Mit dem Bus auf großer und auf kleiner Fahrt

Ein Bus mit Holzgasmotor und Eier als Fahrergeld standen am Beginn der Firma Bottenschein. Seit 60 Jahren befördert das Ehinger Unternehmen Reisende - selbst ein Ausflug ins All zählte zum Angebot.

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Sonderfahrt: Ehinger Reisefreunde bei einem Ausflug ins Grüne. Mit einem 22-Sitzer startete die Firma Bottenschein einst den Busbetrieb. Privatfoto

Stotternde Motoren, wütende Grenzer, verwirrte Ordensschwestern - Busfahrten konnten früher zum kleinen Abenteuer werden. Über das Reisen einst und jetzt ist viel beim Ehinger Unternehmen Bottenschein zu erfahren. Seit sechs Jahrzehnten befördert die heute von Horst und Renate Bottenschein geführte Firma Reisende in alle Welt. Anfangs begleitet von viel Rauch. Mit Holzgas-Fahrzeugen sammelte Unternehmensgründer Willi Bottenschein nach dem Krieg erste Erfahrungen als Chauffeur. Nicht selten nahm er Rauchfleisch oder Eier als Fahrgeld entgegen.

Im Jahr 1952 erteilte die Stadt Ehingen Willi Bottenschein und seiner Frau Hildegard die Genehmigung für das eigene Unternehmen. Höchstens 22 Sitzplätze durfte ihr Bus haben, den die Ehinger für Vereins- und Betriebsausflüge, Kegelclubreisen und Hochzeiten buchten. Ein eigenes Auto besaßen damals nur wenige. Vor allem im Winter brachte Willi Bottenschein auch Pendler mit seiner Arbeiterlinie in die Unternehmen. Bereits ein Jahr nach Firmengründung musste der 22-Sitzer einem Luxusbus mit 34 Schlafsesseln weichen. Zum Angebot des jungen Unternehmens gehörten fortan auch Auslandsreisen.

Wie es damals zuging, schildert Willi Bottenschein in dem amüsanten Buch "Chauffeur kaputt. Die heiteren Abenteuer des Busfahrers Bottenschein": Mit Studenten aus Tübingen und Göttingen brach Bottenschein zum ersten Mal nach Neapel auf. "Nach Italien - das war eine Sensation damals." Und nicht ganz ungefährlich. Unterwegs versagten die Bremsen, ein Reserverad löste sich und überholte den Bus. In Rom musste ein Fahrgast vorübergehend den Anhänger des Busses festhalten, weil die Anhängerkupplung sich gelockert hatte.

Wichtig in der katholisch geprägten Region waren die Wallfahrten. Mit dem Bus ging es nach Altötting, Einsiedeln und Schönstatt Vallendar. Zum Glück lief dabei nicht jede Fahrt so turbulent ab wie die Reise, die Willi Bottenschein in seinem Buch schildert: Ordensschwestern hatten sich bei einem Stopp in München verlaufen und wurden von der Polizei eingesammelt, weil sie total verwirrt den Straßenverkehr durcheinander brachten.

In Erinnerung bleibt dem Seniorchef auch eine spätere Fahrt mit der Jungen Union ins damals noch geteilte Berlin: Der Bus wurde von einem Panzer gestoppt, weil junge Christdemokraten den DDR-Grenzern bei der Abfahrt von der Grenzstation den Vogel gezeigt hatten. Die JU-Mitglieder mussten sich als unzurechnungsfähig darstellen, um weiterfahren zu dürfen. Einige hatten den Stopp indes genutzt, um eine Hammer-und-Zirkel-Fahne vom Mast zu holen und mitzunehmen, was den ansonsten stressfesten Busfahrer nicht nur ein wenig nervös werden ließ.

Bald waren die Kapazitäten des einzigen Bottenschein-Busses erschöpft, ein zweites und drittes Fahrzeug kamen von 1958 an hinzu. Die Familie baute 1959 in der Ehinger Hehlestraße ein Wohnhaus mit Wartungshalle für die Omnibusse. 1975 war die Zeit dann reif für einen weiteren Bau. Der neue Betriebshof in der Ulmer Straße bot der Firma mehr Platz. Bis heute ist dort der Standort des Unternehmens in Ehingen.

Der heutige Geschäftsführer Horst Bottenschein, Sohn des Firmengründers, trat nach einem Wirtschaftsingenieurs-Studium und Tätigkeiten bei Audi und Siemens 1987 ins Unternehmen ein. 1996 erwarb die Firma das Busunternehmen König-Panis aus Laupheim, 2001 das Unternehmen Schwenkkrauss in Blaubeuren.

Ein spektakuläres Angebot verschaffte Horst Bottenschein 2003 einen Auftritt im Fernsehen: eine Kurzreise ins Weltall für 111 111 Euro. Ein Reisender fand sich aber nicht. 2004 eröffnet Bottenschein eine Filiale in Peking, um für chinesische Kunden Reisen in Europa zu organisieren. Kerngeschäft des 60 Mitarbeiter zählenden Betriebs aber bleiben Busreisen. Und in dieser Sparte, sagt Horst Bottenschein, seien die Ehinger einer der größten Anbieter in Süddeutschland.

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