Meine Heimat Schnürpflingen: Ein Kleinod mit bewegter Geschichte

Besserer, Fugger, Kloster Wiblingen: Schnürpflingen hat vielen Herren gedient. Für die Bewohner bleibt es die „Perle der Holzstöcke“.

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Ein armer aber heiliger Ort.“ So beschreibt Pfarrer Franz Josef Dilger 1789 Schnürpflingen. Nun, die Bewohner dürften ähnlich fromm gewesen sein, von den gleichen Sorgen geplagt und Feste gefeiert haben, wie jene anderer Gemeinden. Dennoch gilt damals wie heute das, was das Dorf für die Einheimischen zur „Perle der Holzstöcke“ macht: die idyllische, waldreiche Landschaft. Auf satten 400 Hektar gedeiht Wald. In das Lob werden selbstredend die Teilorte Ammerstetten und Beuren einbezogen.

Für die vermutlich vor dem Jahr 1000 erstmals siedelnden Alemannen dürfte viel wichtiger gewesen sein, an einem schützenden Hang zu siedeln und mit der Weihung Wasser in der Nähe zu haben. Einer ihrer Anführer war auch der Namensgeber. „Snurrepfil“ oder auch „snurtilo“ soll dieser als Beinamen gehabt haben, abgeleitet von „snurren“ – „sausen lassen“ – also „lass den Pfeil sausen“. Von einem treffsicheren Bogenschützen ist hier die Rede. Zu „Snurpfelingen“ und schluss­endlich Schnürpflingen ist es dann nicht mehr weit. Im Übrigen heißt in Deutschland kein zweiter Ort so.

Bis heute etwas abgelegen, erlebte Schnürpflingen trotzdem ein munteres Hin und Her, oft mit ungutem Ausgang. Mit dem Besserer, einem Spross der Ulmer Patrizier hielt die Reformation Einzug, mit den Fuggern die Gegenreformation - das Kloster Wiblingen hatte etwas zu sagen. Mit der napoleonischen Herrschaft kam Schnürpflingen eine Weile zu Vorderösterreich, um schließlich 1810 endgültig württembergisch zu werden.

Gelegentlich schienen sich die Schnürpflinger ihres kämpferischen Ahnherrn erinnert zu haben. Wenn auch ohne Bogen zogen sie 1790 und nochmals 1792 gegen ihre Herrschaft vor Gericht. Anlass war immenser Wildschaden bei gleichzeitigem Verbot, mit Gewehr und Hunden einzugreifen. Das zuständige Oberamt Günzburg gab den Klägern Recht, verdonnerte die Herrschaft zur Zahlung von 150 Florentiner Gulden und verlangte, dass das Wild bejagt wird. Ansonsten werde ein Jäger geschickt, der das übernimmt.

Widerborstig sollen die Schnürpflinger auch bei der Gegenreformation gewesen sein. Anstatt zum katholischen Glauben zurückzukehren, verließen sie das Dorf. Die nun den Fuggern gehörende Ortschaft war weitgehend menschenleer. Deshalb wurden Siedler aus Tirol, Bayern und der Schweiz angeworben. Familiennamen wie Isser, Ziesel, Nothelfer und Regenbogen kamen damit in die Holzstockgemeinde, heißt es in der 1950 verfassten Chronik des früheren Lehrers Kurt Schebesta.

Das wohl schlimmste Ereignis traf die Gemeinde 1852. Beim Fett auslassen setzte eine Frau ihr Haus in Brand. Starke Winde sorgten dafür, dass binnen einer halben Stunde 21 Häuser niederbrannten. Außer dem eigenen Leben und dem Vieh war alles verloren. In einer beispiellosen Hilfsaktion aus den Nachbardörfern konnten binnen weniger Monate die meisten neu entstehen.

Gegen all die Unbilden hat sich Schnürpflingen zu einer ländlich geprägten wie auch modernen Gemeinde entwickelt. „Lebens- und liebenswert“, wie Bürgermeister Michael Knoll versichert.

Das Gemeindewappen von 1956 mit dem silberweißen Hirschgeweih auf rotem Grund symbolisiert die einstige Zugehörigkeit zu Österreich. Die weiße Tanne steht für den den Waldreichtum Schnürpflingens.

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Meine Heimat: Schnürpflingen

Als „Hauptstadt der Holzstöcke“ ist die Gemeinde mit etwa 1350 Einwohnern und den Ortsteilen Beuren und Ammerstetten bekannt. Den Namen „Holzstöcke“ tragen die vier Gemeinden im südwestlichen Alb-Donau-Kreis angeblich deshalb, weil Waldarbeiter beim Einschlag die Bäume immer in vier Fuß Höhe kappten, nicht über der Wurzel. Das größte Geheimnis Schnürpflingens: Ein angeblich samt seiner Schätze im Boden versunkenes Schloss.

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