Vor 100 Jahren Kriegsbegeisterung auch in Dietenheim und Umgebung

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren hinterließ auch hier eindrückliche spuren: Eine Kriegsbegeisterung, heute nicht mehr erklärbar, machte vor Dietenheim, Wain und Balzheim nicht Halt.

|
Vorherige Inhalte
  • Postkarten wie diese wurden aus dem Ersten Weltkrieg verschickt. 1/2
    Postkarten wie diese wurden aus dem Ersten Weltkrieg verschickt. Foto: 
  • 1920 wurde in Unterbalzheim den Gefallenen des Ersten Weltkriegs vor der Mauritiuskirche ein bleibendes Andenken geschaffen. Es wurde nach einem Entwurf des Ulmer Bildhauers Gustav Stöhr gefertigt. 2/2
    1920 wurde in Unterbalzheim den Gefallenen des Ersten Weltkriegs vor der Mauritiuskirche ein bleibendes Andenken geschaffen. Es wurde nach einem Entwurf des Ulmer Bildhauers Gustav Stöhr gefertigt. Foto: 
Nächste Inhalte

Die allgemeine Kriegsbegeisterung, die sich vor 100 Jahren im ganzen Land ausbreitete, machte auch vor der Verbreitungsgebiet des "Illertal Bote" nicht Halt. In Balzheim, Wain und Dietenheim war einhellige Meinung, dass das deutsche Vaterland einen gerechten Krieg führe, von den bösen Feinden in West und Ost herausgefordert und gezwungen, zu den Waffen zu greifen, und dass für jeden Deutschen heilige Pflicht und Schuldigkeit sei, in den Kampf zu ziehen.

Schon im September 1914 forderte der Dietenheimer Apotheker Josef Wimmer, der Vorsitzende des hiesigen Flottenvereins, in einem Leserbrief an den "Illertal-Bote" ein Denkmal "für unsere Toten auf dem Schlachtfelde" und fügte hinzu: "In allen Gauen unseres Vaterlandes (...) herrscht eine Begeisterung, eine männliche Entschlossenheit, das Vaterland bis aufs äußerste zu verteidigen, die umrahmt (wird) von einer bewundernswerten Seelengröße der Frauen von hinreißender Wirkung. Auch die patriotisch gesinnte Bevölkerung Dietenheims steht darin nicht zurück."

Und wenig später veröffentlichte die Heimatzeitung ein heutzutage martialisch anmutendes Gedicht des späteren Oberbalzheimer Bürgermeisters Jakob Rabus (Baumwart): "Die Söhne Deutschlands steh'n im Feld,/ Sie kämpfen in blutiger Schlacht./ (...) Doch ein Zagen, ein Rückwärts, das gibt es nicht!/ Das merke, du grimmiger Feind!/ So lange das Aug' nicht im Tode bricht,/ Immer vorwärts! Alldeutschland vereint./ Germania, funkelnden Auges sitzt/ Auf hehrem, unnahbarem Thron! (...)" Das aus heutiger Sicht schwülstige Pathos und der rigorose Patriotismus waren freilich damals Allgemeingut.

Die meisten Dietenheimer, Balzheimer und Wainer glaubten fest an einen schnellen Sieg. Der Regglisweiler Pfarrer Geser war da schon etwas pessimistischer und schrieb im Herbst 1914 in die Ortschronik: "Ströme von Thränen sind schon geflossen. Blut und Thränen werden noch fließen! Welches Elend wird dieser Europäische, ja Weltkrieg bringen?"

Die ersten Gefallenen waren in Dietenheim Friedrich Räuchle, in Regglisweiler Josef Laile, in Balzheim Johannes Stark und in Wain Johann Ulrich Rommel. Die Geschäftswelt richtete sich schnell auf den Krieg und seine Folgen ein. Buchdrucker Ranz, der Herausgeber des "Illertal Bote", inserierte in der eigenen Zeitung: "Trauerbilder für gefallene Krieger mit der wirkungsvollen Darstellung eines sterbenden Kriegers, dem ein Engel den Weg zum himmlischen Vaterland weist, liefert rasch und billig..." In Wain bot Anna Fromm in ihrem Laden schon am 24. September 1914 die "Illustrierte Geschichte des Weltkrieges" und fügte hinzu: "Jede Woche erscheint ein Heft, Preis 25 Pfg." Makaber wirkt hundert Jahre später das Inserat des Wainer Malermeisters Jakob Walcher im November 1914: "Zinnsoldaten, zeitgemäßes Spielzeug für Kinder liefert fertig bemalt..."

Einen großen Stellenwert besaßen ganz im Sinne des allgemeinen Heroismus Auszeichnungen wie das Eiserne Kreuz. Man sah in ihren Trägern Vorbilder, die Gelegenheit bekamen, in der Heimatzeitung über ihre Heldentaten zu berichten. Zum Beispiel wie Jakob Walcher, der Sohn des Oberbalzheimer Kronenwirts, der bei den Ulanen an der Ostfront diente, oder der Dietenheimer Max Brugger, dessen Schilderung ein plastisches Bild von den Grauen des Stellungskrieges abgibt. Der Gefreite einer Maschinengewehrkompanie schrieb unter anderem: "Es war entsetzlich, wie mein Gewehr mähte, es lagen nicht nur eine Menge Franzosen vor mir, sondern am anderen Morgen hätte man können gleich Holz verkaufen, denn ich sägte gleichzeitig ganze Bäume mit ab. (...) Derjenige, der uns in die Quere kommt, ist unrettbar verloren." Doch der junge Dietenheimer fand auch nachdenkliche Töne: "Es ist schrecklich mitanzuschauen, wie man unschuldige Leute, die sich gegenseitig noch nie gesehen haben, erschießen muß."

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Drei Millionen Euro für neue SSV-Duschen

Nach heftiger Debatte über die Sporförderung hat der Rat die Sanierung des Baus an der Gänswiese einstimmig durchgewunken. weiter lesen