Neue Beschäftigte an der Raststätte Leipheim arbeiten im Niedriglohnsektor

Löhne, von denen keiner leben kann - solche Jobs gibt es auch in der Region. Ein Beispiel: die Autobahn-Raststätte Leipheim. Einige Beschäftigte dort fordern nun einen gesetzlichen Mindestlohn für ihre Branche.

|
Die Raststätte Leipheim an der A 8 ist das ganze Jahr über rund um die Uhr geöffnet. In drei Schichten arbeiten die Angestellten hier. Wer neu anfängt - und der Wechsel in der Belegschaft ist groß - verdient 7,50 Euro in der Stunde. Beschäftigte fordern nun einen gesetzlichen Mindestlohn  Foto: 

Ein Energydrink und ein belegtes Baguette zum Mitnehmen. Zu mehr reicht es bei einer Pause an der Autobahn-Raststätte häufig nicht. Wer dort hält, hat oft wenig Zeit. Und wer dort arbeitet, hat immer öfter zu wenig Geld. Darauf machen Beschäftigte der Raststätte Leipheim an der A 8 aufmerksam. Der Energydrink und das Baguette kosten dort mehr, als viele von ihnen pro Stunde verdienen. Sie fordern deshalb einen gesetzlichen Mindestlohn für ihre Branche.

Mit 4,04 Euro schlägt an der Raststätte Leipheim allein die Dose Red Bull aufs Portemonnaie. Das belegte Baguette kostet 4,25 Euro. Und Nancy Reinsdorf, die in Leipheim an der Kasse sitzt und immer freundlich lächeln soll, wenn sie von den Kunden solche Preise verlangt, verdient 7,50 Euro in der Stunde - brutto. Zu wenig für die junge Alleinerziehende, die wegen ihrer kleinen Tochter nur in Teilzeit arbeiten kann. Um ihre Miete zahlen zu können, ist sie auf Wohngeld vom Staat angewiesen. Nancy Reinsdorf ist kein Einzelfall. Eine Studie der Uni Duisburg-Essen, aus der die Süddeutsche Zeitung gestern zitierte, hat ergeben, dass fast ein Viertel der Beschäftigten in Deutschland im Niedriglohnsektor arbeitet: Acht Millionen Menschen verdienen laut der Studie weniger als 9,15 Euro brutto pro Stunde. Knapp 1,4 Millionen sogar unter fünf Euro.

Auch an der Raststätte Leipheim sind solche Löhne gang und gäbe. "Vor wenigen Jahren betrug der Stundenlohn noch rund zehn Euro, derzeit bekommen neue Mitarbeiter nur noch 7,50 Euro", kritisiert Tim Lubecki von der Gewerkschaft NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten). Die Unterschiede ergeben sich aus unterschiedlichen Tarifverträgen. Die Raststätte Leipheim gehört der "Tank & Rast GmbH", der fast alle deutschen Raststätten gehören. Sie verpachtet den Betrieb an die "SSP Germany GmbH", nach eigener Aussage "das führende deutsche Unternehmen in der Verkehrsgastronomie". 2011 meldete die SSP ein "Rekordergebnis". Ihr Umsatz betrug mehr als 185 Millionen Euro.

Pächter und Gewerkschaft haben sich im September auf einen neuen Tarifvertrag für die rund 3000 Beschäftigten der SSP geeinigt. Vorher galt für die Mitarbeiter in Leipheim ein Tarifvertrag mit einer anderen Gesellschaft, zwischenzeitlich war die Raststätte gar nicht tarifgebunden. Weil der Pachtvertrag der SSP mit "Tank & Rast" Ende Juni ausläuft, verhandeln die Parteien für die sechs Monate bis dahin über eine "bilaterale Übereinkunft für den Betrieb in Leipheim". Das meldet die SSP auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Aber: "Die Gespräche mit dem Ziel einer Sonder-Regelung für den Betrieb in Leipheim werden derzeit noch geführt."

Die Leipheimer Mitarbeiter wollen aber eigentlich keine "Sonder-Regelung", sondern einen einheitlichen Mindestlohn von 8,50 Euro für die ganze Branche. An der Raststätte, die täglich 24 Stunden geöffnet ist, müssen schon viele Mitarbeiter mit Staatshilfe aufstocken oder haben einen Zweitjob. Und viele schmeißen den Job schnell wieder hin. "Aufgrund der niedrigen Bezahlung, den Belastungen des Schichtdienstes und der schlechten Arbeitsbedingungen kündigen neue Kollegen, schon kurz nachdem sie von uns eingearbeitet sind", schreiben die Leipheimer in einem Offenen Brief, den sie der Sendener Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz (Grüne) übergeben haben. Deligöz sagte ihre Unterstützung zu, außerdem will sie die Leipheimer Anliegen an Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) weitergeben.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ratiopharm Ulm gegen Oldenburg: Im Norden nichts Neues

Basketball-Bundesligist Ratiopharm Ulm steckt weiter in der Krise. Die Schwaben verloren bei den EWE Baskets Oldenburg mit 83:94 und kassierten die fünfte Niederlage im sechsten Spiel. weiter lesen