Gustav Adalof Wayss: Pionier für Stahlbeton und königlicher Baurat

Gefeierter Pionier des Stahlbetonbaus oder oft gescheiterter Unternehmer? Die Fachliteratur hält für Gustav Adolf Wayss, 1851 in Erbach geboren, beides bereit.

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Gustav Adolf Wayss, Betonpionier aus Erbach, vermutlich um das Jahr 1870.  Foto: 

Gefeierter Pionier des Stahlbetonbaus oder schlecht ausgebildeter Ingenieur und häufig gescheiterter Unternehmer? Die Fachliteratur hält für Gustav Adolf Wayss beides bereit. Sicher ist, er war in seiner Zeit einer der umtriebigsten Protagonisten für „Eisengerippe mit Cementumhüllung“ – den Stahlbetonbau.

Geboren wird Gustav am 16. Oktober 1851 in der Eisenbahnstation Erbach als Sohn des Weichenwärters Jonathan David Wayss. Später folgt der Umzug nach Ludwigsburg, wo sich der Vater im Eisenbahnbau selbständig macht. Gustav Adolf besucht die Oberrealschule, dann in Stuttgart die mathematische Vorschule des Polytechnikums. Es folgen ein Praktikum bei den württembergischen Staatseisenbahnen, Studium des Ingenieurswesens, 1877 Anstellung als Bauführer bei der württembergischen Eisenbahn, fünf Jahre später bei der Schweizer Bahn. Bei beiden sammelt er erste Erfahrungen mit dem neuen Baustoff Beton – zunächst noch ohne Eisen beziehungsweise Stahl.

Wayss hat einen Riecher dafür, was für eine Zukunft dem neuen Baustoff bevorsteht. Denn schon nach zwei Jahren verlässt er die Schweiz und gründet in Frankfurt am Main mit dem ebenfalls erfahrenen Julius Diss eine Firma. Diss scheidet bald darauf aus und das Unternehmen wird in G.A. Wayss umbenannt. Es ist der Beginn einer schier endlosen Reihe an Firmengründungen, Ein-, Ausgliederungen und Neugründungen. Der rastlose Weichenwärtersohn wird Aufsichtsratsvorsitzender und scheidet wieder aus, gewinnt neue Partner, trennt sich wieder. Die bekannteste, von ihm 1889 mit initiierte, wird die „Beton- und Monierbau AG“, die 1979 als sechstgrößtes deutsches Unternehmen ihrer Branche in Konkurs geht. Wayss schied allerdings vier Jahre nach der Gründung der Vorgängergesellschaft aus.

Zunächst arbeitet Wayss mit „unbewehrtem“ Beton, gänzlich ohne Einbindung von Metall. Dass auch dieser über Generationen halten kann, zeigten die drei, vor gut zehn Jahren abgebrochenen Eisenbahnbrücken zwischen Ersingen und Achstetten. Sie waren aus Stampfbeton gefertigt und hielten fast 100 Jahre.

Als Wayss von dem Patent des französischen Gärtners und Erfinders Joseph Monier (1823 – 1906) erfährt, ändert sich alles. Monier ließ in große Pflanztröge herrschaftlicher Gärten Drahtgewebe einbauen, um ihre Transportfähigkeit zu verbessern. Wayss kauft eine Lizenz für das Patent des Franzosen. Es geht Schlag auf Schlag. Wayss verlegt den Firmensitz nach Berlin, vermutlich, weil es bereits Lizenznehmer für Süddeutschland gibt.

Eintrittskarten für Versuche

Umgehend beginnen Schauversuche. Solche sind notwendig, denn eine Theorie über das Verhalten von Eisen im Beton – zum Beispiel Korrosion  – gibt es nicht. Ab nun beweist der inzwischen 35-Jährige seine vielleicht größten Begabungen: Beredsamkeit, Überzeugungskraft und Verkaufstalent. Mit einer Vielzahl an Schauversuchen – dafür werden Eintrittskarten ausgegeben – und Demonstrationsbauten zieht er durch die Lande. Auf dem Gelände des Münchener Polytechnikums zum Beispiel wird 1877 in Monierbauweise ein Brückenbogen mit zehn Meter Spannweite aufgebaut und einer Belastungsprobe bis zum Bersten unterzogen. Mangels Maschinen, die Druck aufbauen könnten, wird eine Unmenge an Baumstämmen darauf gepackt.

Besonders attraktiv sind die seinerzeit mit viel Aufwand betriebenen Gewerbeausstellungen. 1890 etwa entsteht bei der Nordwestdeutschen Industrieausstellung in Bremen eine begehbare Bogenbrücke. Ein filigraner Hingucker mit 40 Metern Spannweite und einer Scheitelstärke von lediglich 25 Zentimetern. Die neue Technik beginnt die Köpfe der Ingenieure, Architekten und Baumeister einzunehmen, auch dank anderer, sich auf dem neuen Markt tummelnder Konkurrenz.

Wie groß Wayss’ Anteil daran ist, bleibt zeitlebens, noch mehr nach seinem Tod, umstritten. Die einen feiern ihn als Initiator der Berliner Versuche, als Entdecker dessen, dass Eisen die Zugkräfte und Beton den Druck aufnimmt. Österreich – Wayss ist inzwischen nach Wien übergesiedelt – ehrt ihn gar mit dem Titel eines „Kaiserlichen und Königlichen Baurats“. Andere bezeichnen ihn als „sogenannten“ Ingenieur und bezweifeln, ob er sein Studium abgeschlossen hat. Die technische Grundlage habe vielmehr Wayss‘ früherer Partner Mathias Koenen gelegt, Konstrukteur und leitender Tragwerksplaner des Berliner Reichtags. Dieser sei „der geistige Vater des Eisenbetonbaus“.

Die Wahrheit liegt vermutlich wie so oft in der Mitte. Dr. Knut Stegmann (Denkmalpflege des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe) und Sabine Kuban (Brandenburgische Technische Universität) haben zum 100. Todestag von Gustav Adolf Wayss einen Aufsatz veröffentlicht. Sie schreiben den Durchbruch der Monier-Technik den „unterschiedlichen Charakteren und Fähigkeiten“ der Protagonisten zu. Auf der einen Seite Koenens guter Ruf als Statiker und sein Netzwerk in Berlin, auf der anderen Wayss mit Verkaufstalent, erfahren im Aufbau einer Firma und einem „vorwärts strebenden, unruhigen und für die Sache begeisternden Wesen.“ Sicher ist: Er hat die Monier-Lizenz erworben und besaß die darauf aufbauenden Patente. Vielleicht deshalb gehöre Wayss zu den „bedeutendsten deutschen Stahlbetonpionieren“.

Geboren in Erbach stirbt Wayss am 19. August 1917 in Waidhofen an der Ybbs in Niederösterreich.

Info Der Aufsatz „Ruhelos und unsteten Sinnes – Zur Bedeutung des Stahlbetonpioniers Gustav Adolf Wayss (1851–1917)“ ist beim Ernst & Sohn-Verlag, Berlin, erschienen, Heftreihe „Beton- und Stahlbetonbau“, Heft 8, 2017.

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