Täglich in der Steinzeit

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    Der Steinbruch Merklingen: Lkws kurven in der Vergangenheit herum. Foto: 
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    Dieter Rösch blickt in den Brecher. Foto: 
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Dieter Rösch (58) lebt täglich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Gegenwart baut er ab. Überall Kalk. Die Zukunft lässt er zuschütten. Nichts soll mehr zu sehen sein vom Krater, den er und sein Cousin Berthold Rösch 50 Meter tief in die Alb gerissen haben. Wunde oder Schatztruhe? 180 000 bis 220 000 Tonnen Weißjura holen sie jedes Jahr aus dem Merklinger Steinbruch und liefern es als Schotter, Splitt und Sand an Baufirmen. Es steckt in Häusern sowie Frostschutz- oder Schottertragschichten von Straßen und Eisenbahn-Trassen – wie die nach Stuttgart, die nebenan entsteht.

Tag für Tag kurven die Kipplaster-Fahrer, beladen mit 25 Tonnen Gestein, in der Vergangenheit herum: im Korallenriff, das einst umgeben war von Sandstränden, Palmfarnen und Ginkgo-Bäumen und das ein tropisches Meer vor mehr als 140 Millionen Jahren schuf. Das von Spalten und Rissen durchzogene Riff leuchtet gelblich, weiß und gräulich; lagerte sich Eisen ab, rötlich. Sprengmeister Robert Steinfeld lässt es seit dreißig Jahren etwa einmal pro Woche dort knallen. Es dauert nur eine Sekunde und rund 10 000 Tonnen brechen ab.

Dann erschrecken Zugezogene anfangs, sagt Dieter Rösch. Doch für alle anderen gehört die Detonation dazu. „Schon die alten Merklinger sind mit dem Steinbruch und den Explosionen aufgewachsen. Aber man hört sie eigentlich nur, wenn man draußen und in der Nähe ist.“ Den Steinbruch betrieben bereits Vater und Onkel. Wenn‘s scheppert, weiß man hier: Kurz zuvor hat der Sprengmeister Dynamit in die Löcher geschüttet und elektrisch gezündet. Passiert sei nie etwas.

Millionen Jahre schlummerten auch hier, wo ein riesiges Loch klafft, unter einer Decke von Heiden, Bäumen und Wiesen unangetastet die uralten Gesteinsschichten. Dieter Rösch berichtet, dass heute im anderen Steinbruch des Unternehmens in Zainingen Uhus, Falken und Kohlraben nisten und erzählt von seiner Faszination fürs Geologische Fenster, das sich ihm hier täglich biete. „Wir sind im Geopark Schwäbische Alb, dem größten Europas, mit allen Besonderheiten, auch Höhlen. Eine schöne, alte Struktur mit eingeschlossenen Tierchen und anderen Ablagerungen. Und daraus kann man Baustoffe machen!“ Kalkmehl sei sogar in Zahnpasta, Textilien und Nahrungsmitteln drin. „Hier setzt der Mensch seine Sprengkraft positiv ein. Häuser und Straßen gäbe es nicht ohne Steine und wir leben ja nicht mehr in der Steinzeit.“ Experten berichten,  die weltweiten Sandvorräte würden knapp wegen des Baubooms. Dieter Rösch nickt. „Aber die Baubranche hier bezieht Sand und Schotter aus der Region. Laut Landesamt für Geologie und Rohstoffe ist noch genug für zwanzig bis dreißig Jahre da.“

In Röschs Büro hängen vier Pläne an einer alten Tapete, hinter dem Schreibtisch: Bilder von früher. Retro-Charme erinnert daran, dass die Firma in dritter Generation besteht. Drückt ein altes Büro Beständigkeit aus? Sein Vater Karl und Onkel Walter haben es eingerichtet, als sie 1959 die von deren Vater Konrad vor dem Krieg in Feldstetten gegründete Firma übernahmen und den Merklinger Steinbruch pachteten. Die Vorkommen im Feldstetter gingen zu Neige. Dann kauften die Brüder noch den Zaininger Steinbruch.

Auf einem der Wand-Pläne steht 2009, auf dem nächsten 2018, dann 2020 und… 2047; das Jahr, in dem der Merklinger Steinbruch rekultiviert und renaturiert sein soll: Verfüllt und  in den Ursprungszustand versetzt mit kleinen Wacholder-Hügeln, Magerrasen und landwirtschaftlicher Fläche. Momentan wird viel verfüllt, durch den Aushub der Bahntrasse Wendlingen-Ulm fallen größere Erde-Stein-Mengen an.

Überhaupt. Die Neubaustrecke. So sehen glückliche Geschäftsmänner aus. Seither sind die Umsätze der Firma um dreißig Prozent in die Höhe geschnellt. „Wir haben unser Werk erweitert, um mehr produzieren zu können. Moderat. Denn ist die Trasse fertig, wollen wir keine ungenutzten Überkapazitäten haben. Das bringt ja nichts.“ Für die nächsten paar Jahre, schätzt Dieter Rösch, wird es gut laufen. Verlass ist zudem auf die Niederländer. 20 000 bis 30 000 Tonnen Splitt und Sand werden jährlich nach Holland verschifft. Die Ladungen werden dazu stets zum nächsten Hafen gebracht, nach Plochingen.  Die Holländer errichten gerne Radwege aus dem gelblichen Albgestein.

Damit aus Brocken Schotter wird, leert sie am Merklinger Steinbruch ein Muldenkipper in den Trichter der Verarbeitungsanlage. 40 Tonnen donnern über eine Kante, um dann scheinbar leichtgewichtig über einen Rollenrost zu tänzeln, wo die ersten schon mal ausgesiebt werden. Alle anderen stürzen in ein Loch, den Backenbrecher. Von wo aus sie im weiteren Verlauf zerkleinert, gesiebt und gemahlen werden. Rund 220 000 Tonnen im Jahr produziert das Merklinger Werk, 190 000 das Zaininger, was zu einem Umsatz von 5,8 Millionen Euro in 2016 geführt hat.

Schaut Rösch alte Betriebsfotos an, sieht er, welche Männer früher mit eigener Muskelkraft bei Wind und Wetter die Steinbrocken für die Weiterverarbeitung kleiner klopften, nachdem sie mit Schwarzpulver von der Felswand gesprengt wurden.  Heute sind im Steinbruch wenige Arbeiter zu sehen. Einer im Bagger, einer im Kipper, Sprengmeister Steinfeld, der die Stellen für die nächsten Sprengungen mit Leuchtfarbe markiert.

Im Steinbruch aufgewachsen

Dieter Rösch wuchs wie sein Cousin mit dem Steinbruch auf. „Als wir später in den Ferien dort immer arbeiteten, war klar, dass wir die Firma übernehmen würden.“ Vetterleswirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes.“ Er lacht. „Es wurde aber auch vorausgesetzt, den elterlichen Betrieb zu übernehmen als Sohn. So war das überall. Egal, welchen Beruf man erlernt hat.“ Sein Wissen als Groß- und Einzelhandelskaufmann kann Dieter Rösch als Vertriebler in der Firma einbringen.

In sieben Jahren endet die aktuelle Lizenz für den Merklinger Steinbruch, dann werden die Chefs eine neue, bis 2047, beantragen. Dann aber werden sie bereits an einen Geschäftsführer von außen abgegeben haben und ihr Rentendasein genießen. Die eigenen Nachkommen gehen bereits andere Wege.

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