäschefabriken aber war Qualität. „Laichinger Wäsche“ – überregional Bestandteil jeder Aussteuer, aufbewahrt wie ein kostbarer Schatz in Weißzeugschränken. Dreißig Jahre Garantie. Was bringt die, wenn sich Moden ändern? So begann in den 50ern eine Katastrophe für die Laichinger Wäschefirmen. Zunächst…

Die Weberkrankheit

In dieser Zeit wogten die in blauer Blüte stehenden Flachsfelder, wenn der Wind durch sie fuhr. Jahrhunderte lang. Bis um 1300 kann die Weberei zurückverfolgt werden. Die Bauern besserten so ihr Einkommen auf. „Raufen, rösten, brechen, schwingen, kämmen“, ratterten sie wie einen Vers herunter, wenn sie aus Flachs Garn machten. Der wurde aus dem Boden gerauft, herausgezogen; die Stile wurden „geröstet“, indem Feuchtigkeit den Bast ablöste. Sie wurden aufgebrochen, die freigelegten Fasern geschwungen, um die wertvollen langen zu lösen; schließlich gekämmt, gesponnen und auf dem Bleichberg gebleicht. Im Winter stiegen die Männer in ihre feucht-kalte Dunk und webten bis zu zwölf Stunden lang Leinen. Viele erkrankten an der Weberkrankheit: Tuberkulose oder Rheuma. Die Frauen trafen sich mit „Spinnrädle“ oder Stickzeug täglich in einer anderen Stube, um Licht zu sparen, teilten dort Freud und Leid. Der Ort mauserte sich zum Weberzentrum: 1873 wurde eine Schule gegründet für die Ausbildung der Weber im Königreich Württemberg. Die gesuchtesten Musterzeichner stammten von hier.

Laichinger Stoffe waren begehrt.  Mit der Zeit wurden nicht mehr nur Stoffballen verkauft. Leinen wurde direkt in Laichingen weiterverarbeitet zu Bett- und Tischwäsche. Dafür kassierten Laichinger Firmen auf den Weltausstellungen im 19. Jahrhundert Auszeichnungen.  Bis Mitte des 20. Jahrhunderts verdiente die Hälfte der Laichinger ihr Geld mit Textilien.

Dann der „Wertewandel“  in den 50ern. Immer mehr Spinnmaschinen und Webstühle begannen still zu stehen, eine Fabrik nach der anderen schloss. Doch dies forderte die Laichinger Wäschefirmen heraus. 1968 schlossen sich sieben Wäsche-Konkurrenten zusammen zur „Laichinger „Wäschekrone – Vereinigte Webereien und Wäschefabriken GmbH & Co KG“. Rationalisieren, um zu überleben. Alle sieben Chefs gaben ihre Selbstständigkeit auf, obwohl sie seit Generationen etablierte Firmen führten. Nun konnte man sich leistungsfähigere Maschinen anschaffen, Werbung, Vertrieb, Buchhaltung und Einkauf bündeln. Synergieeffekte. Den Anstoß dazu hatten bereits Jahre zuvor Julius und Helmut Breysach aus dem Schwarzwald gegeben. Die Ex-Verkaufsleiter der in Schwierigkeiten geratenen „Wäschetruhe“ machten den Laichingern ein Angebot: Sie würden deren Vertrieb übernehmen, so könnten sie beide ihre Kunden behalten. Die Firma müsse sich aber einen ähnlichen Namen zulegen: „Wäschekrone – Laichinger Aussteuererzeugnisse GmbH“.

Traditionell trafen sich Laichinger Wäschefirmen-Familien sonntags zum Abendessen. An so einem Abend besprachen sie das Angebot, zögerten nicht lange und überzeugten andere Wäschechefs. Jede Firma stellte also einen Geschäftsführer und brachte 30 000 Euro mit ein. Erwin Schwenkglenks erinnerte sich in der Firmenchronik, Jakob Graser habe den ganzen Tag gerechnet, Heinrich Näher, der Schwiegervater des Gesellschafters Günter Groß, sei zum Ansprechpartner für technische Fragen geworden. „Insgesamt ein ganz netter Haufen.“ Jeder hatte sein Talent, entsprechend dessen ihm ein Aufgabengebiet zugeteilt wurde.

In der 60ern ging der Wäscheverkauf an Privatkunden enorm zurück. Die bestellten lieber Billigwäsche bei Versandhäusern. 1968 entschieden sich die Wäschekrone-Gesellschafter deshalb für eine komplette Fusion, für die gemeinsame Produktion. Die sieben Inhaber wählten unter sich drei Geschäftsführer und teilten das Bundesgebiet in vier Verkaufsbereiche auf. Die Firma schaffte es zum „größten Wäscheproduzenten für den Verkauf an Endverbraucher in der Bundesrepublik“ mit 6,6 Millionen D-Mark Umsatz im ersten Jahr.

Es lief nicht immer ohne Reibung, war doch vorher jeder sein eigener Chef. Erwin Schwenkglenks ging einen unkonventionellen Weg: Er schickte die Chefs auf einen Spaziergang nach Feldstetten. Entlang des Weges verteilte er Bierflaschen mit individuellen Etiketten, entsprechend der Vornamen der Zankäpfel: Adolfinger, Karlsbader, Jakobiner, Heinrichsgold, Peterstaler und Paulaner. Ein Erfolg. Danach ging’s ins Wirtshaus.

Nur ein Geschäftsführer

1991 wurde der Firmensitz im Zentrum zu klein, man zog an den Ortsrand. Zudem stand ein Generationenwechsel an. Die Gesellschafter einigten sich darauf, dass es nur noch einen Geschäftsführer geben sollte: Seit 1995 ist das Hans Werner Groß, der Sohn von Günter Groß, der einst den Gastronomie- und Hotellerie-Bereich inne hatte. Heute macht dieser Bereich den Großteil des Geschäfts aus, das der Privatkunden unter fünf Prozent. Sieben Jahre später wurden die Räume erneut zu klein, die Wäschekrone kaufte ein Gebäude im Gewerbegebiet für den Versand.

Heute wird Laichinger Wäsche auch in der Schweiz und in Österreich verkauft. Gewoben wird bei der Wäschekrone allerdings schon lange nicht mehr. Die Webstühle mussten dorthin, wo die Baumwolle wächst: nach Portugal, in die Türkei und Nordafrika. In Laichingen kümmern sich Näher und Konfektionierer um Maßanfertigungen wie passgenaue Tischdecken für Restaurants, Eilaufträge werden erledigt, Logos oder Schriftzüge eingestickt. Statt 100, wie in der Fusionszeit, sind noch etwas mehr als 70 Mitarbeiter in der Firma beschäftigt. Aufgrund von Platzmangel hat sich die Wäschekrone für Konfektionsarbeiten in  letzter Zeit in den Räumen der Laichinger Textilfirma Pichler eingemietet. Noch in diesem Jahr aber werden Produktion und Logistik ins neue Gebäude im Interkommunalen Gewerbegebiet umziehen. Der Neubau hat mehr als drei Millionen Euro gekostet. Er besteht aus drei Teilen: Aufenthaltsraum, Logistikhalle und Produktion. Die Geschichte dieser Sieben-in-einer-Wäschefirma wird fortgeschrieben.

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