Schlecker-Mitarbeiter geschockt - Kunden fühlen mit

Fast die Hälfte der Arbeitsplätze wird gestrichen. Schlecker-Mitarbeiterinnen reagieren entsetzt auf die Abbaupläne. Kunden fürchten um die Nahversorgung mit Drogerieartikeln und Lebensmitteln.

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Gestern hat Arndt Geiwitz, Insolvenzverwalter des Drogeriemarktunternehmens Schlecker radikale Einsparungen angekündigt. Jede zweite Filiale wird geschlossen, fast die Hälfte der Mitarbeiter soll entlassen werden. Bei den Schlecker-Mitarbeiterinnen löste die Nachricht Fassungslosigkeit aus. "Das muss ich erst mal setzen lassen", sagte Ilona Herzog, Verkaufsstellenleiterin bei Schlecker in Allmendingen: "So einen krassen Abbau hätte ich nie erwartet." Die große Frage sei jetzt, nach welchen Kriterien entlassen werde.

"Die Angst ist in letzter Zeit immer mit dabei", sagte eine andere Schlecker-Mitarbeiterin aus dem Raum Ehingen, die nicht genannt werden will. "Man weiß nicht, was wird. Jede hofft, nicht betroffen zu sein." Dass es arg komme, habe sie schon befürchtet: "Schauen Sie doch mal, wie viele Schlecker-Filialen es gibt. Das trägt sich nicht."

An die Beschäftigten in den Schlecker-Filialen ist gestern vor der Bekanntgabe der Kürzungen gegenüber den Medien ein Fax verschickt worden. "Immerhin, die Informationen sind besser geworden", stellte eine Mitarbeiterin fest. "Das funktioniert jetzt einigermaßen bei uns." Im Fax war allerdings die Rede davon, dass mehr als 13 500 Arbeitsplätze in Deutschland erhalten bleiben, nicht von den 11 750 Stellen, die gestrichen werden. "Was sollen sie auch sonst schreiben", lautete der Kommentar einer Mitarbeiterin. Das Fax erreichte allerdings nicht jede Beschäftigte, manche erfuhren die schlechte Nachricht auch von Kunden. "Manche fragen mich sogar unverblümt, ob ich schon was Neues gefunden habe", berichtete eine Mitarbeiterin.

Andere reagierten mit einer Prise Sarkasmus: "Wenn sie hier schließen, wäre es die dritte Filiale, die sie mir dichtmachen", sagte die Mitarbeiterin, die aber auch eine Lanze für ihren Arbeitgeber bricht. "Über die Firma sind immer nur die negativen Schlagzeilen berichtet worden, das Gute ist verschwiegen worden."

"Ich bin ziemlich down", sagte die Leiterin einer Filiale im nördlichen Landkreis Neu-Ulm. Sie arbeite gern bei Schlecker und verdiene auch gut. Das Geld sei immer regelmäßig auf dem Konto eingegangen. "Wenn ich wechseln würde, würde ich wahrscheinlich weniger verdienen. Wir haben einen sehr guten Tarifvertrag." Die Frau, die nicht mit Namen genannt werden möchte, hofft für ihre fünf Kolleginnen und sich, auf eine Zukunft bei Schlecker. "Weil es ein wunderschönes und selbstständiges Arbeiten ist." Auch die Kunden hielten dem Laden, der vor allem für die Älteren am Ort wichtig sei, die Treue. Einige kauften sogar mehr als notwendig, um das Geschäft zu unterstützen. Sie hoffe, dass - wie vom Insolvenzverwalter angekündigt - die Preise sinken und der Verkauf angekurbelt wird.

Hoffnung schöpfen manche auch aus der Nähe zur Firmenzentrale. "Vielleicht machen sie die Geschäfte, die in Ehingen oder nahe dran sind, nicht zu", sagte eine Mitarbeiterin. Auch in dem Markt in Allmendingen, der als Muster nach dem neuen Schlecker-Konzept ausgestattet worden ist, herrscht das Prinzip Hoffnung. "Es ist Geld in den Markt gesteckt worden, der wird wohl nicht zugemacht werden", sagte Filialleiterin Ilona Herzog. Allerdings sei es natürlich fraglich, ob die Belegschaft noch dieselbe bleibe, wenn nach einem Sozialplan entlassen werde.

Nicht alle Beschäftigte waren gestern zu einer Stellungnahmen zu bewegen. "Wir haben schon einmal Ärger bekommen, weil wir im Fernsehen etwas gesagt haben", sagte eine Mitarbeiterin einer anderen Filiale im Kreis Neu-Ulm.

Schlecker-Kunden sehen zum einen die bevorstehenden Entlassungen und die Ängste der Beschäftigten. "Das sind ja alles Teilzeitstellen, ganz schwer, da in der Gegend etwas zu finden", sagte Elisabeth Eberhardt, die gestern Nachmittag im "Schleckerland" in Ehingen beim Einkaufen war. "Im Lager von Schlecker hier arbeiten auch viele Frauen", stellte Vinco Zubak fest: "Ehingen hat ja kaum was, um die fehlenden Arbeitsplätze für Frauen aufzufangen, wenn abgebaut wird."

Andererseits beschäftigt manche der gestern befragten Einkäufer die drohende Verschlechterung der Nahversorgung. "Wenn Schlecker geht, ist hier doch tote Hose", sagte ein älteres Ehepaar in der Schelklinger Innenstadt. Ein Mann mit Kind schätzt vor allem die netten Schwätzchen, die es beim Einkauf bei Schlecker gibt. "Das sind soziale Kontakte, die würden vielen fehlen." Bianca Phieler aus Schelklingen lobt das Sortiment der örtlichen Filiale: "Bei Schlecker gabs alles - ob Hundefutter oder ein schnelles Geschenk." Und Laura Kuhn aus Berghülen sagte: "Ich kaufe gern hier ein, es ist praktisch."

Es gibt aber auch andere Stimmen: Schlecker sei teuer, die Läden altmodisch, sagten einige Kunden.

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Themenschwerpunkt

Die Schlecker-Pleite

2012 meldete Schlecker, Europas ehemals größte Drogeriemarktkette, Insolvenz an. Damals hatte Schlecker noch 7000 Filialen und etwa 30.000 Mitarbeiter.

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