Rätsel des Steinzeit-Werkzeugs entschlüsselt

Mit Hilfe von Elfenbein-Stäben stellten Menschen vor 40 000 Jahren Seile her. Ein solches Werkzeug haben Forscher im Hohle Fels gefunden.

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  • Mittels der tiefen, spiralförmigen Einschnitte in dem Lochstab ist es möglich, aus Pflanzenfasern ein Seil zu drehen. 1/3
    Mittels der tiefen, spiralförmigen Einschnitte in dem Lochstab ist es möglich, aus Pflanzenfasern ein Seil zu drehen. Foto: 
  • Dr. Stefanie Kölbl, Leiterin des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren, präsentiert den Lochstab aus dem Hohle Fels – eine Sensation. 2/3
    Dr. Stefanie Kölbl, Leiterin des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren, präsentiert den Lochstab aus dem Hohle Fels – eine Sensation. Foto: 
  • Werkzeug aus Elfenbeinmammut: Damit stellten die modernen Menschen vor 40?000 Jahren Seile und Schnüre her. 3/3
    Werkzeug aus Elfenbeinmammut: Damit stellten die modernen Menschen vor 40?000 Jahren Seile und Schnüre her. Foto: 
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Der Hohle Fels bei Schelklingen hat schon für so manche Sensation gesorgt: Tübinger Archäologen fanden bei ihren Grabungen in der Eingangshöhle die älteste plastische Menschendarstellung, die Venus vom Hohle Fels, und das bislang älteste Musikinstrument, eine Flöte aus Geierknochen. Gestern präsentierte Prof. Nicholas Conard, der die Grabungen seit 20 Jahren leitet, im Tübinger Schloss eine neue Sensation: einen 20,4 Zentimeter langen, aus Mammutelfenbein geschnitzten Stab. Er ist mehrfach durchbohrt, in den sorgfältig ausgearbeiteten Löchern sind spiralförmige Einkerbungen zu erkennen.

Solche so genannten Lochstäbe haben die Archäologen bereits häufiger gefunden. Doch wozu die ersten modernen Menschen diese Stäbe genutzt haben, war bislang ein Rätsel. War es Hebelwerkzeug, ein Musikinstrument oder Kunstwerk? „Die Kerben erwiesen sich als Schlüssel für die Nutzung“, sagte Maria Malina, eine der Grabungsleiterinnen. Die Vermutung der Archäologen: Die tiefen Einschnitte in den Löchern sollten Pflanzenfasern in eine bestimmte Richtung leiten, damit sie sich zu Schnüren eindrehen. Demnach diente das Werkzeug zur Herstellung von Seilen.

Für Jäger- und Sammlerkulturen waren Seile überlebenswichtig. Forscher wussten jedoch bislang kaum etwas über deren Herstellung vor etwa 40 000 Jahren. „Dieses Werkzeug beantwortet die Frage, wie im Paläolithikum Seile hergestellt wurden. Ein Rätsel, das Wissenschaftler für Jahrzehnte beschäftigt hat“, sagte Veerle Rots. Zusammen mit ihrem Team hat sie an der Universität Lüttich in vielen Versuchen die Nutzung eines solchen Werkzeugs untersucht, damit experimentiert und gezeigt: Mit dem richtigen Dreh funktioniert das Seilmachen tatsächlich.

Freilich könne man sich dennoch nicht ganz sicher sein, dass dies die einzige und richtige Deutung des Lochstabes ist: „Rein theoretisch ist es möglich, dass der Stab zu anderen Zwecken genutzt wurde“, sagte Conard, „aber wir haben keine alternative Deutung“. Der Forscher nimmt an, dass die Menschen in der Altsteinzeit häufig Seile herstellten. Bis zu einer bestimmten Menge sei das mit tierischen Sehnen möglich gewesen. Waren jedoch größere Mengen Seil nötig, mussten die Jäger und Sammler vermutlich Pflanzenfasern nutzen – denn diese waren ausreichend vorhanden.

Gefunden hat das Seilwerkzeug die Archäologin Laura Bauer bei der Sommergrabung der Uni Tübingen vergangenes Jahr. Mehr als dreieinhalb Meter tief unterhalb des Erdbodenniveaus habe sie zu der Zeit in einer ohnehin sehr fundreichen Schicht mit vielen Elfenbeinbruchstücken gegraben. Auch die Venus und die Flöte wurden 2008 ganz in der Nähe gefunden. „Es war relativ schnell klar, dass es etwas Besonderes ist“, sagt die junge Archäologin.

