Sternenkinder: Drei Fotos für die Ewigkeit

Fotografen wie Lydia Gleim und Thomas Wilk engagieren sich bei „Dein Sternenkind“: Sie machen Fotos von toten Babys. Eine Familie aus Betzenweiler ist dafür dankbar.

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  • Im Wohnzimmer bewahrt Jasmins Familie Erinnerungen an ihr Sternenkind auf. Für die Eltern des totgeborenen Säuglings, Daniela Desler und Karl-Josef Traub, sind das winzige Namensarmband und die Fotos von Jasmin wichtige Stützen im Trauerprozess. Fast täglich zünden sie eine Kerze für Jasmin an.  1/5
    Im Wohnzimmer bewahrt Jasmins Familie Erinnerungen an ihr Sternenkind auf. Für die Eltern des totgeborenen Säuglings, Daniela Desler und Karl-Josef Traub, sind das winzige Namensarmband und die Fotos von Jasmin wichtige Stützen im Trauerprozess. Fast täglich zünden sie eine Kerze für Jasmin an. Foto: 
  • Für die Eltern des totgeborenen Säuglings, Daniela Desler und Karl-Josef Traub, sind das winzige Namensarmband und die Fotos von Jasmin wichtige Stützen im Trauerprozess. Fast täglich zünden sie eine Kerze für Jasmin an. 2/5
    Für die Eltern des totgeborenen Säuglings, Daniela Desler und Karl-Josef Traub, sind das winzige Namensarmband und die Fotos von Jasmin wichtige Stützen im Trauerprozess. Fast täglich zünden sie eine Kerze für Jasmin an. Foto: 
  • Für die Eltern des totgeborenen Säuglings, Daniela Desler und Karl-Josef Traub, sind das winzige Namensarmband und die Fotos von Jasmin wichtige Stützen im Trauerprozess. Fast täglich zünden sie eine Kerze für Jasmin an. 3/5
    Für die Eltern des totgeborenen Säuglings, Daniela Desler und Karl-Josef Traub, sind das winzige Namensarmband und die Fotos von Jasmin wichtige Stützen im Trauerprozess. Fast täglich zünden sie eine Kerze für Jasmin an. Foto: 
  • Lydia Gleim aus Ulm hält beruflich schöne Tage fest. Im Ehrenamt entschied sich die  Zwillings-Mutter bewusst für Sternenkind-Fotografie.  4/5
    Lydia Gleim aus Ulm hält beruflich schöne Tage fest. Im Ehrenamt entschied sich die Zwillings-Mutter bewusst für Sternenkind-Fotografie. Foto: 
  • Thomas Wilk aus Heidenheim ist Vater, Opa, ehrenamtlicher Fotograf und einer von 14 Koordinatoren bei „Dein Sternenkind“.   5/5
    Thomas Wilk aus Heidenheim ist Vater, Opa, ehrenamtlicher Fotograf und einer von 14 Koordinatoren bei „Dein Sternenkind“. Foto: 
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Jasmin ist im Wohnzimmer. Drei Fotos von ihr stehen in der Mitte der Wohnwand aus hellem Holz. Jasmin ist da, wenn ihre Mutter eine Kerze für sie anzündet, wenn ihr Vater das winzige Namensarmband mit den rosafarbenen Perlen in seine kräftigen Hände nimmt, wenn ihr Bruder mit seinem Spielzeug-Mähdrescher über die Straßen des Spielteppichs fährt, der auf dem Boden liegt. Sie ist dort, wo das Leben ihrer Familie stattfindet. Obwohl sie es nicht miterleben kann.

Jasmin ist ein „Sternenkind“. Ein Kind, das gestorben ist, noch bevor oder kurz nachdem es das Licht der Welt erblickt hat. Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 2500 Kinder (rund 0,3 Prozent) wie Jasmin in einem späten Stadium der Schwangerschaft, mit einem Gewicht über  500 Gramm. Die Bezeichnung Sternenkind, die auch für Kinder mit weniger Gewicht verwendet wird, ist erst seit einigen Jahren geläufig. Sie soll die Betonung auf das Kind und seinen kurzen Lebensweg legen – und nicht auf das Sterben, wie die Worte Tot- oder Fehlgeburt. Um Eltern eine Erinnerung und eine Stütze im Trauerprozess zu geben, haben sich Fotografen zur Organisation „Dein Sternenkind“ zusammengeschlossen.

