Mehr als „Made in Germany“ bei der Modemesse in Dietenheim

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Viele Interessierte tummelten sich auf der Messe von „Dietenheim zieht an“ und begutachteten die Angebote.  Foto: 

Lange bevor die Kleider-Tauschbörse ihre Tür in der Stadthalle öffnete, versammelten sich dort Tauschwillige, um nicht den Rock der Nachbarin oder die Bluse der Mitschülerin vor ihren Augen weggegriffen zu bekommen. „Voriges Jahr war nach einer Viertelstunde schon alles weg“, sagte Claudia, und Svenja, die gerade aus dem Nähcafé kam, wo sie sich einen Rock genäht hatte, sagte: „Diesmal ist viel mehr dafür geworben worden auf Plakaten, so dass es diesmal auch viel mehr Menschen wissen. Da muss man also extra früh dran sein.“

Um Punkt 16 Uhr ließen die Mitarbeiter der Gruppe „Oikos“ aus Reutlingen die Besucher ein, die sich wühlend um die neun Kleiderständer formierten, auf denen die Reutlinger Studenten die Kleidung nach Größen geordnet hatten. „Wir waren schon voriges Mal überwältigt ob der Resonanz hier“, sagte Anja Scharpf. Letztlich wurden aber nicht mehr Kleidungsstücke gebracht als bei der ersten Kleider-Tauschbörse von „Dietenheim zieht an“. „Das ist aber auch gut so, denn wir hätten keinen Kleiderständer mehr gehabt“, meinte die junge Frau.

Obwohl einige der Besucher das Angebot der Kleider-Tauschbörse lediglich als nahe gelegenen Flohmarkt nutzten, zeigte die Beteiligung doch, dass das Konzept, Berührungspunkte mit nachhaltigem Konsumverhalten zu schaffen, aufgeht. Während in der Turnhalle die Aussteller nachhaltig produzierte Textilware präsentierten, die so gar nicht mehr dem Bild des Birkenstock-Sandalen tragenden Ökos entspricht, wurde in der Stadthalle bei Vorträgen und einer Podiumsdiskussion das in Worte gefasst, was die gesamte zweite Veranstaltung „Dietenheim zieht an“ im Praktischen als eintägiges Unterhaltungsprogramm anbot: Kleine nachhaltige Schritte wie der Kauf eines fairen T-Shirts oder der Verzicht eines Kaufs zugunsten eines Tauschs.

„Die Frage ist bei nachhaltig hergestellten Produkten nur, wieweit sich die Wertschöpfungskette tatsächlich nachverfolgen lässt“, sagte die Bloggerin Nina Lorenzen, die neben Andreas Merkel von Otto Garne, Kinga von Gyökössy-Rudesdorf von der Kampagne „Saubere Kleidung“, Martin Kluck vom Modeunternehmen „Kipepeo Clothing“, und neben Nina Arndt vom Label „Instinct Organic Sportwear“ auf dem Podium saß. Denn auch der Begriff „Made in Germany“ sei nicht immer ein Garant für Qualität und Nachhaltigkeit. „Denn entscheidend für die Bezeichnung ‚Made in Germany‘ ist nur, dass der letzte Produktionsschritt hier stattfindet“, sagte Merkel. Und gerade in der Textilwirtschaft sei der Nachvollzug extrem schwer, meinte er, weil dort die Wertschöpfungskette so komplex sei. Ein Aspekt, den auch Kluck bestätigte, der mit seinem Projekt in Tansania produziert: „Niemand kann garantieren, dass keine Kinder auf den Farmen mitarbeiten“, sagte er. „Es ist mittlerweile super einfach, in Bangladesch oder China zu produzieren“, meinte Arndt deren Näherei in Ostdeutschland ist. „Und da ist dann alles so weit weg, dass wir nicht mitbekommen, wie produziert wird.“

„Das Konzept kommt an“

Während viele Besucher nicht nur an der Kleidertauschparty teilnahmen und den Vorträgen lauschten, schlenderten auch zahlreiche Menschen über den als Rahmenprogramm von der Stadt Dietenheim veranstalteten Wochenmarkt, bestaunten die Modenschau und gaben sich kulinarischen Genüssen zu Klängen der Stadtkapelle hin. Während die Messe als Teil des Forschungsprojekts „Nachhaltige Transformation der Textilwirtschaft am Standort Dietenheim“ bei der Premiere im vergangenen Oktober mehr als 2000 Besucher anlockte, sprach der Leiter, Professor Martin Müller, gegen Ende der Veranstaltung von einem Riesenerfolg. Zwar müsse man die Ergebnisse in den nächsten Tagen und Wochen noch gründlich ausarbeiten, eins sehe man aber jetzt schon: „Das Konzept kommt an.“

Detox My Fashion Im Juli des Jahres 2011 rief Greenpeace diese Kampagne aus, die sich auf gefährliche Chemikalien fokussiert, die von der Bekleidungsindustrie produziert werden und damit nicht nur das Wasseraufkommen auf der ganzen Welt verschmutzen, sondern sich auch im Körper anreicherten. Greenpeace appellierte an die einzelnen Bekleidungsunternehmen, dass sie die Herstellungsverfahren ihrer Zulieferer nochmals prüfen, um diese toxischen Substanzen zu unterbinden. Bisher konnte Greenpeace 76 internationale Modemarken, Händler und Lieferanten dazu bringen, bei der Kampagne „Detox My Fashion“ zu unterschreiben. „Zum Glück sind wir mit unserem Anliegen für Nachhaltigkeit nicht alleine, wie man hier in Dietenheim sieht“, sagte die Greenpeace-Aktivistin Dorothea Fellner bei ihrem Vortrag „Vom Ende der Mode als Wegwerfwaffe“. lms

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