Von der Klobürste bis zum Kamm

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  • Im Lädele von Anna Wipfler in Wain ist immer auch Zeit für einen kleinen Plausch, vor allem wenn dort gleich mehrere Stammkundinnen aufeinandertreffen.  Fotos: Beate Reuter-Manz 1/4
    Im Lädele von Anna Wipfler in Wain ist immer auch Zeit für einen kleinen Plausch, vor allem wenn dort gleich mehrere Stammkundinnen aufeinandertreffen. Fotos: Beate Reuter-Manz Foto: 
  • Im Lädele von Anna Wipfler in Wain ist immer auch Zeit für einen kleinen Plausch.  Foto: Beate Reuter-Manz 2/4
    Im Lädele von Anna Wipfler in Wain ist immer auch Zeit für einen kleinen Plausch. Foto: Beate Reuter-Manz Foto: 
  • Doppelten Grund zum Feiern: Anna Wipfler aus Wain wird am Montag 85 Jahre alt, ihr Lädele gibt es seit 50 Jahren.  Foto: Beate Reuter-Manz 3/4
    Doppelten Grund zum Feiern: Anna Wipfler aus Wain wird am Montag 85 Jahre alt, ihr Lädele gibt es seit 50 Jahren. Foto: Beate Reuter-Manz Foto: 
  • Colaflaschen und saure Zungen gibt es auch im Wipfler-Lädele.  Foto: Beate Reuter-Manz 4/4
    Colaflaschen und saure Zungen gibt es auch im Wipfler-Lädele. Foto: Beate Reuter-Manz Foto: 
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Schnell noch ein Matheheft gekauft, bevor um 7 Uhr der Schulbus losfährt. Und nachmittags nach den Hausaufgaben ein paar Cola-Fläschchen als süße Belohnung. Oder vielleicht doch lieber saure Zungen? Generationen von Buben und Mädchen haben sich bei Anna Wipfler in Wain schon mit Nötigem für den Unterricht und mit Überlebensnotwendigem für die Freizeit danach eingedeckt.

Früher zählte die Besitzerin des „Lädele“ dann die Pfennige, heute sind es Centstücke. „Manchmal hat einer gerade noch zehn Cent in der Hosentasche. Dafür gibt es dann halt zwei Colafläschchen“, sagt die Ladenbesitzerin. Sie kennt ihre Pappenheimer, auch die Unentschlossenen. Und bleibt geduldig, selbst wenn sie für einen Euro aus zehn verschiedenen Dosen das süße Tütchen zusammenstellen muss. Die Schachteln mit den weißen Mäusen, den roten Schlangen und anderem bunten Naschwerk hat sie der großen Nachfrage wegen gleich hinter ihrer Verkaufstheke geparkt.

Fünf Jahrzehnte im Laden

Anna Wipfler ist eine Institution in Wain. Und zu ihrer Stammkundschaft gehören beileibe nicht nur Kinder. Denn „bei Anna“ gibt es alles, was in Haus und Hof wertvolle Dienste leistet und im Kinderzimmer für Unterhaltung sorgt: vom Allesreiniger bis zum Zeppelin aus Plastik. Und das seit sage und schreibe 50 Jahren.

Wer den Laden in der Friedhofstraße betritt, ist geplättet von der kunterbunten Vielfalt in den deckenhohen Regalen: dicke Wollmützen kontrastieren mit weißen Klobürsten, rote Friedhofskerzen leuchten mit ledernen Schulranzen um die Wette, schwere Sektkelche umrahmen die neuesten Gesellschaftsspiele, grüne Gießkannen neben Füllfederhaltern, Strumpfhosen, Nähseide und Geschenkpapier. Das Sortiment umfasst an die 10 000 Artikel.