Die Forscher setzten die 15 Bruchstücke zusammen. Der Fund ist so gut erhalten wie kein anderer Lochstab. Und es ist der erste Stab dieser Art, dem die Wissenschaftler eine Deutung zuweisen können. Vollständig ist der Stab nicht, das ist am obersten, ausgebrochenen Loch zu erkennen „Es kann sein, dass wir noch einen Teil finden und dass das Werkzeug dann komplett wird“, sagte Conard, „das ist Glückssache.“

Fund des Jahres in Blaubeuren zu sehen

Ausstellung Das etwa 40 000 Jahre alte Seilwerkzeug ist noch gestern – nach der Präsentation in Tübingen – im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren eingetroffen. Museumsleiterin Dr. Stefanie Kölbl hat den Lochstab aus Mammutelfenbein in Empfang genommen. Als „Fund des Jahres“ ist das Steinzeit-Werkzeug  von heute, Samstag, an im Blaubeurer Museum zu sehen. Zur Eiszeitkunst wie Venus und Wasservogel sowie Eiszeitmusikinstrumenten wie diversen Flöten aus Knochen und Elfenbein kommt jetzt also noch ein weiteres Artefakt des Eiszeithandwerks. Das passt gut zur aktuellen Ausstellung „Speer kaputt! Was nun?“ Gezeigt wird, wie die Menschen in der Steinzeit einen Speer herstellten und zur Jagdwaffe machten. Geöffnet ist das Urgeschichtliche Museum in Blaubeuren täglich außer montags jeweils von 10 bis 17 Uhr.

Fund des Jahres in Blaubeuren zu sehen

Ausstellung Das etwa 40 000 Jahre alte Seilwerkzeug ist noch gestern – nach der Präsentation in Tübingen – im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren eingetroffen. Museumsleiterin Dr. Stefanie Kölbl hat den Lochstab aus Mammutelfenbein in Empfang genommen. Als „Fund des Jahres“ ist das Steinzeit-Werkzeug  von heute, Samstag, an im Blaubeurer Museum zu sehen. Zur Eiszeitkunst wie Venus und Wasservogel sowie Eiszeitmusikinstrumenten wie diversen Flöten aus Knochen und Elfenbein kommt jetzt also noch ein weiteres Artefakt des Eiszeithandwerks. Das passt gut zur aktuellen Ausstellung „Speer kaputt! Was nun?“ Gezeigt wird, wie die Menschen in der Steinzeit einen Speer herstellten und zur Jagdwaffe machten. Geöffnet ist das Urgeschichtliche Museum in Blaubeuren täglich außer montags jeweils von 10 bis 17 Uhr.

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Kommentare

23.07.2016 14:45 Uhr

Wahrheitsgemäße Schilderung

Laut Duden muss es "... nie wieder gutzumachender Schaden ..." heißen. Wäre ich Germanist, hätte ich gewusst, dass Verben in Verbindung mit Partizipien zusammengeschrieben werden, wenn "gut" weder erweitert noch gesteigert werden kann. Zumindest der mir universitär verliehene Hochschulgrad eines Sozialwissenschaftlers schützt mich jedoch vor dem Geisteswissenschaftlern allzu oft gemachten Vorwurf, frei erfundene Verhältnisse zu beschreiben anstatt die Lage der Dinge in der sozialen Welt wahrheitsgemäß zu schildern.

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23.07.2016 14:17 Uhr

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Insofern der von den Tübinger Archäologen gefundene und seit heute in Blaubeuren gezeigte Lochstab ein früher Nachweis für eigenständig erbrachte Arbeitsleistungen ist, verstört es umso mehr, dass Dritte solche Ausdrücke der zu allen Zeiten notwendigen Auseinandersetzung des modernen Menschen mit der Welt insbesondere hier im Online-Forum der SÜDWEST PRESSE wiederholt umdeuten und darin Belege vor allem für Geltungssucht, schwere Erkrankungen des Geistes oder gar eine komplette Unfähigkeit zum Austausch erkennen. Würde Prof. Conard die besagten Verfälschungen der Wirklichkeit ernst nehmen, müsste er auch die anderen Fundstücke von Rang wie die Flöte aus Geierknochen oder die Venus vom Hohlen Fels nicht im Museum ausstellen, sondern auf den Müll werfen. Der Menschheitsgeschichte träte dadurch zwar ein nie wieder gut zu machender Schaden ein. Offenbar ist das aber das Ziel der unter Pseudonymen und Klarnamen wie beispielsweise "Reinhold-Friedrich Thierer", "Franz Spötter", "Bernhard Gärtner" und "Wolfgang Vogt" kommentierenden Leser, die ihren eigenen Frevel gerne überhöhen und sich stets verboten eigenmächtig als Vollstrecker des Volkswillens gebärden.

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