Ministranten rätschen zum Gebet

Am Gründonnerstag fliegen die Glocken nach Rom, heißt es in katholischen Überlieferungen. In Trauer um Christis Tod gibt es drei Tage lang kein Kirchengeläut. Statt dessen wird gerätscht. Auch in Dietenheim.

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Einsatz im Kirchturm der Dietenheimer Martinuskirche: Viel Kraft benötigen die Ministranten, wenn sie die Kurbeln der Rätschen drehen.  Foto: 

Die Dielenbretter vibrieren, an den Fußsohlen kitzelt es, der Krach ist ohrenbetäubend: In der kleinen Turmkammer, hoch oben in der Dietenheimer Martinuskirche, sind die Ministranten zusammengekommen, um einen Brauch auszuüben, den es in der Stadt seit vielen Jahren gibt: das Osterrätschen. An den Wänden aus roten Ziegelsteinen stehen vier Rätschen aus Holz. Einmal im Jahr kommen diese Krachmacher zum Einsatz. Genauer gesagt zehn Mal - von Gründonnerstag bis Ostersamstag. Dann kurbeln die Jugendlichen, was das Zeug hält. Nicht nur eine laute, sondern auch eine kraftzehrende Angelegenheit, weshalb Oberministrant Felix Wiederer jeden Einsatz mit doppeltem Personal besetzt. Bis zu acht Leute bestellt er jeweils ein. "Dann können wir uns abwechseln", erklärt der 15-Jährige.

In der Trauer um den Tod Jesu Christi schweigen in vielen katholischen Gemeinden die Kirchenglocken drei Tage lang. "Am Gründonnerstag fliegen die Glocken nach Rom", heißt es in Überlieferungen. Zu hören sind nur die nüchternen Stundenschläge. Um die Gläubigen gleichwohl an Gottesdienste und Gebetszeiten zu erinnern, kommen, vor allem im oberschwäbischen Raum und im angrenzenden Österreich, Rätschen zum Einsatz.

In Dietenheim sind es drei kleine und eine große, die ungefähr 30 Meter über dem Erdboden in der kleinen Turmkammer die meiste Zeit unbeachtet bleiben. Gebaut wurden sie in der Dietenheimer Schreinerei Maurer. Und das kam so: Der kleine Ministrant Josef Maurer fieberte nach seiner Erstkommunion seinem ersten Einsatz als "Rätscher" im Kirchenturm entgegen. In den 70er Jahren war das. Doch die Holzrätschen, die seinerzeit noch im Glockenstuhl lagerten, waren wurmstichig, halb verfault und kaum mehr zu gebrauchen.

"Da machen wir was Neues", versprach der Papa und Schreinermeister nach einer In-Augenscheinnahme. In der Werkstatt Maurer entstanden nach und nach drei kleinere Rätschen. Die Klangkörper wurden aus Fichtenholz gezimmert, die Hämmer und Federn aus Esche und die Kurbel aus Hainbuche. "Das ist das härteste Holz, das es bei uns gibt. Es hält am längsten", erzählt Josef Maurer, der heute 50 Jahre alt und längst Schreinermeister in dem Betrieb ist, den er vom Vater übernahm. In seine Lehrlingszeit fiel der Bau der Riesenrätsche, bis heute das Paradestück im Kirchturm. Sie ist etwa zwei Meter lang, einen Meter breit und 80 Zentimeter hoch. Um die 80 Arbeitsstunden investierte der Jugendliche damals in ihren Bau. "Gefertigt im Heiligen Jahr 1984 von Josef Maurer" ist auf einem Schild zu lesen. Maurer erinnert sich noch gut, wie schweißtreibend die Aktion seinerzeit war, die in ihre Einzelteile zerlegte Rätsche sage und schreibe 400 Treppenstufen hoch in den Glockenturm zu wuchten. Um sie dann, ein paar Jahre später, wieder ein Stockwerk nach unten zu transportieren. "Pfarrer Schmid war die Rätscherei in dem beengten Glockenturm zu gefährlich", erinnert er sich.

In der Kammer unter dem Glockenstuhl haben die Ministranten in der Tat mehr Platz. Emil, mit seinen neun Jahren an diesem Tag der Jüngste, kurbelt zu Demonstrationszwecken wie ein Besessener. "Ein bisschen kann man sich da auch abreagieren. Wie im Fußball."

Felix Wiederer hat die 57 Dietenheimer Ministranten in zehn Teams eingeteilt. Jeder soll zweimal rätschen dürfen, sagt er. Am Karfreitag, waren die Rätscher fünfmal gefragt: um 6 Uhr und 9.15 Uhr am Vormittag, sowie um 12, um 14.45 und 19 Uhr. Am Samstag heißt es für acht Buben und Mädchen erneut: früh aufstehen zum 6-Uhr-Rätschen. Danach gibt's Frühstück bei Pfarrer Gerhard Bundschuh. Um 12, 19 und um 20.15 Uhr wird erneut gerätscht, dann ist Schluss. Die Ministranten hoffen, dass der Wind ihrem Tun gesonnen ist. "Wenn er aus der richtigen Richtung kommt, kann man das Knattern fast bis an den Stadtrand hören", erzählt einer.

Im Haus Maurer steht derweil schon die nächste Generation bereit: Sohn Michael kommt in diesem Jahr zur Kommunion. Ostern 2017 hat der Ministrant seinen ersten Einsatz - auf des Vaters eigenhändig gebauter Riesenrätsche.

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