Nachsitzungen eines Bierbänklers

Lobeshymnen und "Grabreden" sind seines nicht: Und doch wird es heute, am 60. Geburtstag von Sigisbert Straub, beides geben. Denn in zehn Wochen sagt der volksnahe Schultes Ade - nach 32 Dienstjahren.

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Nein, dieser Geburtstag sei nichts Besonderes, "schon eher eine Alterserscheinung", versichert Sigisbert Straub und lacht. Eigentlich. Denn der Dietenheimer Rathauschef weiß natürlich um die Konsequenzen, die der heutige 3. März nach sich ziehen wird. Schon 1983, zu seinem 25-Jahr- Jubiläum im öffentlichen Dienst, hatte der damals 41-Jährige einen Schlussstrich mit 60 Lebens- und 32 Dienstjahren angekündigt. Nun ist es soweit. Und so gesehen ist das 60. Wiegenfest für den dienstältesten Bürgermeister im Alb-Donau-Kreis heute eben doch etwas Besonderes.

Es beginne in Kürze "eine Zeitschiene, in der ich mit mir noch ohne große Wehwechen etwas anfangen kann", sagt Straub und meint damit nicht nur das geliebte Reisen, sondern auch spontane Unternehmungen, vor allem mit den drei Enkelkindern. Wenn er Mitte Mai seinen rustikalen Schreibtisch im Rathaus in der Königstraße räumt, wird er auch froh darüber sein, Verantwortung und Verpflichtung abgeben zu können. "Denn mit zunehmendem Alter drückt einen manches doch anders", räumt er ein. Am meisten freut sich Straub aber darauf, seine Zeit selbst planen zu können.

So wie Straub sein Amt verstand, war er oft fremdbestimmt. "Bestimmt 75 Prozent", rechnet er hoch. Vereinsversammlungen, Einweihungen, Geburtstage, Gartenhocks, Jubiläen, Sitzungen: Der Bürgermeister ließ selten etwas aus. Informationen aus erster Hand, Stimmungen mit dem Ohr am Bürger auszuloten: Das war ihm wichtig, ist es noch. "Ich arbeite ja noch und habe das auch bis zu meinen letzten Tag vor", stellt er klar. Gemütlich auslaufen lassen? Mit ihm nicht. Mehr Berufung denn Beruf - so sieht er seinen Job bis zuletzt.

Ob staatstragend in Uniform bei der Bürgerwehr, als Vorsitzender beim Roten Kreuz in Regglisweiler, als Mitglied im Sportverein oder wie zuletzt als blond-perückte, grell geschminkte Prinzessin in der geliebten Fasnet: Der Schultes mischt sich überall und immer unters Volk. Es gibt nur wenige Vereine am Ort, denen er nicht beigetreten ist. Sein Wunsch: ein Bürgermeiser zum Anfassen sein. Lauert bei so viel Leutseligkeit nicht die Gefahr mangelnder Distanz? Bei aller Nähe habe er den nötigen Abstand und die Objektivität nie vergessen, verwahrt sich der Schultes. Kein Steifkragen, aber auch kein Gemeindekasper und Abnicker.

"Ein Drittel eines Bürgermeister- Gehalts wird auch für Schelte bezahlt", meint Straub im Rückblick. Allen alles recht machen, das gehe in diesem Job nicht. Ein breites Kreuz habe er mitgebracht, sagt er. Und doch: Kritik, vor allem, wenn sie ihm unsachlich und unangebracht erscheint, vermag ihn zu treffen. Und dann kann auch ein sonst so gemütlicher Sigisbert Straub impulsiv abkanzeln - wortgewaltig und lautstark. Ausgedehnte Sauna-Stunden und Allgäuer Kässpätzle, das Lieblingsgericht des gebürtigen Leutkirchers, liebevoll zubereitet von Ehefrau Marianne, helfen bis heute, Ärger auf ein erträgliches Maß herunterzufahren. So oder so: Seine Ziele verfolgte der Diplom-Verwaltungswirt auch schon in jungen Jahren beharrlich und mit Durchsetzungskraft - "manche haben das als Dickköpfigkeit missverstanden", sagt er.