Lydia Gleim hält normalerweise die schönen Tage fest. Hochzeit, Taufe, runder Geburtstag. Doch glückliche Menschen abzulichten, so entschied sich die freiberufliche Fotografin vor rund zweieinhalb Jahren, sollte nicht alles sein. Sie suchte nach einem Ehrenamt, in dem sie ihr berufliches Können einbringen konnte. Irgendwas mit kranken Kindern, dachte die Mutter von 17-jährigen Zwillingen. Beim Googeln stieß sie auf die Seite „dein-sternenkind.eu“ und las von Kai Gebel, der Anfang 2013 eine in den USA bereits verbreitete Initiative in Deutschland gestartet hatte, die inzwischen schon mehrere Auszeichnungen bekommen hat. „Da musste ich nicht lange überlegen.“ Seither arbeitet die 40-Jährige als Sternenkind-Fotografin in der ganzen Region, überwiegend in der Ulmer Uniklinik. Sie hat Babys fotografiert, „klein wie Barbiepuppen“ und voll ausgebildete Kinder, die kurz vor oder zum Geburtstermin starben. Sie hat Eltern erlebt, die sich auf die Geburt eines toten Kindes vorbereiten konnten und Eltern, die die Tragödie völlig überraschend traf.

„Sie war nie ein lebhaftes Kind“, sagt Mutter Daniela Desler im Rückblick auf die Schwangerschaft mit Jasmin, die anders war als die mit ihrem heute sechsjährigen Sohn Jannik. „Aber es ist ja auch jedes Kind anders“, sagt ihr Partner Karl-Josef Traub. Hinweise auf Komplikationen gab es keine. Bis  Daniela Desler am 6. November 2016, einem Sonntag, mit dem Gefühl aufwachte, dass etwas nicht stimmt. Das war in der 38. Schwangerschaftswoche, zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Das Paar aus dem 750-Einwohner-Ort Betzenweiler (Kreis Biberach) fuhr in die Kreisklinik.

Dann folgte das Horrorszenario aller werdenden Eltern. Ultraschall ohne Bewegungen, Wehenschreiber ohne Herzschlag, eine im Nachhinein beklemmende Stille. Schließlich die Nachricht, dass das Kind im Bauch nicht mehr lebt. Für die Mediziner klar, für die Eltern unbegreiflich. Die Ärzte gaben dem Paar Zeit, informierten sie über die Risiken von Kaiserschnitt und natürlicher Geburt. Am nächsten Tag, Montag, fuhren die werdenden Sternenkind-Eltern in die Frauenklinik Ulm. „Als wir dort ankamen, mussten wir gar nichts sagen. Das fand ich gut.“ Daniela Desler kann sich nicht an alles erinnern, was dann geschah. Die Geburt wurde eingeleitet, sie dauerte bis Mittwoch um die Mittagszeit. Jasmin war ein fertig ausgebildeter Säugling. 48 Zentimeter, 2500 Gramm. „Eigentlich hätte sie nur schnaufen müssen“, sagt ihr Vater. Daniela Desler nahm kaum wahr, dass eine Hebamme sie fragte, ob sie einen Fotografen rufen soll.

Die Eltern sagten Ja, die Frauenklinik beauftragte Lydia Gleim. Sie machte an diesem Tag, dem 9. November 2016, die Fotos von Jasmin. Gleim sagt, ihr Fokus liege immer auf dem Baby. Egal, in welchem Zustand das Kind geboren werde, wie krank es gewesen oder wie groß es sei: „Es ist einfach jemandes Kind, ein geliebtes Wesen, das beweint wird.“ Deshalb fotografiere sie die Sternenkinder auch wie jedes lebende Baby: Mit großer Achtsamkeit und Respekt vor dem kleinen Wunder.

Oft denke sie daran, wie wichtig ihre Arbeit sei und wie buchstäblich einmalig ihre Bilder: „Ich habe ganze Alben voll mit Fotos meiner Zwillinge. Die Eltern eines Sternenkinds haben nur das, was ich ihnen gebe.“ Bei keiner anderen Arbeit sei sie so bemüht, ihr Bestes zu geben.

