Macht und Ohnmacht in Brasilien

Profitgier und Rohstoffhunger lassen Amazonien ausbluten. Gerd Rathgeb engagiert sich seit Jahren für den Erhalt des brasilianischen Regenwalds und hielt im Laichinger alten Rathaus einen Vortrag.

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Mit kleinen Solarlampen kann Menschen geholfen werden, die ohne Strom in Hütten leben. Gerd Rathgeb berichtete aus Amazonien.  Foto: 

"Wir wollen uns nicht nur mit lokalen Themen auseinander setzen, sagt die Volkshochschulleiterin Ilse Fischer-Giovante, "sondern auch global denken". Deshalb kam Gerd Rathgeb vom Stuttgarter Verein Poema nach Laichingen und machte deutlich, dass das Ferne ziemlich nah ist. Denn wird in Amazonien der Regenwald gerodet, leiden zwar zuerst die Menschen in Brasilien, aber der Tod einer grünen Lunge in Südamerika beeinträchtigt irgendwann auch die "Atmung" in Europa. Die Abholzung des Regenwaldes und die anschließende Erosion des Bodens hinterlassen unfruchtbare, sprichwörtlich verbrannte Erde. Gerd Rathgeb war im November 2015 vier Wochen lang in den brasilianischen Bundesstaaten Para und Maranhao unterwegs, um Hilfsprojekte zu besichtigen.

"Die Leute schilderten uns ihre Trinkwasserprobleme in einem der wasserreichsten Ländern der Erde, sie berichteten von Trockenheit, der Holzmafia und den gesundheitlichen Problemen", berichtete Gerd Rathgeb. In seinem Vortrag machte der ehemalige Daimler-Betriebsrat klar, dass Brasilien in einer schweren ökonomischen und ökologischen Krise steckt. Gerd Rathgeb kam Anfang der 90er Jahre nach Brasilien, weil Daimler dort LKW baut. Die Polsterung für die Sitze und die Rückenlehnen der Fahrzeuge wurden damals aus Kokosfasern in einem kleinen Betrieb hergestellt. Die Produktion wurde eingestellt, aber Rathgeb ließ das Land nicht mehr los.

In seinem Vortrag berichtete er von illegal geschlagenem Holz und illegalen Sägewerken, die schneller verschwinden als sie kontrolliert werden können. Man könne in Brasilien ohnehin nicht von einem Rechtsstaat sprechen, bemerkte der Redner, "denn ohne Schmiergeld geht dort nichts". Der Regenwald werde nicht nur wegen des hochwertigen Holzes gerodet, sondern auch, um Rinderweiden anzulegen. Brasilien exportiert Rindfleisch nach China und in die arabische Welt. Doch die Weiden seien nach ein paar Jahren erschöpft, das Land unfruchtbar. Zudem bedrohe die Holzmafia die Reservate der Kaapor-Indios und würde auch nicht vor Morden zurückschrecken.

Auf ihrer Reise besuchten Gerd Rathgeb und seine zwei Begleiter die Stadt Santarém, um zu überprüfen, ob die von Poema finanzierten Trinkwasseranlagen funktionieren. Die mit Solarpumpen ausgestatteten Wasseraufbereitungsanlagen, in denen Flusswasser gereinigt wird, sollen nach Möglichkeit mit Geräten bestückt werden, die das Wasser mit UV-Licht entkeimen.

Die Deutschen besichtigten auch Verladestationen von Futtermittelkonzernen. Für den Soja-Anbau wird ebenfalls Regenwald geopfert. Besucht wurde auch die Stadt Altamira am Rio Xingu. Dort baut die Regierung ein Prestige-Objekt, das Kraftwerk Belo Monte. Die deutsche Firma Voith Heidenheim liefert dafür die Turbinen und Generatoren. Durch den Kraftwerkbau, dessen Stausee eine Fläche in der Größe des Bodensees überschwemmen wird, mussten Menschen umgesiedelt werden. Diese Menschen werden nach Altamira vertrieben, einer Stadt, die sich mittlerweile zu einer Drogenstadt gewandelt habe, berichtet der dortige Bischof Erwin Kräutler, ein österreichischer Geistlicher, der unter Polizeischutz steht und Träger des alternativen Nobelpreises ist. In deren Siedlungen gebe es keine Infrastruktur, keine Schulen und keine Krankenstationen, erzählte Rathgeb.

Die hoffnungsvollen Projekte nehmen sich in Amazonien gegen die Umweltzerstörung geradezu winzig aus. Und doch gibt es sie. Gerd Rathgeb berichtete von der Schule "Casa Familia Rural", in der auch landwirtschaftliches Wissen vermittelt wird. Die Schüler sind teils in der Schule und teils zu Hause, wo sie ihr Wissen über Gemüseanbau und Viehzucht anwenden. Poema finanzierte die Trinkwasseranlage und will Ventilatoren für die Schlafräume anschaffen.

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