Schwitzen wie beim Holzmachen

111 Flächenlose im Staatswald zwischen Arnegg und Oberdischingen sind bei einer Versteigerung an den Mann - und zwei weitere an die Frau - gebracht worden. Ihnen gehört nun das dort liegende Holz.

|

Der Profi ist gut vorbereitet: Fast alle der rund 180 Männer - und an die 8 Frauen - , die vergangene Woche zur Reisteilversteigerung ins Gasthaus Adler in Ringingen gekommen sind, hatten sich die 113 Waldstücke zwischen Arnegg und Oberdischingen vorher genau angeschaut, die an diesem Abend unter den Hammer kommen. Vorzugsweise am Sonntag in Grüppchen. Fast jeder hat einen Zettel mit den Flächenlos-Nummern vor sich - versehen mit Notizen. Das Wichtigste an einem Reisteil - so das alte und geläufigere Wort für ein Flächenlos - ist natürlich, wie viel Holz die Waldarbeiter im Wald haben liegen lassen: Die großen Baumstämme sind weg, aber Äste, Zweige und kleinere Bäume liegen am Boden und können so manchen Holzofen einen Winter lang beheizen (siehe Infokasten).

Wichtig ist auch, ob man das Waldstück mit dem Auto anfahren kann. "Ich hab keinen Bulldog und muss den Reisteil daher mit dem Auto anfahren können, um das Holz zu holen", sagt Otto Duckek aus Markbronn. Nicht nur bei den Leuten aus der Umgebung sind die Reisteile begehrt, auch Autos mit Biberacher Kennzeichen stehen vor dem Gasthaus. "Ich brauche das Holz dringend", sagt Önder Özcan aus Laupheim. Zahlreiche seiner türkischen Landsleute sitzen in Gruppen an den langen Tischreihen im großen Saal im ersten Stock des "Adler": Der Saal - früher in der Region bekannt für seine Tänze und Faschingsbälle - verströmt heute den Charme der 50er Jahre: vergilbte Bast-Tapete, beiger PVC-Boden, große viereckige Deckenlampen, rote Vorhänge. Die Halbe für 2,30, das Weizen für 2,40 Euro stehen auf den Resopaltischen, die Autofahrer trinken Apfelschorle oder Spezi, die Brezeln aus Bastkörbchen sind schnell weg gefuttert.

Gesprächsthemen? Reisteile, die Arbeit im Wald, gutes Werkzeug, schlechte Motorsägen, der Heizöl-Preis, die Vorzüge von Buchenholz, dies und das. Günter Eckhardt aus Erstetten ist "nur so" zur Versteigerung gekommen. "Das hab ich letztes Jahr auch gesagt, und bin prompt mit einem Reisteil heimgekommen." Seine Frau habe ihn noch am Nachmittag angerufen, er solle es ja nicht wagen, dieses Jahr wieder einen zu ersteigern, erzählt Eckhardt und lacht. Und mit ihm die anderen Männer am Tisch. Vielleicht auch aus Mitleid, denn klar ist, dass ein Reisteil "schon viel Arbeit" macht, aber halt auch "viel Spaß". Eckhardt hat sich am Donnerstag im Übrigen an die Vorgabe seiner Frau gehalten und tröstet sich selber: "Ich hab noch genug Holz." Kurz nach 19 Uhr pfeift Forstwirtschaftsmeister Martin Herrmann laut durch die Finger, um die schnatternden Leute zur Ruhe zu bringen, die sich inzwischen sogar auf die Bänke rund um den aufgeheizten Saal quetschen.

Herrmann leitet die Auktion zusammen mit dem Ringinger Revierförster Hans-Peter Haug und bietet den ersten Reisteil in der "Mühlhäule" bei Arnegg für 25 Euro Startgebot an. In Fünf-Euro-Schritten geht der Preis anhand der gestreckten Arme nach oben. "50, 55, 60 - 60 Euro zum Dritten", zeigt Herrmann auf einen Mann: Für 60 Euro ist dieser nun stolzer Besitzer eines Reisteils. Er muss einen Zettel mit seinen Daten ausfüllen und bekommt ein Merkblatt. Derweil ist Herrmann schon einige Parzellen-Nummern weiter und angesichts der erzielten Preise schüttelt so mancher den Kopf. "Das wird heute aber ein teurer Abend." Ab 100 Euro wird in 10-Euro-Schritten gesteigert, so werden schnell Preise von 350 Euro und mehr erreicht. Önder Özcan steigert immer wieder mal mit - und zieht immer wieder die Hand resigniert nach unten. Kurz nach 20.30 Uhr hat der Laupheimer endlich Glück. Reisteil Nummer 203 im "Steinenfelder Wald" ist seiner - für 85 Euro. "Gottseidank", sagt Özcan. "Wenigsten einen hab ich." Er wird aber noch zu anderen Reisteil-Versteigerungen in der Region gehen, um im übernächsten Winter Brennholz zu haben. Denn so lange sollte das frische Holz trocknen, damit es ordentlich warm gibt.

Um Punkt 20.45 Uhr hat Martin Herrmann den letzten der insgesamt 113 Reisteile versteigert: Der teuerste ging für 410 Euro weg, der billigste für 20. Den hat eine der wenigen Frauen bei der Versteigerung ergattert. Ihre Freundin schlug für 25 Euro zu. Die beiden jubeln ob ihrer "Schnäppchen". Ein Mann sagt beim Rausgehen: "Ich glaub, ich hab heute ein bisschen teuer eingekauft."

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Drama von Eislingen: Opfern die Kehle durchgeschnitten

Drei Tote in Eislinger Tiefgarage: Der mutmaßliche Täter hat seiner Noch-Ehefrau und deren Freund mit einem Küchenmesser die Kehle durchgeschnitten und sich offenbar durch einen Kopfschuss selbst getötet. weiter lesen