Viele Anfeindungen musste er beispielsweise mit der Einrichtung des Übergangswohnheim einstecken, "damals einfach die sinnvollste Lösung". Gemeinderatssitzungen mit bis zu 80 mitunter aufgebrachten Bürgern waren da keine Seltenheit. 2600 Aussiedler durchliefen das Haus, an die 500 ließen sich letztlich dauerhaft in der Stadt nieder. 15 Jahre lang beschäftigte ihn dieses Thema.

Eine andere Geschichte hat ihn besonders gewurmt. Nichtöffentlich forderte vor vielen Jahren ein Teil des Gemeinderats, die Gewerbesteuern zu erhöhen. Als der Schultes die Erhöhrung in öffentlicher Haushaltssitzung durchboxen wollte, ließ man ihn im Regen stehen. Die Namen der Umfaller notierte er auf einem Zettel, den er jahrelang im Geldbeutel verwahrte - zum Missfallen der betroffenen Räte. Erst viel später verbrannte er die Notiz.

Denn im Grunde genommen, so sagt Straub über Straub, sei er nicht nachtragend. Das sehen auch seine Mitarbeiter im Rathaus so. "Kann mal ordentlich poltern, aber hinterher ist wieder schnell gut". Jede EDV-Neuerung im Haus erwartete der technikverliebte Computer- freak mit großer Vorfreude. Auch privat ist Straub in Sachen Handy und Laptop stets "up to date". "Der hat schon souverän seinen Kalender damit verwaltet, da hatte ich noch nicht einmal ein Handy", erzählt ein Stadtrat.

Kanalisation und Wasserversorgung, Feuerwehr und Sporthalle, Bürgerhaus und Rathaus, Baugebiete und Marktplatz, Seniorenwohnheime und Kindergärten, und, und, und: Unter viele große Projekte kann der Schultes den Erledigt-Haken setzen. Besonders stolz ist er auf sein jüngstes "Baby", die Photovoltaik-Anlage in Regglisweiler. "Eine Gelddruckmaschine, bei der für die Stadt finanziell richtig was hängenbleibt", freut er sich.

"Angehefelt" wie er sagt, also noch in die Wege geleitet vor seinem Abschied, hat der CDU-Mann den Kreisverkehr und den Unterer Wangerer Weg sowie die Sporthalle und ein Kinderhaus in Regglisweiler. Gern hätte er in seiner Amtszeit ein Eiscafé realisiert, seit Jahrzehnten ein großer Wunsch. Doch die Dietenheimer Stadtkernsanierung ist wohl selbst für vier Amtsperioden zu umfangreich. Auf den Nachfolger warten genug Aufgaben.

Fehleintscheidungen? Zu Beginn seiner Amtszeit kaufte er für die Stadt das Gelände der alten Schmiede in der Wainer Straße auf, um es kurze Zeit später aus finanziellen Gründen wieder an Privat zu veräußern. "In 30 Jahren ist da nichts passiert." Dieser Anfänger-Fehler wurmt ihn bis heute.

"Lieber einmal mehr eine Sau schlachten als einmal zuviel streiten": Getreu diesem Credo hat Straub "Nachsitzungen" auf den Plan gerufen, von denen man noch heute redet. Will heißen: War sich der Gemeinderat uneins, drohten Streit, womöglich gar unüberwindbare Gräben, lud "Sigi" gern an den Kneipentisch. Dort war die Atmosphäre weniger aufgeladen, kam man meist zu gangbaren Lösungen. "Ich habe mich nie als Alphatier gesehen, sondern als Bierbänklertyp", beschreibt er sich lachend. Stolz ist er darauf, dass unter seiner Regie mit fairen Bandagen gekämpft wurde und dass es auch in seiner Verwaltung menschlich nie Probleme gab.

Heute an seinem 60. Geburtstag lädt der Bierbänkler nicht zum festlich-steifen Empfang, sondern zum ungezwungenen Weißwurst-Frühstück, am besten mit aufgekrempelten Ärmeln am (Bier)tisch.

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