Wie da bloß den Überblick behalten? „Sie findet immer alles“, beschreibt Sabine Wipfler das fotografische Gedächtnis ihrer Schwiegermama. „Ich stehe ja auch schon seit 50 Jahren im Laden“, kommentiert die achtfache Oma und dreifache Urgroßmutter. Die vitale Seniorin ist auch ein Ass im Kopfrechnen. Denn eine Registrierkasse oder gar ein neumodisches Scan-Gerät kam ihr nie in den Laden. Anna Wipfler rechnet schnell und sicher,  notiert alles auf einem Blatt Papier. „Wer es nicht glaubt, kann ja nachrechnen“, lacht sie.

Nachrechnen wird Jenny Hofer keinesfalls. Sticker, Bleistifte, Geschenkpapier und diverse Scherzartikel hat sie gerade erstanden. Und vor allem: Knallschnur. „So etwas kriegt man nur hier“, lacht sie, als sie in erstaunte Gesichter anderer Kunden guckt, die an diesem Vormittag den Laden füllen. Die in England Geborene bereitet für ihre Lieben  Knallbonbons vor, ein alter englischer Brauch. Weihnachten kann kommen.

Was man nicht schon alles gesucht und letztlich nur bei Anna gefunden hat: Ofenbronze zum Anstreichen von Ritterrüstungen, eine eklige Plastik-Spinne zum Erschrecken der Mama, Kleister für die neue Tapete im Wohnzimmer, die Hundeleine für Fiffi, den Plastikschlauch für das Mostfass oder den Nachttopf für Männeken Piss im Garten. Die Stammkundinnen wissen viele Anekdoten.

Spielzeug für den Enkel

Hannelore Fromm hat ihr erstes Ledermäppchen „vom Sattler“ noch gut vor Augen. Anna Wipflers Schwiegervater war es, der mit seiner Leder-Produktion den Grundstein für ein neues Ladenlokal legte. „Und heute komme ich mit meinem Enkelkind her“, erzählt Fromm.  „Sie weiß, wer was schon daheim hat oder noch will: Geschenke zu Geburtstagen sind da kein Problem“, erzählt Julia Freifrau von Herman. Die Auswahl an Spielzeug ist groß. Sigrid Fromm führt einen weiteren Vorzug an: „Anna weiß immer, welche Hefte für welche Fächer in welcher Klassenstufe gebraucht werden.“„Mich würde es grausen, wenn es das Lädele nicht mehr gäbe“, sagt Sylvia Ruopp und packt eine Glasschüssel in ihre Jute-Tasche.

Ein Ende ist vorerst nicht in Sicht. Keinen Tag möchte Anna Wipfler missen und weitermachen, so lange es gesundheitlich geht: „Der Laden und die Kunden sind mein Lebensinhalt. Und auch mein Doktor sagt: Hören Sie bloß nicht auf!“ Bei den Wipflers gibt es am Montag gleich zweifachen Grund zum Feiern. Das Lädele wird 50, die Besitzerin 85. Geschlossen bleibt die Ladentür deshalb nicht. „Es ist auf wie immer!“

Geschichte  Hans Wipfler, der frühere Wainer Sattlermeister, und dessen Sohn Otto Wipfler waren es, die den Boden für das Wainer Lädele bereiteten. Nötig wurde eine große Präsentations- und Verkaufsfläche für ledernen Geldbeutel, Taschen und Gürtel außerhalb der Werkstatt. Und auch der frisch gebackene Raumausstatter und Ehegatte Otto benötigte genügend Platz für seine Gardinen, Vorhangstangen und Bodenbeläge. 1964 war Baubeginn in der Friedhofstraße, 1966 Einzug. In dem Gebäude, das zwei Jahre lang die örtliche Raiffeisenbank beherbergte und in dem  zwei Jahrzehnte lang die Post untergebracht war, stand Anna Wipfler von Anfang an hinter der Ladentheke. Schon immer waren Haushaltswaren ein Schwerpunkt im Sortiment. Als sich Sohn Otto junior 1980 in der dritten Generation mit einer Raumausstattung in Laupheim selbstständig machte, wurde  im Lädele das Angebot um Spielwaren aufgestockt. bele

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