Süchtig hinterm Computer

Spannender Vortrag beim Männervesper in der Machtolsheimer Lindenhalle zum Thema Internet und Suchtverhalten. Spannend war außerdem die Altersspanne der rund 100 Besucher von 16 bis 80 Jahren.

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Das war gar nicht so einfach für Martin Epperlein, Sozialpädagoge und Suchtberater der Fachstelle für Glücksspiel und Medienkonsum in Stuttgart: Saßen doch da beim Männervesper in Machtolsheim nicht nur Senioren, die mit Facebook und Online-Spielen so gar nichts anfangen konnten und einen Einblick in knallharte Computerspiele erhielten. Ebenso war die recht kompetente Generation mittleren Alters anwesend - ausgestattet mit Smartphones und Internetanschluss. Aber auch die richtig Jungen ab 16 Jahren, die eigentlich am nähesten an der Sache dran sind, wollten etwas zum Thema erfahren. Sie hätten sich aber wohl unter dem Titel "Internet - unsere (Schein)-Welt. Heute Neugierde - morgen Sucht?" wohl eher richtig scharfe Lebensberichte abhängiger Internet-Nutzer gewünscht. Jedenfalls musste der Referent Besucher zufriedenstellen, zwischen denen "Welten liegen" - wie sich ein älterer Besucher äußerte.

Epperlein gelang der Spagat recht gut: Ein Beispiel aus der Praxis, das die Symptome und den Lebenslauf eines Internetsüchtigen schilderte, befriedigte am Schluss seines fast zweistündigen Vortrages immerhin auch die Jungen, die seinen Vortrag sonst eher als "Aufklärung und Information für die älteren Semester" empfanden.

Zunächst ging es um neue Medien überhaupt und die damit verbundenen Möglichkeiten, und um Anforderungen an die Nutzer. Zum Beispiel: Technisches Verständnis, pädagogische Fragen für Eltern oder das Thema Eigenverantwortung. Weiter: Was im Internet ist überhaupt nutzbar? Wie ist sie zu sortieren? Welche Qualität hat das Angebot? Welche Gefahren und Möglichkeiten bestehen? "Anfängerinfo", für die Jungen. "Gute Information", für die Alten. Erfrischend deutlich unterschied Epperlein die Kommunikation im Internet vom persönlichen Gespräch. Anhand von Beispielen verwies er auf Vorteile - etwa die große Auswahl an Kontakten, die sich über das Netz ergeben können, wie unkompliziert und schnell diese Kontakte eingegrenzt werden können und wie leicht man im Internet in eine idealtypische Identität schlüpfen kann. In Gegensatz hierzu stellte er dar, dass es im normalen Gespräch zwischen zwei Personen schwierig sein kann, sich abzugrenzen. Dafür könne man das Gegenüber mit allen Sinnen wahrnehmen und werde angeregt, sich selbstkritisch zu hinterfragen.

Epperlein benannte verschiedene Dinge, die zur Faszination des Internets und des Computers beitragen: Das Experimentieren mit unterschiedlichen Persönlichkeits-Rollen, das Bewusstsein, einer Gruppe anzugehören, die Freude am Abenteuer, Möglichkeiten, Ärger aus dem Alltag zu kompensieren. Hinzu komme die menschliche Sucht nach Anerkennung, die scheinbare Anonymität und die Möglichkeit, junger Menschen, sich durch ihr Computer-Wissen gegenüber Erwachsenen abzugrenzen, stellte Epperlein dar. Gefahren seien, dass einzelne Personen übers Internet unbemerkt gemobbt werden, dass private Daten missbraucht werden, dass hemmungslose Selbstdarstellung und Gewaltdarstellungen ungefiltert verbreitet, Betrug oder Copyrightverletzungen an der Tagesordnung sind. "Viele allgemeine Informationen", äußerten die Jungen, wohl etwas gelangweilt, aber geduldig und milde lächelnd. "Gut dargestellt", meinten einige Zuhörer mittleren Alters, während manch Älterer den Informationsgehalt inzwischen als "sehr, sehr viel" empfand.

Richtung Mediensucht geht es nach Aussage von Epperlein dann, wenn der Computer nicht mehr abgeschaltet wird und jederzeit verfügbar sein muss. Dann wird das Essen mit dem Computer kombiniert, werden gesellschaftliche Termine zugunsten des Computers abgesagt. Außerdem sei die meiste Hardware dann für Notfälle bei einem Ausfall doppelt vorhanden: Die Mediensüchtigen sind so abhängig, dass sie eine zeitliche Verzögerung, bis sie wieder vor dem Computer sitzen, nicht ertragen könnten. Hinweise auf Sucht ergeben sich, wenn die zeitliche Kontrolle hinter dem Computer verloren geht, und man mehr als 35 Wochenstunden hinter dem Computer sitzt - zusätzlich zu seiner normalen Arbeitszeit. "Von Online-Sucht sprechen wir, wenn der Anwender das Internet nicht in sein Leben integriert, sondern sein Leben ins Internet", fasste Epperlein zusammen.

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