Über die Täter wird gerne geschwiegen

Vor 70 Jahren ist Francis Bioret auf dem Marktplatz erhängt worden. Dessen gedachten am Montag rund 30 Langenauer - und hörten einen Vortrag über die Täter. Über die werde häufig noch immer geschwiegen.

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Am Montag gedachten die Langenauer der Ermordung von Francis Bioret. Der Franzose wurde vor 70 Jahren an eben dieser Stelle erhängt.  Foto: 

Die Nacht ist sternenklar. Schwarz treten die Umrisse der Häuser ums Rathaus aus der Dunkelheit hervor, einige Fenster sind noch erleuchtet. Ein paar Menschen sind mit Fackeln unterwegs: Diese zunächst idyllisch anmutende Szene hat der Künstler Michael Döhmann gemalt. Doch bei genauerem Hinsehen fällt auf: Ein Mensch hängt an einem Galgen, der in der Dunkelheit mit der Litfaßsäule verschmilzt.

70 Jahre ist es her, dass der französische Zwangsarbeiter Francis Bioret auf dem Langenauer Marktplatz von Mitgliedern der SS erhängt wurde. In drei neuen Bildern erinnert Michael Döhmann an die Geschehnisse des 13. April 1945. Auf einem ist das Kinoplakat für die Eislaufschnulze "Der weiße Traum" aufgeklebt. Der Film lief an jenem Abend im Langenauer Kino, die Vorführung wurde unterbrochen, als SS-Leute aus dem Saal herausgerufen wurden. Das und mehr hat der Langenauer Künstler bei seinen Recherchen herausgefunden. Kurze Zeit später hängten die SS-Schergen den 22-jährigen Franzosen an einem schnell zusammengezimmerten Galgen bei der Litfaßsäule auf.

Seiner und seines Schicksals gedachten rund 30 Langenauer mit einer Veranstaltung am Montag. Zur Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen gehöre auch, über die Täter zu forschen und über sie zu sprechen. Das sagte der Historiker Dr. Wolfgang Proske aus Gerstetten in seinem Vortrag. Trotz ritualisierter Formen des Erinnerns an die Verbrechen der Nazis, zum Beispiel bei Gedenkfeiern in den ehemaligen Konzentrationslagern, werde bis heute ausgeblendet, "was den Nationalsozialismus auf regionaler und lokaler Ebene betrifft". In Orten, "wo man weiß, dass es Täter gab", werde besonders beharrlich geschwiegen, sagte Proske. Und Täter gab es überall, denn sie lebten mittendrin - in Städten und Dörfern. Unauffällig und in riesiger Zahl. Erst seit der heiß diskutieren Wehrmachtsausstellung 1994/95, in der unter anderem Bilder der Täter gezeigt wurden, richte die zuvor mit den Strukturen des Nationalsozialismus' befasste Forschung ihren Blick auf die Menschen, die die Verbrechen begangen haben, sagte der Historiker.

Einige von ihnen werden in der zurzeit vierbändigen, von Proske herausgegebenen Reihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" vorgestellt. Dazu gehört auch der Untersturmbannführer Emil Leimeister, auf dessen Geheiß SS-Leute vor 70 Jahren in Langenau den jungen Franzosen erhängten. Ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren, ohne ein rechtskräftiges Urteil. Wegen eines Streits mit seinem Arbeitgeber, einem Langenauer Schlossermeister, musste Bioret wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner sterben.

Dass Francis Bioret und das ihm widerfahrene Unrecht nicht vergessen sind, machten die Langenauer bei der Gedenkfeier deutlich. Sie legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an: Die von Döhmann gestaltete Bronzetafel auf dem Marktplatz zeigt, wo die Litfaßsäule und der Galgen standen. Ein Zeichen des Erinnerns berührte die Anwesenden besonders: Eine weiße und eine rote Rose, umrahmt von blauen Vergissmeinnicht, geschmückt mit einer schmalen Trikolore-Schleife. Darauf sind die Namen "Lydia et Veit" zu lesen. Von wem und wann die Blumen im Lauf des Montags niedergelegt worden waren, konnte keiner sagen.

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