Vom Tischler zum Organist

"Orgel spielen ist für mich wie Urlaub", sagt Tobias Schmid. Sein Talent erkannte Dekanatskirchenmusiker Andreas Weil. In Gottesdiensten in Ulm und bei Konzerten kann sich jeder davon überzeugen.

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Tobias Schmid: Der Taktstock gehört zur Ausbildung wie die Orgel. Privatfoto

Eine Kostprobe dessen, was Tobias Schmid der Kirchenorgel alles entlocken kann, bekamen jüngst die Besucher eines Benefizkonzertes in seinem Heimatort Illerrieden zu hören. Ansonsten spielt er an den Orgeln in der Heilig-Kreuz-Kirche und in St. Agatha eher selten öffentlich. Vielmehr begleitet er Gottesdienste in den Ulmer Kirchengemeinden St. Elisabeth und in der Heilig-Geist-Kirche oder er spielt im Dom in Rottenburg. Domorganist Professor Ruben Johannes Sturm hat den 22-Jährigen schon bald nach der Aufnahme seines Kirchenmusikstudiums zu seinem Vertreter gemacht, wenn er selbst bei Gottesdiensten verhindert ist. Und der fragt nicht jeden. "Ich bin einer von zwei Studenten, die ihn vertreten dürfen", sagt Tobias Schmid. Es sei etwas ganz besonderes, anderes, wie dort die Liturgie gefeiert wird, freut er sich auf seine Einsätze.

Seine Liebe und Leidenschaft für das große Kircheninstrument hat Tobias Schmids Großmutter geweckt. Früher, in jungen Jahren selbst Organistin, hat sie ihn regelmäßig in die Kirche mitgenommen. "Es war grandios, wie die Orgel geklungen hat." Mit neun Jahren lernte er am Klavier sein erstes Lied von der Oma: "Oh du fröhliche". Sein Interesse galt aber schon da eher dem großen Kircheninstrument. Als 13-Jähriger nahm er Orgelunterricht an der Musikschule Iller-Weihung, ein Jahr später gehörte er bereits zum Organistenteam seiner Heimatgemeinde. Mit 15 Jahren kam er zu Dekanatskirchenmusiker Andreas Weil in Ulm. Der erkannte sein Talent und ermunterte ihn auch, sich zur Aufnahmeprüfung für das Kirchenmusikstudium in Rottenburg anzumelden.

Für Tobias Schmid war das nicht selbstverständlich, schließlich hatte er kein Abitur in der Tasche, sondern er hatte nach Grund- und Hauptschule eine Lehre als Tischler in einem Betrieb im Donautal absolviert. Zwar habe er schon während der Ausbildung gemerkt, dass dieser Beruf "nicht meins" ist, doch brachte er die Ausbildung zu Ende - zusammen mit der mit Bravour bestandenen Aufnahmeprüfung im Jahr 2010 die Eintrittskarte für das wohl umfangreichste musikalische Studium, das es gibt.

Acht bis neun Semester dauert das Studium bis zum B-Diplom oder auch Bachelor, wie es für heutige Studienanfänger heißt. Schwerpunkte der 23 Fächer sind neben Gottesdienstlichem Orgelspiel und Literaturspiel auch Chorleitung und Orchesterleitung: "Die Fächer, die man später in den Gemeinden braucht", sagt Schmid. Aber auch Liturgik, Musikgeschichte, Sprecherziehung und Phonetik gehören dazu. In den Ferien hat er schon mehrere Meisterkurse bei namhaften Organisten belegt. So manche seiner Komilitonen nehmen das Studium als Grundlage, um später Filmmusik oder Musikpädagogik zu studieren, doch Tobias Schmid will bis zum Master weitermachen und Kirchenmusiker werden.

Zwar ist er auch gesanglich aktiv: Vor zwei Jahren hat er eine Gregorianik-Schola gegründet, die in der Ulmer Wengenkirche immer wieder Gottesdienste begleitet. Doch sei er "eher der Tastenmensch", beschreibt er sich selbst. Konzerte wie auf der "großen, schönen Orgel" in der Benediktiner-Abtei St. Ottilien im Kreis Landsberg oder im Rottenburger Dom - innerhalb der "Studentenreihe", als Begleitung der Rottenburger Domsingknaben oder des Münchner Domchors - sind einige Höhepunkte seiner noch jungen musikalischen Laufbahn.

"Ich lese sehr gern Bücher, vor allem theologische Bücher. Dazu ein gutes Glas Wein, dann bin ich glücklich", sagt Tobias Schmid. Er gehe gern mit Freunden weg, aber vor allem "sehe ich meinen Beruf als mein Hobby. Ich spiele gern Orgel, das ist für mich Entspannung, wie Urlaub". In Rottenburg kann er das auch spät nachts machen. Üben muss für die 30 Studenten schließlich sein. Obwohl er sehr gut vom Blatt spielen könne, sind ein bis eineinhalb Stunden täglich an der Orgel für ihn Pflicht. Dafür stehen vier Instrumente zur Verfügung, teils in einem schalldichten extra stehenden Gebäude. Da kann die Orgel auch mal um 1 Uhr früh erklingen.

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Kommentare

08.09.2015 11:38 Uhr

Warnung vor Kirchenmusik als Beruf!

Kirchenmusiker als Beruf mag nur anstreben, wer u. a. sicher ist, dann zu den erfolgreichsten 20% der Absolventen zu zählen!
Wer heute ein Studium aufnimmt, geht günstigenfalls nach über 50 Jahren in Rente. Bis dahin dürfte durch den zunehmenden Rückgang der CHRISTLICHEN Bevölkerung und der steigenden Kirchenaustrittszahlen mindestens 50% der hauptamtlichen KM-Stellen gestrichen/"totgekürzt" sein.
Außerdem muss man die generell schlechte Bezahlung der KMer einkalkulieren, weitere kirchentypische Lohnkürzungen oder immer mehr unbezahlte Überstunden - und einen generellen Wohlstandsrückgang von >30% (Globale Bevölkerungsexplosion+Technisierung/Computerisierung)...
Finger weg von Arbeitgebern, bei denen es jahrzehntelang fast garantiert materiell stark bergab geht inkl. "passendem" Betriebsklima...!

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