Gerade deshalb blendet sie „das ganze Drama drumherum“ so gut es geht aus. Ihre schlimmste Erinnerung sei nicht die an ein totes Kind, sondern die an eine untröstliche Mutter. Die Frau habe nach dutzenden Bildern noch weitere Motive verlangt, sich an der Fotografin festgekrallt. „Da war ich wirklich hilflos.“

„Ich bin sehr froh, dass sie da war“, sagt Daniela Desler über Gleims Einsatz, der ihr erst vier Wochen nach Jasmins Geburt bewusst wurde: Als ein Brief die drei  entwickelten Fotos brachte – mehr als 20 hat die Familie digital. Dass es Menschen gibt, die ehrenamtlich und für die Eltern kostenlos Bilder von totgeborenen Kindern machen, wusste die Altenpflegerin vorher nicht. „Das kriegst du erst mit, wenn du das Schicksal hast.“ Vater Karl-Josef Traub sagt, es sei ihm schlicht unmöglich gewesen, Jasmin mit der mitgebrachten Kamera zu fotografieren. „Die Fotografen nehmen einem ganz, ganz viel ab“, sagt seine Partnerin.

Thomas Wilk aus Heidenheim fotografierte Sternenkinder, während seine Partnerin und seine erwachsene Tochter schwanger waren. Das sei nicht einfach gewesen, sagt der Vater einer 18 Monate alten Mädchens und Opa eines vier Monate alten Enkels. Aber der 48-Jährige ist stolz darauf, dass bisher jeder Fotowunsch von Sternenkind-Eltern erfüllt werden konnte. Er könne nicht die Welt retten. „Aber ich kann schöne Bilder machen und greifbare Erinnerungen schenken.“

Thomas Wilk ist einer von 14 Koordinatoren, die deutschlandweit für die Sternenkind-Initiative tätig sind. Sie werden alarmiert, wenn sich irgendwo in der Bundesrepublik ein Kind auf den Weg zu den Sternen macht. Sie stellen den ersten Kontakt zur Geburtsklinik her, sammeln Informationen und lösen dann den „Call“ aus, der die Sternenkind-Fotografen im Umfeld des Krankenhauses auf den Plan ruft. Das funktioniere in Ballungsräumen besser als auf dem Land, sagt Wilk, der als Informatiker arbeitet. Gerade in unserer Region wäre es gut, mehr Fotografen zu haben: „Damit immer schnell jemand greifbar ist.“ Auch wünsche er sich, dass das Angebot in jeder Geburtsklinik bekannt werde: „Alle betroffenen Eltern sollten die Chance auf Bilder ihres Sternenkinds haben.“

Noch dringlicher als ohnehin sei der Einsatz der Fotografen, wenn ein Kind lebend zur Welt komme, aber der Tod unmittelbar bevorsteht. „Da unternehmen wir alles, um das Kind noch lebendig zu fotografieren.“

Nach Jasmins Tod wollte ihr Vater schaffen und nicht reden. Das sagte der CNC-Dreher seinem Chef. Auch ein gutes Jahr danach hat kein Kollege den 51-Jährigen auf seinen Verlust angesprochen. Seine Partnerin ging die Trauer aktiv an, bemalte mit  Jannik den kleinen Sarg. Zur Zeit macht sie mit ihrem Sohn eine Mutter-Kind-Kur mit Trauerarbeit. Sie spricht auch mit Seelsorgern.  Mit Familie und Freunden oder gar mit Fremden hat das Paar  bisher kaum über ihren Verlust gesprochen. Mit ihrem Schritt in die Öffentlichkeit  möchten Jasmins Eltern nun auf die Arbeit der Sternenkind-Fotografen aufmerksam machen. Aus Dankbarkeit für die schönen Fotos im Wohnzimmer. 

Gedenktag Verwaiste Eltern auf aller Welt zünden am Sonntag, 10. Dezember, um 19 Uhr Kerzen an: Es ist der Weltgedenktag für verstorbene Kinder. Mit den Kerzen, die in einer Zeitzone erlöschen und in der nächsten angezündet werden, soll das Licht um die Welt wandern.  In Ulm-Söflingen und in Warthausen (Kreis Biberach) finden spezielle Gottesdienste statt.

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