Brauen wider den Einheitsgeschmack
Rißtissen. Wer Föhr-Bier trinkt, weiß ganz genau: Dort braut der Chef noch selbst. Die kleine Brauerei aus Rißtissen kauft ihre Rohstoffe regional ein und verkauft ihre Produkte " im Umkreis von 20 Kilometern".
Auf seiner Internet-Seite "buen-camino.ch" beschreibt der Schweizer Kurt Schürch seine Pilgertour auf dem Jakobsweg. Am Montag, 24. Mai, diesen Jahres startet er seine Tages-Etappe in Ulm und beendet sie nach sieben Stunden und 27 Kilometern in Rißtissen. "Im zweiten Gasthaus im Ort finde ich glücklicherweise ein Zimmer", schreibt er in sein Internet-Tagebuch. "Duschen, Kleider waschen wie üblich und wieder einmal rasieren und schon trinke ich gemütlich ein einheimisches Bier von der Brauerei Föhr aus diesem Ort. Es schmeckt vorzüglich."
Schnell wird der Schweizer Pilger eingeladen, sich zu den Menschen an den Stammtisch des Gasthauses zu setzen. "Das ist jetzt eine gemütliche und nette Runde", schildert Schürch im Internet. "Einer der Gäste ist der Braumeister von der Brauerei Föhr. Zu seinen Ehren trinke ich abschließend noch ein Föhr-Bier. Nach interessanten Gesprächen gehe ich müde ins Bett und schlafe direkt ein", endet der Eintrag.
Ein authentisches "internationales" Lob für ein ausschließlich regional erhältliches Bier, das "Frisch vom Nachbarn" gekauft und getrunken wird. "Wir vertreiben unsere Produkte rund um den Kirchturm, im Umkreis von etwa 20 Kilometern", erklärt der von Schürch erwähnte Braumeister Gebhard Föhr. Zusammen mit seiner Frau Elfi führt er den Familienbetrieb, der schon "seit 225 Jahren vor Ort ist - immer in Familienhand".
Der Stolz auf die lange Familientradition ist den Föhrs anzumerken. Und sie hoffen natürlich auf eine Fortsetzung derselben, durch Sohn Christoph, der in Weihenstefan studiert und sich auf dem Weg zum Bierbrauer-Diplom befindet. Sowie durch Sohn Stephan, der für sein Studium die Fachrichtung Vertriebsmanagement gewählt hat. Bei der täglichen Arbeit werden die Föhrs außerdem unterstützt von einem Brauer und einem Fahrer, der das Bier ausliefert. Auf kurzen Wegen: Beliefert werden Getränkemärkte im Umkreis bis Biberach.
Einige Kunden holen ihr Föhr-Bier auch direkt von der Brauerei, die über einen angeschlossenen Getränkemarkt verfügt, oder lassen sich zuhause beliefern. Und dann gibt es noch die brauereieigenen Gaststätten, die Traube in Rißtissen und den Adler in Griesingen, in denen man selbstverständlich Föhr-Bier trinkt, wie auch in der Sportvereins-Gaststätte in Rißtissen und bei "einigen Festen hier in der Gegend".
Getrunken werde sein Bier vor allem wegen der Frische und des unverfälschten Geschmacks, ist Gebhard Föhr überzeugt. Wobei der Brauer einen Unterschied macht zwischen Frische und Frische. "Die großen Billigbrauereien stellen das Bier am Montag her - und am Donnerstag ist es beim Kunden", sagt der Brauer. So spare man sich einiges an Lager- und Kühlkosten, die fehlende Kohlensäure für den "frischen" Geschmack werde künstlich hinzugefügt.
Im Gegensatz dazu werde das Föhr-Bier nach dem Brauvorgang zwei bis drei Monate lang kühl gelagert, bevor es ausgeliefert wird. In dieser Reifezeit entstehe die Kohlensäure auf natürliche Art. "Unser Bier wird auch nicht so scharf filtriert. Da bleiben die gesunden Inhalts- und die Geschmacksstoffe besser erhalten." Aus dem selben Grund könne man das trinkfertige Föhr-Bier nicht so lange lagern wie stark filtriertes Industriebier. Doch schließlich sei Bier ja ein Frischeprodukt, betont der Braumeister: "Bier braucht Zeit um zu reifen, dann sollte es zügig getrunken werden - je frischer, desto besser."
Keine langen Lieferwege auch bei den Rohstoffen für das Föhr-Bier. Das Malz komme aus der Region, von Schwabenmalz in Baustetten, und auch der Hopfen werde beim nächstgelegenen Anbieter gekauft: Er stamme aus der für seinen Hopfen weltberühmten Gegend um Tettnang. "Irgendwelche Zusatzstoffe kommen natürlich auch nicht in unser Bier", verteidigt Elfi Föhr das Reinheitsgebot, "wir arbeiten hier noch in guter alter Brauertradition, wie früher". Auf diese Weise entsteht in Rißtissen naturtrübes Hefeweizen, untergäriges helles Bier nach Pilsner Art, und als saisonales Angebot helles Bockbier, "ab Allerheiligen etwa bis Fasching, bis es eben ausverkauft ist".
Und an einer weiteren Traditionen hat die Familie Föhr aus Überzeugung immer festgehalten: "Wir haben die Bügelflasche nie aus dem Sortiment genommen. Irgendwann war sie out, seit ein paar Jahren ist sie wieder in", sagt Gebhard Föhr. Nicht nur als Erzeuger, sondern auch als Verbraucher hofft er, dass die Vielfalt in Sachen Bier und Brot erhalten bleibt, für die die Region bekannt ist. "Es wäre schade, wenn die kleinen eigenständigen Bäckereien und Brauereien eingehen - und nur noch der Einheitsgeschmack zu haben ist."
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Autor: MARKUS FRÖSE | 09.09.2010
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Braumeister Gebhard Föhr (großes Bild) wirft einen prüfenden Blick auf sein Produkt. Auf dem Bild rechts ist ein Mitarbeiter der Brauerei gerade damit beschäftigt, die Bierfilter-Anlage zu reinigen. Der "historische" Bierfilz zierte die Wirtshaustische 1985 als die Brauerei ihr 200-Jähriges feierte. Fotos: Herbert Geiger (2), Privat (1)
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